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Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
 

Gerda Neyer

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Senior Research Scientist an der Stockholm University am Department of Sociology (seit 2009)

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Stationen

  • Studium der Mathematik (Mag. rer. nat.), Universität Innsbruck
  • Post-Graduiertenausbildung am Institut für Höhere Studien, Wien
  • Studium der Politikwissenschaft, Geschichte, Philosophie (Dr. phil.) Univ. Wien
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Demografie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (z.Z. beurlaubt)
  • Lehrbeauftragte an den Universitäten Wien, Salzburg, Innsbruck
  • Austrian Professorship am Institute for International Studies, Stanford University
  • Associate Professor in Feminist Studies und Political Science, Stanford University
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Leiterin der Forschungsgruppe „Institutionelle und politische Faktoren der Fertilitäts- und Familiendynamik im heutigen Europa“

Forschungsgebiete

  • Wohlfahrtsstaatsforschung
  • Sozial- und Familienpolitik
  • Geschlechterforschung

Forschungsschwerpunkte am Max-Planck-Institut für demografische Forschung 

  • Familienpolitik und Fertilität im heutigen Europa
  • Fertilitätsentwicklung in den nordischen Ländern
  • Geschlechterforschung

Gerda Neyer:

Kinderfreundlich und flexibel: Familienpolitik in den nordischen Ländern basiert auf Gleichheitsprinzip

Welchen Einfluss haben familienpolitische Maßnahmen auf die Geburtenentwicklung? Zwei Untersuchungen des MPIDF zur Familienpolitik in den nordischen Ländern zeigen, dass die Wirkungen von familienpolitischen Maßnahmen auf die Fertilität nur im Kontext der ökonomischen Entwicklung, der Arbeitsmarktwirkungen und der Geschlechterwirkungen der Familienpolitik beurteilt werden können.

In den vergangenen dreißig Jahren ist die Geburtenrate in allen europäischen Ländern deutlich gesunken und liegt gegenwärtig unter jenem Wert, der als bestandserhaltend für eine Gesellschaft erachtet wird (2,1 Kindern pro Frau). Dennoch bestehen große Unterschiede im Fertilitätsniveau der einzelnen Länder. So zählen etwa Deutschland und Österreich mit einer Gesamtfertilitätsrate von 1,33 (Deutschland) bzw. 1,31 (Österreich) zu den Ländern mit der niedrigsten Fertilität in Europa, während die nordischen Länder, Schweden, Dänemark, Norwegen, Finnland, sowie Frankreich mit einer Fertilitätsrate zwischen 1,71 und 1,89 zu den Ländern mit der höchsten Fertilität in Europa gehören. Diese Unterschiede haben jüngst wieder Diskussionen über den Zusammenhang zwischen Fertilität und Familienpolitik belebt. Denn ein bloßer Vergleich zwischen den Fertilitätsraten europäischer Länder und deren Familienpolitik legt nahe, dass familienpolitische Maßnahmen einen entscheidenden Faktor in der Fertilitätsentwicklung und dem Fertilitätsniveau eines Landes darstellen könnten. Länder, deren Familienpolitik auf die Unterstützung der Erwerbstätigkeit von Müttern ausgerichtet ist, weisen eine höhere Fertilitätsrate auf als Länder, die die Erwerbstätigkeit von Müttern kaum oder gar nicht politisch fördern. Ebenso zeigt sich, dass Länder, die über ein gutes Angebot an institutionellen Kinderbetreuungseinrichtungen für Kinder unter drei Jahren verfügen, höhere Geburtenraten haben als Länder, in denen es kaum institutionelle Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder gibt.

Doch aus den Ähnlichkeiten zwischen der Verteilung der Gesamtfertilitätsraten in Europa und den Ausprägungen der Familienpolitik in den europäischen Ländern lässt sich noch nicht ableiten, dass Familienpolitik tatsächlich einen Einfluss auf das Fertilitätsverhalten von Frauen und Männern ausübt. Denn erstens ist die Gesamtfertilitätsrate ein zu ungenauer Indikator für die Fertilitätsentwicklung. Sie wird etwa durch kurzfristige Änderungen im Fertilitätsverhalten ebenso beeinflusst wie durch langfristige Trends oder durch unterschiedliches Fertilitätsverhalten verschiedener Gruppen von Frauen. Zweitens ist die Familienpolitik selbst ein sehr heterogener Politikbereich. Familienpolitik setzt sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Maßnahmen zusammen, wie Mutterschutz, Elternzeit, Kinderbetreuungsangeboten, Kindergeld, Steuerregelungen und anderem mehr. Diese Maßnahmen variieren nicht nur von Land zu Land, sondern sie sind häufig auch so ausgestaltet, dass sie auf unterschiedliche Familien unterschiedliche Wirkungen entfalten können. Familienpolitik stellt zudem einen Teil der wohlfahrtsstaatlichen Politik eines Landes dar. Sie kann mit deren Ausrichtung übereinstimmen; sie kann jedoch auch im Widerspruch zu ihr stehen und damit in ihrer Wirkung geschwächt werden. Familienpolitische Maßnahmen können außerdem in Zeiten guter oder schlechter Arbeitsmarktlage unterschiedliche Effekte zeigen. Demografische Untersuchungen über die Zusammenhänge zwischen Fertilität und Familienpolitik müssen daher sowohl geburtenspezifisch angelegt sein als auch den familienpolitischen, wohlfahrtsstaatlichen und arbeitsmarktbezogenen Gegebenheiten in einem Lande Rechnung tragen. Neue vergleichende Untersuchungen des MPIDF zu den Wirkungen familienpolitischer Maßnahmen in den nordischen Ländern verdeutlichen dies.

In der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung werden die nordischen Länder als universalistische Wohlfahrtsstaaten angesehen. Ihre Sozialpolitik zielt darauf ab, allen Frauen und Männern, unabhängig von ihrem Familienstatus, die Erwerbstätigkeit zu ermöglichen und die Gleichheit aller zu befördern. Zugleich soll jedoch auch allen ermöglicht werden, Kinder zu haben, ohne dass sich dies negativ auf Erwerbstätigkeit und Lebensstandard auswirkt. Dementsprechend wurde bereits seit Ende der 1960er Jahre die Frauenerwerbstätigkeit aktiv gefördert und die Berufstätigkeit von Müttern durch eine dienstleistungsorientierte Familienpolitik sichergestellt. So sind gegenwärtig von den 20- bis 39-jährigen Frauen in den nordischen Ländern rund 80% erwerbstätig. Die Betreuungseinrichtungen für Kinder aller Altersstufen und für ältere, pflegebedürftige Personen wurden sukzessive ausgebaut. Von den ein- bis dreijährigen Kindern besuchen zwischen 36% (Finnland) und 78% (Dänemark) eine Kindertagesstätte; von den Kindern im Kindergartenalter (Drei- bis Sechsjährige) sind es zwischen 67% (Finnland) und 94% (Dänemark). Eine außerschulische Betreuungseinrichtung nehmen zwischen 30% (Norwegen) und 80% (Dänemark) der schulpflichtigen Kinder in Anspruch. Sozial- und familienpolitische Leistungen etwa im Falle von Arbeitslosigkeit oder Elternzeit wurden weitgehend vom Familienstand abgekoppelt und an die individuelle Erwerbstätigkeit rückgebunden. Die Leistungshöhe richtet sich im Allgemeinen nach dem vorangegangenen Einkommen und soll den Erhalt des Lebensstandards auch im Falle einer Erwerbsunterbrechung sichern. So beläuft sich das Elterngeld während der Elternzeit in Finnland auf durchschnittlich 71% des vorangegangenen Einkommens; in Schweden erhalten Eltern 75% ihres Einkommens und in Norwegen zwischen 80% und 100%. In Dänemark wird Elterngeld in Relation zum Arbeitslosengeld gezahlt und entspricht damit den im Sozialleistungsbereich üblichen Leistungen. Die Dauer der Elternzeit liegt zwischen 30 Wochen (Dänemark) und etwa 64 Wochen (Schweden). In allen Ländern haben Eltern das Recht auf eine Teilzeitnutzung der Elternzeit, eine Reduzierung der Arbeitszeit in den ersten Lebensjahren des Kindes und eine unterschiedlich flexible Gestaltung der Elternzeit. Dem Gleichheitsprinzip folgend stützen Sozial- und Familienpolitik in den nordischen Ländern nicht nur die Erwerbstätigkeit von Frauen, sondern sie zielen auch auf eine größere Beteiligung von Vätern an der Betreuung von Kindern ab. Alle nordischen Länder gewähren Vätern aus Anlass der Geburt ihres Kindes einen Vaterurlaub; in Schweden, Norwegen und Dänemark ist überdies ein Teil der Elternzeit dem Vater vorbehalten.

Trotz der Gemeinsamkeiten in der Ausrichtung der Familien- und Wohlfahrtsstaatspolitik weichen die fertilitätsbezogenen, familienpolitischen Maßnahmen in den einzelnen Ländern voneinander ab. Finnland, Dänemark und Norwegen haben mit der Einführung einer bezahlten Kinderbetreuungszeit die auf Erhalt der Erwerbstätigkeit ausgerichtete Elternzeitpolitik aufgeweicht. Finnland führte als erstes nordisches Land diese Maßnahme ein. Danach erhalten Eltern bis zum dritten Geburtstag eines Kindes ein Kinderbetreuungsgeld, sofern ihr Kind nicht in einer öffentlichen Kindertagesstätte betreut wird. Anfang der 1990er Jahre entsprach das Kinderbetreuungsgeld etwa jenem Betrag, den eine Kommune für die institutionelle Betreuung eines Kindes aufwenden hätte müssen. Norwegen und Dänemark haben ähnliche Beihilfen; dort ist jedoch eine Teilzeitbetreuung des Kindes in einer institutionellen Kinderbetreuungseinrichtung möglich. Trotz dieser Maßnahmen besteht in allen nordischen Ländern ein Recht des Kindes auf einen Platz in einer institutionellen Betreuungseinrichtung.

Schweden führte in den 1980er Jahren eine geburtenbezogene Elterngeldregelung ein. Eltern, die ihr zweites (oder weiteres) Kind innerhalb eines bestimmten Zeitraumes nach dem vorangegangenen Kind bekommen, können Elterngeld auf der Basis jenes Einkommens erhalten, das sie vor der Geburt des vorangegangenen Kindes hatten. Eine Verringerung des Einkommens, etwa durch Elternzeit, Teilzeitbeschäftigung oder Erwerbsunterbrechung nach der Geburt eines Kindes wirkt sich somit nicht auf die Höhe des Elterngeldes bei einer nachfolgenden Geburt aus. Diese Maßnahme hat zu einer Verkürzung des Geburtenabstandes insbesondere zwischen dem ersten und zweiten Kind geführt. Dies bewirkte einen Anstieg der Zweitgeburtenraten und zu einem geringeren Teil auch der Dritt- und Viertgeburtenraten. In der Summe führte dies zu einem Anstieg der Gesamtfertilitätsrate in Schweden. In den 1990er Jahren fiel die Fertilität in Schweden drastisch. Dieser Rückgang ist nicht auf eine grundlegende Änderung im Geburtenverhalten zurückzuführen. Auch in den 1990er Jahren bekamen Frauen ihr zweites Kind deutlich früher als vor Einführung der Maßnahme. Doch die ökonomische Krise der frühen 1990er Jahre und der drastische Anstieg der Arbeitslosigkeit bewog vor allem arbeitslose Frauen, in geringerem Maße ein Kind zu bekommen als vor der Krise. Die Elterngeldregelungen in Bezug auf die zeitliche Planung von zweiten und weiteren Geburten vermochten somit ein „pro-zyklisches“ Geburtenverhalten der schwedischen Frauen nicht zu mindern.

Eine gänzlich andere Wirkung entfaltete das Kinderbetreuungsgeld in Finnland. Wie in Schweden so gab es auch in Finnland Anfang der 1990er Jahre eine ökonomische Krise mit einem drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Anders als in Schweden fiel die Fertilitätsrate jedoch nicht ab. Genauere Untersuchungen zeigen, dass das Kinderbetreuungsgeld zwar auch zu keinem Anstieg von Geburten führte; es ermöglichte es jedoch insbesondere arbeitslosen Frauen, die Zeit der ökonomischen Krise und der eingeschränkten Erwerbsmöglichkeiten zu überbrücken. Allerdings verringerte das Kinderbetreuungsgeld und die damit verbundene längere Unterbrechung der Erwerbstätigkeit die Wiedereinstiegchancen von Frauen und führte zu einer Verringerung der Frauenerwerbstätigkeit. Dies könnte in der Folge den leichten Rückgang an zweiten und weiteren Kindern in Finnland gegen Ende der 1990er Jahre bewirkt haben.

Diese Studien verdeutlichen, dass die Wirkungen von familienpolitischen Maßnahmen auf die Fertilität von den Rahmenbedingungen abhängen und damit temporären Schwankungen unterliegen können. Die hohen Fertilitätsraten in den nordischen Ländern deuten jedoch darauf hin, dass deren Familienpolitik, die auf die Erwerbsbeteiligung aller, auf die Abfederung von Lebensrisiken, auf Gleichheit und auf das Recht auf Betreuung für alle setzt, soziale Bedingungen schafft, die es Frauen und Männern eher ermöglicht, Kinder zu haben als dies gegenwärtig in Deutschland und Österreich der Fall ist.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 4 / 2004 in „Demografische Forschung aus Erster Hand“, Informationsletter des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (www.demografische-forschung.org)

 

 

Literaturhinweise:

  • Neyer, Gerda (2003): Family Policies and Low Fertility in Western Europe. Journal of Population and Social Security (Population), 1: Suppl., 46-93; auch erhältlich als MPIDR-Working Paper WP 2003-021: www.demogr.mpg.de/papers/working/wp-2003-021.pdf
  • Andersson, Gunnar (2004): Childbearing Developments in Denmark, Norway, and Sweden from the 1970s to the 1990s: A Comparison. In: Demographic Research, Special Collection 3, Article 7. www.demographic-research.org
  • Vikat, Andres (2004): Women’s Labor Force Attachment and Childbearing in Finland. In: Demographic Research, Special Collection 3, Article 8. www.demographic-research.org

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