Japan und Deutschland - zwei Hochtechnologienationen auf dem absteigenden Ast? Sieht man Innovationsfähigkeit als reines Privileg der jüngeren Generation, dann tun Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der Tat gut daran, den ”langen Atem der Demografie“ zu fürchten. Kurzfristige Kurskorrekturen? In beiden Ländern Fehlanzeige bei Geburtenraten, die zu den niedrigsten weltweit gehören, und einer zunehmenden Alterung.
Schumpeter beschreibt Innovation als ”Prozess schöpferischer Zerstörung“, der von den beiden Elementen Erfindung und Umsetzung gleichermaßen getragen wird. Und tatsächlich: Bei so bahnbrechenden Errungenschaften wie dem Benzinmotor vergingen vom ersten Gedanken bis zur Marktreife 26 Jahre. Beim Reißverschluß waren es gar 32. Was nun, wenn technologische Errungenschaften, aber auch die für jede Gesellschaft überlebensnotwendige Erneuerung nicht nur taufrischen Fachwissens, verrückter Ideen und einer Portion jugendlichen Übermuts bedürfen, sondern die Verwirklichung letztlich auch von der Erfahrung und Lebensweisheit der älteren Generation getragen wird?
Ein Hintertürchen aus dem Dilemma erkannt, werfen wir einmal in die Waagschale, was Japan und Deutschland zum Thema Innovation, Alt und Jung zu bieten haben. Erneuerung entspringt in beiden Ländern gänzlich verschiedenen Quellen: Der Philosophie des Kai-Zen entsprechend geschieht in Japan Veränderung in kleinen Schritten. In Deutschland dagegen wird von der breiten Masse als innovativ oft nur begriffen, was durch radikale, sprunghafte Veränderung entstanden ist. Gleichzeitig scheint Alter und Erfahrung in Japan eine andere Bedeutung zu haben: Man glaubt an das Potenzial der Älteren und deren Beitrag zur kontinuierlichen Erneuerung, während in Deutschland das Alter, ab dem man zum alten Eisen zählt, stetig sinkt. Oft bleibt nur die Frühverrentung als Ausweg oder Abschiebestation, wohingegen es in Japan geradezu eine Frage der Ehre ist, möglichst lange aktiv am Arbeitsleben teilzunehmen.
Wie lohnend für Japan ein Blick über den kulturellen Tellerrand sein könnte, wird z.B. am unterschiedlichen Umgang mit der (zahlenmäßig knapper werdenden) jungen Generation deutlich: Erst Bildung und Sozialisation lässt sie zu kreativen Menschen heranwachsen; zu Menschen, die bereit sind, Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft zu übernehmen. Das vielfältige und – im Idealfall – zu selbständigem Denken ermutigende deutsche Bildungssystem scheint mir besser geeignet als das japanische System, das zwar effizient formales Wissen vermittelt, aber vermutlich weniger Raum für individuelle Entfaltung bietet.
Anstatt uns weinerlich angesichts des drohenden demografischen Big-Bangs in Selbstmitleid zu baden, sollten wir vielmehr ein offenes Geheimnis der Innovationsforschung für uns entdecken: Über entferntere Kontakte können bis dato unbekannte Netzwerke erschlossen werden. Wirkliche Innovation entsteht demzufolge eher durch ’weak ties’ und weniger beim Aufeinandertreffen von Systemen, die ohnehin eng miteinander verbunden sind. Die Kooperationsmöglichkeiten zwischen Japan und Deutschland liegen damit auf der Hand: Gerade die kulturelle Verschiedenheit im Umgang mit Innovation und den Generationen bietet uns eine gedankliche Spielwiese, auf der man kreativ sein kann. Diese gilt es zu nutzen. Denn große Herausforderungen wie der Erhalt der Zukunftsfähigkeit in Zeiten des demografischen Wandels in beiden Ländern bedürfen innovativer Ideen. Und die entwickelt man am besten gemeinsam.
khf
Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine leicht veränderte Version eines Essays im Rahmen des Aufsatzwettbewerbs 2006 des Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten Japans zum Thema "Geburtenrückgang, Überalterung der Gesellschaft und Innovation: Möglichkeiten der japanisch-deutschen Zusammenarbeit".