Interview mit Harald Wilkoszewski, Politikwissenschaftler und Demograf am MPIDF.
Wir leben immer länger - und arbeiten immer kürzer. Nur rund 40 Prozent aller Deutschen zwischen 55 und 64 Jahren sind heute erwerbstätig. Angesichts der demografischen Entwicklung wird die geringe Beschäftigungsquote Älterer zum gesellschaftlichen, unternehmerischen und persönlichen Problem. Bis zum Jahr 2050 wird sich das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern dramatisch verschieben. Das Statistische Bundesamt prognostiziert z.B. einen Anstieg des Altenquotienten von 44 auf 78, das heisst: Auf 100 Personen im Erwerbsalter (20 – 59 Jahre) kämen dann 78 potenzielle Rentner (über 60 Jahre). Bereits 2001 hat der Europäische Rat deshalb die gemeinsame Vorgabe erlassen, die Beschäftigungsquote in der Altersgruppe 55+ bis zum Jahr 2010 in allen EU-Staaten auf mindestens 50 Prozent anzuheben. In Deutschland müssten dazu künftig rund 800.000 ältere Menschen mehr arbeiten. Welchen Beitrag die Politik leisten könnte, erläutert Harald Wilkoszwewski vom MPIDF in Rostock.
Herr Wilkoszewski, über eine Anhebung des gesetzlichen Rentenalters von heute 65 auf 67 Jahre herrscht in den Parteien weitestgehend Konsens. Ist das die richtige Antwort auf den Demografischen Wandel?
Wilkoszewski: Schon heute arbeitet in Deutschland kaum jemand bis zur offiziellen Grenze von 65 Jahren, das faktische Renteneintrittsalter liegt bei knapp 60 Jahren. Wenn es gelingt, den bestehenden Spielraum von fünf Jahren besser auszuschöpfen, braucht man das gesetzliche Rentenalter vorerst nicht anzuheben.
Warum ist denn schon so früh Schluss – wollen die Leute nicht länger arbeiten?
Wilkoszewski: Wenn man sich im persönlichen Umfeld umhört oder Umfragen studiert, gewinnt man tatsächlich den Eindruck, dass die meisten Menschen nicht erst mit 65 aufhören wollen. Das liegt allerdings vor allem an den gegenwärtigen Rahmenbedingungen. Alter ist heute auf dem Arbeitsmarkt ein Nachteil. Die Gefahr, den Job zu verlieren und keinen neuen mehr zu finden, ist mit Mitte 50 deutlich höher als mit Mitte 30. Die Rente bietet Sicherheit, man muss nicht mehr um den Arbeitsplatz kämpfen.
Wir haben also in erster Linie ein Arbeitsmarktproblem?
Wilkoszewski: Genau. An den heutigen Problemen des Sozialversicherungssystems sind ja auch nicht die vielen Alten schuld, sondern hauptsächlich die beträchtlichen Steuer- und Beitragsausfälle aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit. Der Demografische Wandel wird sich hier erst in den kommenden Jahrzehnten bemerkbar machen. Trotzdem begründen Politiker die heute erforderlichen Sparmaßnahmen, wie z.B. weniger Arbeitslosengeld für Ältere oder Abstriche bei den Möglichkeiten zur Frühverrentung, gerne mit dem zukünftigen demografischen Zwang länger zu arbeiten.
Hilft uns das Sparprogramm denn, die Konsequenzen des Demografischen Wandels zu bewältigen?
Wilkoszewski: Das kann man pauschal schwer beantworten. Nehmen wir das Beispiel Altersteilzeit. In der Praxis hat sich das bisherige Modell tatsächlich als verdecktes Frühverrentungskonzept erwiesen. In den allermeisten Betrieben wird Altersteilzeit nur im Block gewährt: Statt Arbeitnehmer bei reduzierter Stundenzahl bis zum Rentenalter zu beschäftigen, lassen die Unternehmen das Stundenpensum in Vollzeit ableisten und schicken die Leute dafür schon mit Ende 50 nach Hause. Die Idee eines gleitenden, an die Leistungsfähigkeit angepassten Übergangs in den Ruhestand wird so natürlich ad absurdum geführt. Grundsätzlich wäre das aber sinnvoll. Statt die Altersteilzeit wie geplant bis 2009 komplett abzuschaffen, sollte man sie also lieber modifizieren.
Welchen Vorteil hätte denn so ein sanfter Ausstieg bei reduzierter Stundenzahl?
Wilkoszewski: Nun, zum einen ist das natürlich von Vorteil, wenn ich aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten möchte. Ein wichtiger Aspekt ist auch die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, wenn z.B. ein Elternteil oder der Partner pflegebedürftig werden. Oder Sie möchten sich vielleicht künftig stärker politisch oder gesellschaftlich engagieren, z.B. als Gemeindevertreter oder Kirchenvorstand.
Was halten Sie von Lohn- und Eingliederungszuschüssen für ältere Arbeitslose?
Wilkoszewski: Auch hier steht wieder ein Gegenwartsproblem, nämlich die hohe Arbeitslosigkeit, im Mittelpunkt. Außerdem greift die finanzielle Förderung ja erst, wenn jemand bereits entlassen wurde. Zukunftsfähiger als die bloße Reaktion auf Arbeitslosigkeit wären Maßnahmen, die das Risiko des Jobverlusts im fortgeschrittenen Alter von vorneherein deutlich verringern.
Zum Beispiel ein Antidiskriminierungsgesetz, das u.a. Benachteiligung aufgrund des Alters verbietet?
Wilkoszewski: Ich glaube nicht, dass man unbedingt komplizierte, bürokratische Schutzregeln braucht. Sinnvoll wären dagegen zum Beispiel regelmäßige Weiterbildungsmaßnahmen auch für 40- oder 50-Jährige, betriebliches Gesundheitsmanagement oder auch die altersgerechte Arbeitsplatzgestaltung.
All das taucht in aktuellen Gesetzesentwürfen bisher nicht auf. Wissen Politiker gar nicht, worauf es ankommt?
Wilkoszewski: Doch, das ist ja kein geheimes Herrschaftswissen. Im Auftrag der Bundesregierung beschäftigen sich hochkarätige Expertenkommissionen mit dem Demografischen Wandel. Der soeben vorgelegte fünfte Altenbericht enthält z.B. detaillierte Stellungnahmen und Handlungsempfehlungen zu einer langfristig ausgerichteten Arbeitsmarktpolitik. In der schnelllebigen Legislaturpolitik zählen jedoch vor allem kurzfristige Erfolge. Für Gesetze und Reformen, die erst in 20 oder 30 Jahren Früchte tragen, mag heute keiner kämpfen.
Quelle:
Telefonisches Interview mit Wilkoszewski, H, 2004: Einfluss auf die Bevölkerungsalterung im Mittelpunkt, Demografische Forschung aus Erster Hand, 1 (2004) 2, Seite 3
http://www.demografischeforschung.org/archiv/defo0402.pdf