Gesundheit im Alter: Können wir uns das leisten?
Ein differenzierter Blick auf altersbedingte Gesundheitsausgaben ist nötig.
Die Beibehaltung einer guten Gesundheit im Alter stellt für jeden Einzelnen eine Herausforderung dar, die mit tief greifenden Hoffnungen und Ängsten verbunden ist. Heute erreichen über 80 Prozent der Männer das 65. und immerhin noch 25 Prozent das 85. Lebensjahr. Bei den Frauen kann sogar nahezu die Hälfte den 85. Geburtstag begehen. Diese Zahlen sind im Vergleich zu den 36 Prozent der Männer zu sehen, die vor 100 Jahren das 65. Lebensjahr erreichten und den 3,2 Prozent, die auch noch ihr 85. Jahr erlebten. Die steigende Lebenserwartung geht zudem mit einer besseren Gesundheit für jede Altersgruppe einher.
Die Erfolgsgeschichte der Gesundheit im Alter ist allerdings mit hohen Kosten verbunden. Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen wird daher häufig auch auf die demografische Entwicklung zurückgeführt. Prognosen über die Beitragssätze der gesetzlichen Krankenversicherung lassen nichts Gutes erwarten. Für das Jahr 2020 werden Beitragssätze bis zu 20 Prozent erwartet, die dann bis zum Jahr 2050 auf Werte bis zu 40 Prozent ansteigen. Damit steht die Finanzierbarkeit unserer Gesundheit in Frage. Sie muss zu den Belastungen in anderen Bereichen unseres Sozialsystems hinzugedacht werden.
Ein etwas differenzierter Blick bringt allerdings Überraschendes zu Tage: So würde die demografische Entwicklung, für sich genommen, lediglich zu einer Erhöhung des Beitragssatzes auf 16 bis 17 Prozent im Jahr 2050 führen. Die Differenz lässt sich dem medizinischen Fortschritt zuschreiben, der immer bessere, aber eben auch immer teurere Behandlungen eröffnet. Aus gesellschaftlicher Sicht stellt sich dann nicht so sehr die Frage, ob wir uns das Altern in Gesundheit leisten können, als vielmehr die Frage, ob wir den Spielraum des medizinisch Machbaren mit einer immer raffinierteren Apparatemedizin weiter vergrößern wollen.
Gesundheitsökonomische Studien zeigen ferner, dass die Gesundheitsausgaben pro Kopf weniger eine Frage des Alters als vielmehr eine Frage der verbleibenden Lebenszeit sind: Erst in den letzten Lebensmonaten steigen die Ausgaben drastisch an, wenn intensivmedizinische Maßnahmen angewandt werden, um den Tod hinauszuzögern. Diese Ergebnisse lassen zwei interessante Schlüsse zu. Zum einen, dass sich die Gesundheitsausgaben pro Kopf bei einer steigenden Lebenserwartung nicht erhöhen, sondern lediglich zu höheren Altersgruppen hin verschieben. Zum anderen, dass im differenzierteren Gebrauch der Intensivmedizin bei Hochbetagten ein beträchtliches Einsparpotential an Gesundheitskosten liegt. Ob solche Einsparungen zu Lasten todkranker Menschen gehen, wird nur zu ermitteln sein, wenn wir den Mut aufbringen, Vorstellungen und Wünsche für den eigenen Abschied vom Leben zu formulieren. Das Sterben von Johannes Paul II und von Terri Schiavo haben auf die ethische Dimension lebensverlängernder Apparatemedizin aufmerksam gemacht. Die Diskussion um die Patientenverfügung schließt hier an. Nun ist eine aufrichtige und konzentrierte Werte-Debatte über das Für und Wider einer Lebensverlängerung um jeden – oder zumindest doch um einen sehr hohen – Preis gefragt. Ökonomen können nur darauf aufmerksam machen, dass jeder für die Gesundheit ausgegebene Euro für andere Zwecke, wie Bildung oder Familienförderung, eben nicht mehr zur Verfügung steht.
Die Frage nach den Kosten der Versorgung einer alternden Gesellschaft mit Gesundheits- und Pflegeleistungen lässt sich jedoch auch umkehren. Das Erbringen dieser Leistungen bietet vielfältige Beschäftigungsfelder. Die Versorgung einer zunehmend ,graumelierten’ Bevölkerung mit menschenwürdiger Pflege wird sozial sinnvolle und erfüllende Arbeitsplätze schaffen, die im Lande so nötig sind. Für eine Stadt wie Rostock mit ihren Universitätskliniken stellt die Entwicklung einer altengerechten Medizin eine Chance dar. Für Mecklenburg-Vorpommern jedoch gilt, dass ein sich entleerendes Land an einem immer dünneren Netz medizinischer und sozial-pflegerischer Grundversorgung kranken wird. In der Frage, wie dem entgegengesteuert werden kann, liegt vielleicht die größte Herausforderung.
Dieser Artikel erschien im Juli 2005 in Norddeutsche Neueste Nachrichten im Rahmen einer Serie von Expertenbeiträgen zum Demografischen Wandel.