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Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
 

Claudia Neu

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Wissenschaftliche Assistentin am Johann Heinrich von Thünen-Institut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei (seit 2008)

 

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Stationen

  • Geboren 1967
  • Studium der Oecotrophologie an der Universität Bonn (1987-1993)
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Wirtschaftssoziologie (Institut für Agrarpolitik, Marktforschung und Wirtschaftssoziologie) der Universität Bonn (1994-2000)
  • Promotion an der Universität Bonn zum Thema “Genossenschaftsbauern im ostdeutschen Transformationsprozeß“
  • Vertretung der Professur für Land- und Agrarsoziologie (im Bereich Familien- und Ernährungssoziologie) an der TU München (2001-2005)
  • Visiting Scholar an der School of Nutrition Science and Policy der Tufts University, Medford, MA, USA
  • Mitglied der interdisziplinären Arbeitsgruppe „Zukunftsorientierte Nutzung ländlicher Räume (LandInnovation)“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft
  • Mitarbeit an Forschungsprojekten des Wissenschaftszentrums Berlin, Berliner Institut für Sozialwissenschaftliche Studien (BISS) e.V. und der Forschungsstelle für Empirische Sozialökonomik e.V. Köln
  • Politikberatung
  • Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Soziologie und Demografie der Universität Rostock (2001-2008)

Forschungsgebiete

  • Sozialstrukturanalyse
  • Transformationsforschung
  • Land- und Agrarsoziologie
  • Haushalts- und Ernährungssoziologie

 

Forschungsschwerpunkte am Rostocker Zentrum

  • Peripherisierungsprozesse ländlicher Räume
  • Sozialstrukturelle Veränderungen in Folge Demografischen Wandels
  • Territoriale soziale Ungleichheit
  • Demografischer Wandel und politische Handlungsfelder im ländlichen Raum

Konsequenzen ziehen aus dem Demografischen Wandel

Mut zu lebenswerten Lösungen

Die Ursachen für die wachsende Entvölkerung ländlicher Räume in Ostdeutschland sind längst bekannt: Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Überalterung haben für viel Platz gesorgt – auch im landschaftlich reizvollen, ohnehin dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern. Dort scheinen die Auswirkungen von Demografischem Wandel und Arbeitslosigkeit, die mancherorts weit über 30 Prozent beträgt, eine besonders unglückliche Verbindung eingegangen zu sein. Bleibt die Frage: Muss man damit leben oder fehlt zu neuen Lösungen einfach nur der Mut?


Bei einer sonntäglichen Landpartie durch Mecklenburg-Vorpommern können nobel sanierte Schlosshotels neben einstigen, nun ungenutzten LPG-Gebäuden besichtigt werden. Die hellgelb leuchtenden Rapsfelder kontrastieren mit verlassenen Ortschaften. Junge Leute verbringen ihre Freizeit an nahe gelegenen Tankstellen – das ländliche Mecklenburg-Vorpommern fernab vom Ostseestrand ist nur noch eingeschränkt idyllentauglich.

Auch wenn die Landwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern noch immer eine wichtige Rolle als Arbeitgeber spielt, so doch längst nicht mehr für alle Dorfbewohner. Im vergangenen Jahr sank die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten um 1,8 Prozent auf 32.500 Personen. Das entspricht 4,6 Prozent aller Erwerbstätigen im Bundesland (2,3 Prozent im Bundesdurchschnitt).


Viele Jugendliche sehen deshalb für sich keine Zukunftschancen mehr und ziehen in den Südwesten der Republik. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes verließen 2003 allein im Landkreis Uecker-Randow 772 Jugendliche im Alter zwischen 18 und 25 Jahren Mecklenburg-Vorpommern, darunter 425 Frauen, aber nur 347 Männer. Die 345 Zuzüge Gleichaltriger in den Landkreis reichten nicht aus, um die Fortzüge auszugleichen.

Das Ergebnis: Vielerorts bleiben vor allem ältere Menschen zurück. Gemeinden, in denen das Durchschnittsalter über 45 Jahre steigt beziehungsweise der Anteil der Bewohner, die 65 Jahre und älter sind, bei über 25 Prozent liegt, sind bei weitem keine Einzelfälle mehr.

Zeitgleich mit den Problemen der Abwanderung und der Alterung auf dem Land macht sich der Geburtenrückgang bemerkbar: Kindertagesstätten und Schulen müssen geschlossen werden, Vereine lösen sich aufgrund sinkender Mitgliederzahlen auf. Die Folge: Investitionen in die ländliche Infrastruktur werden zukünftig noch rechtfertigungsbedürftiger werden, was diese Standorte wiederum noch unattraktiver für mögliche Industrie- oder Gewerbeansiedlung macht. Eine Abstiegsspirale ist in Gang gekommen, für die abgelegenen ländlichen Räume Mecklenburg-Vorpommerns scheint unter den gegebenen Vorzeichen wenig Hoffnung zu bestehen.

Den „Luxus der Leere“ nutzen

Trotzdem: Der Versuch lohnt sich, die düsteren Prognosen kurz beiseite zu schieben und den entgegen gesetzten Standpunkt einzunehmen: Wagen wir die Wildnis! Entdecken wir den „Luxus der Leere“, wie es der Architekturkritiker Wolfgang Kil knapp auf den Punkt gebracht hat. Oder anders gefragt: Was ist eigentlich so furchteinflößend an (menschen-)leeren Landschaften? Können sie nicht ungemein reizvoll sein?

Mecklenburg und Vorpommern haben im Laufe ihrer Geschichte viel Erfahrung mit nach Kriegen und Hungersnöten verlassenen Dörfern sammeln können. Ortsnamen wie Wüstenfelde erinnern uns daran. Auch Auswanderung hat hier eine lange Tradition. Hunderttausende sind im 19. Jahrhundert auf der Flucht vor den heimischen Verhältnissen und der Suche nach dem Glück in die USA ausgewandert. Sicher wird Mecklenburg-Vorpommern in den nächsten Jahren nicht völlig entvölkert werden, aber einzelne Wildnis-Inseln könnten vielleicht nicht nur den Touristen gefallen.

Dieser Perspektivenwechsel könnte den Kopf frei machen für Neues - jenseits der klassischen Ideen von Wirtschaftsförderung und EU-Subventionen, die in den letzten Jahren ohnehin nicht die erhofften Erfolge erzielt haben.

Lebensqualität für alt und jung

Was aber dann? Es wird vor allem darum gehen, auch zukünftig schrumpfende oder alternde Regionen und Gemeinden in ihrer Lebensqualität zu erhalten und Lösungen zu finden, die von jenen getragen werden, die in diesen Regionen trotz eines vorhandenen oder zu erwartenden Bevölkerungsrückganges leben: Auch in Zukunft werden die (wenigen) Kinder Betreuung und Schulen benötigen. Die Kranken werden Ärzte brauchen und die werdenden Mütter Hebammen. Vor allem aber wird die Zahl der Hochbetagten wachsen, die auf Unterstützung und Pflege angewiesen sind. Hier sind kreative Lösungen gefragt – die machbar sind, wie der Blick nach Skandinavien zeigt.

Dort werden diese Herausforderungen längst diskutiert und angepackt. So sollten Schulen nicht mangels ausreichender Schülerzahl geschlossen, sondern auch „Zwergschulen“ erhalten und neue Lernmodelle einsetzt werden. In medizinische wie soziale und kulturelle Infrastruktur muss investiert und so für alle Generationen Lebensqualität geschaffen werden.

Der Ausbau medizinischer und sozialer Dienstleistungen brächte vor allem für die - in Mecklenburg-Vorpommern so dringend benötigten - jungen Frauen anspruchsvolle Berufe. Diese neue Lebensqualität, die reizvolle Landschaft, und ein neu gewonnener Raum für vielfältige Lebensentwürfe schaffen dann vielleicht auch das geeignete Umfeld für innovative Unternehmensideen.


Dieser Artikel erschien im dbb magazin in der Ausgabe Juli/August 2005.


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