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Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
 

Kristín G. von Kistowski

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Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei The Pew Charitable Trusts (seit 2009)

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Stationen

  • Geboren 1967 
  • Studium der Biologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt und der Christian-Albrecht-Universität Kiel (1989 – 1996)
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Haustierkunde, Abt. Populationsgenetik, Christian-Albrecht-Universität Kiel (1996 – 1998)
  • Freiberufliche Tätigkeit als Wissenschaftsjournalistin (1997 – 1999)
  • Dr. rer. nat, CAU Kiel (2000)
  • Leiterin der Koordinationsstelle Biotechnologie in Schleswig-Holstein bei der ttz SH (1999 – 2002)
  • Beraterin für Wissenschaftskommunikation und Technologiemanagement (2003-2004)
  • Leiterin des Bereichs Outreach "Kommunikation politikrelevanter Forschung zum Demografischen Wandel" am Rostocker Zentrum, Chefredakteurin des Informationsportals "Zentrum für Demografischen Wandel" www.zdwa.de und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Abteilung "Altern und Langlebigkeit" (2004-2009)

Forschungsschwerpunkte am Max-Planck-Institut für demografische Forschung

  • Altern und Langlebigkeit
  • Ursachen und Konsequenzen des Demografischen Wandels in Deutschland und Europa

Schwerpunkte der Wissenschaftskommunikation im Rostocker Zentrum

  • Ursachen des Demografischen Wandels und seine Konsequenzen für Politik, Gesellschaft und Wirtschaft
  • Geburtenverhalten in Deutschland und Europa

Kristín G. von Kistowski:

Der Demografische Wandel in Zahlen und Fakten

 

Von Babyboomern und Hochbetagten

 

Inzwischen hat es sich herumgesprochen: Deutschlands Bevölkerung wird älter und schrumpft. Jahr um Jahr stehen immer mehr Ältere immer weniger Jüngeren gegenüber: Setzen sich die demografischen Trends fort, wird im Jahr 2050 jeder Dritte über 65 Jahre alt sein, während nicht einmal jeder Sechste jünger als 20 Jahre sein wird. Das hat Konsequenzen. Die Zukunft Deutschlands wird zunehmend vor dem Hintergrund seiner demografischen Veränderungen gedeutet, gleich, ob es um das Renten- oder das Gesundheitssystem, um den Arbeitsmarkt oder das Bildungswesen, um die technologische Innovationskraft oder die gesamtwirtschaftliche Leistungsfähigkeit, um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands oder um regionale Unterschiede im Land geht.

 

Das Thema des Demografischen Wandels hat nach einem langen Schattendasein nun über die Feuilletons und politischen Diskussionsrunden mit der ZDF-Doku-Fiction-Serie „Aufstand der Alten“ das Abendprogramm des Unterhaltungsfernsehens erreicht und ist damit in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Erschrocken starrten viele Deutsche Anfang 2007 in ihren Fernseher und ihre vermeintliche Zukunft aus dem Jahre 2030: Vor sich sehen sie eine ergraute und leistungsschwache Gesellschaft. Gezeichnet wird ein Land, durchzogen von entvölkerten Landstrichen, in dem sich entfremdete Generationen gegenüber stehen, die sich Unterstützung versagen. Die Alten, so das Szenario, leben isoliert und verarmt, siechen gar dahin. Dabei ist weder die Erkenntnis neu, dass das Land einem Alterungsprozess entgegen sieht, noch muss dieser in einem Schreckensszenario münden. Das Altern der Bevölkerung wird uns nicht wie ein Tsunami treffen. Es ist vielmehr eine langsam anrollende Welle der Veränderung, heute schon gut sichtbar, auf die sich die Gesellschaft und jede/r Einzelne vorbereiten kann. Der Demografische Wandel bietet sogar Chancen, ein Umdenken einzuleiten und Hürden für die Gestaltung eines erfüllten, langen Lebens abzubauen und einige verkrustete Strukturen aufzubrechen (Vaupel, J.W. und Loichinger, E. (2006) Redistributing Work in Aging Europe. Science 312, 1911-1913).

 

Warum Deutschland altert

 

Angetrieben von drei demografischen Entwicklungen hat sich die Altersstruktur in unserer Bevölkerung bereits so verändert, dass die weitere Alterung der Gesellschaft in ihr schon angelegt ist.

 

Erstens ist das Geburtenniveau wie in allen Industrienationen im Laufe des vergangenen Jahrhunderts deutlich gesunken. Es verharrt, zumindest im Westen Deutschlands, seit Mitte der 70er Jahre auf einem konstant niedrigen Niveau von durchschnittlich 1,4 Kindern pro Frau. Das ist weit unterhalb des Niveaus von 2,1 Kindern pro Frau, das notwendig wäre, damit die Kindergeneration die Elterngeneration zahlenmäßig ersetzen kann. Der Einbruch der Geburtenrate erfolgte früher als in den meisten anderen europäischen Ländern. Auch wenn Deutschland als Schlusslicht nunmehr von anderen Ländern in Mittel-, Ost- und Südeuropa abgelöst ist, so ist für unser Land kennzeichnend, dass heute schon Eltern fehlen, die vor 30 Jahren nicht geboren wurden. Entsprechend sinken die Geburtenzahlen. Das Geburtenniveau mag sich nach der langen Talfahrt wieder ein wenig anheben, doch von einer Annäherung an das Ersatzniveau geht in Deutschland niemand aus. Das Geburtendefizit konnte lange durch Zuwanderung ausgeglichen werden, seit 2003 aber schrumpft die Bevölkerung Deutschlands – ein Prozess, der anhalten wird, wenn sich die demografischen Entwicklungen nicht grundlegend ändern. Deutschland würde so bis 2050 Jahr um Jahr Einwohner verlieren - insgesamt etwa zehn Millionen (Statistisches Bundesamt (2006) 11. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden).

 

Zweitens werden wir immer älter. Die Lebenserwartung ist in Deutschland im vergangenen Jahrhundert um erstaunliche 30 Jahre gestiegen. Seit Mitte der 50er Jahre hat sie stetig um etwa drei zusätzliche Monate pro Jahr zugenommen und beträgt heute für Männer knapp 76 und für Frauen 81,5 Jahre. Es gibt keinen Anhaltspunkt für ein Abflachen dieses Trends – auch in den kommenden Jahrzehnten gehen wir von einem weiteren stetigen Anstieg der Lebenserwartung aus (Oeppen, J. und Vaupel, J.W. (2002) Broken limits to life expectancy. Science 296: 1029-1031). Inzwischen leben über 10.000 Menschen in Deutschland, die 100 Jahre und älter sind, 45-mal mehr als noch 1960. James W. Vaupel, Direktor des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels, betont, dass die Aussicht darauf, ein nach heutigen Maßstäben so hohes Alter zu erreichen, kein Privileg zukünftiger Generationen sei sondern bereits den heute lebenden Menschen offen stehe. Jedes zweite Kind, das heute in Deutschland das Licht der Welt erblickt, wird aller Voraussicht nach seinen hundertsten Geburtstag erleben. Und auch Menschen, die heute 30 Jahre alt sind, können damit rechnen, älter als 95 Jahre zu werden. Hundertjährige werden schon bald alltäglich sein. Wir werden länger leben, weil wir länger gesund sein werden. Das ist in erster Linie kein Problem, sondern eine große Errungenschaft der modernen Zivilisation.

 

Drittens können Wanderungen sehr schnell zu Veränderungen der Bevölkerungsgröße und –struktur führen, wie etwa die Binnenwanderungen in Deutschland seit der Wende gezeigt haben. Zwischen 1991 und 2004 haben etwa 900.000 Personen im Saldo die neuen Bundesländer in Richtung Westen verlassen. Überwiegend junge Menschen, viele Frauen und vielfach gut Ausgebildete haben ihrer ostdeutschen Heimat den Rücken gekehrt. Vor allem ländliche Räume sind in der Folge stark ausgedünnt und gealtert, und wir sehen dort gewissermaßen den Demografischen Wandel in beschleunigter Form.

 

Von Gleichmäßigkeit kann bei der Schrumpfung der Bevölkerung keine Rede sein: Angeschoben von Wanderungen gibt es ein Nebeneinander von schrumpfenden und wachsenden Regionen, und diese Tendenz setzt sich fort. Vor allem im Osten Deutschlands aber auch entlang eines Gürtels durch die Mitte der Republik bis hin zum Ruhrgebiet entvölkern sich Gemeinden, während die Metropolen mit ihrem Umland vor allem im Norden, Westen und Süden Wachstumsregionen sind und bleiben. Dabei geht das Schrumpfen im allgemeinen mit Altern einher. Zuwanderung aus dem Ausland erfolgt meist in die Städte. Das Statistische Bundesamt geht für die kommenden Jahre von einer jährlichen Nettozuwanderung zwischen 100.000 und 200.000 Personen aus (Statistisches Bundesamt (2006) 11. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden). Knapp neun Prozent der in Deutschland lebenden Menschen haben heute einen ausländischen Pass. Das Land, vor allem die Städte, werden kulturell noch vielfältiger werden.


Alt, arm, ungebildet sucht …

 

Neben all diesen Entwicklungen ist für das, was wir bis zur Mitte des Jahrhunderts als eine demografische Welle erleben werden, aber noch eines bedeutsam: Das Geburtenhoch in den Zeiten des Wirtschaftswunders. Die so genannten Babyboomer der 1950er und 60er Jahre bilden eine breite Ausbuchtung in der Mitte der Bevölkerungspyramide, darauf folgen deutlich schwächere Jahrgänge. Die Vertreter des geburtenstärksten Jahrgangs in Deutschland sind 1964 geboren und heute 42 Jahre alt. Damit markieren sie, zumindest theoretisch, die Mitte der erwerbsfähigen Altersphase zwischen 20 und 64 Jahren. Wir leben demzufolge – demografisch gesehen und im Hinblick auf die verfügbare Arbeitskraft – in besonders vorteilhaften Zeiten. Die vielen Babyboomer sind im produktiven Alter und haben im Vergleich zu vorangegangenen Generationen für wenige Kinder zu sorgen, im Vergleich zur kommenden Generation auch für wenige Ältere. Wie eine Welle rollen die Babyboomer durch die Bevölkerungspyramide nach oben. In etwa 20 Jahren rücken die Babyboomer kollektiv an die Grenze, die heute die Renteneintrittsgrenze darstellt. Und im Jahr 2050, dem äußeren Eckpfeiler demografischer Prognosen, stellen sie die Alten und Hochbetagten.

 

So verschieben sich in den kommenden Jahrzehnten die Generationenstärken: Stehen heute drei erwerbsfähige Menschen zwischen 20 und 64 einem älteren Menschen über 65 Jahren gegenüber, so werden es im Jahr 2030 nur zwei Mittelalte sein, die auf einen 65-Jährigen kommen. Die Schwierigkeiten für die Funktionsfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme, konzipiert unter ganz anderen demografischen Bedingungen, liegen auf der Hand. Die Gruppe der über 80-Jährigen ist die am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe; bis 2050 wird sich ihre Zahl verdreifachen. Viel spricht dafür, dass wir werden älter werden, weil wir länger gesund sein werden, so dass der Pflegebedarf nicht automatisch entsprechend der Alterung in der Bevölkerung wachsen muss (Doblhammer, G. und Ziegler U. (2006) Future elderly living conditions in Europe: Demographic insights. In: GM Backes, V Lasch und K Reimann (Hrsg.) Gender, health and ageing. European perspectives. VS Verlag). Doch die die Zahl derer, die gepflegt und betreut werden müssen, wird zunehmen, während der Anteil der Menschen mittleren Alters, die Pflege leisten und Pflegekosten erwirtschaften können, zurückgehen wird. Die Zahl der unter 20-Jährigen wird bis 2050 um fast ein Drittel sinken. Ein Bildungssystem, das nicht allen jungen Menschen, unabhängig von ihrem sozialen oder kulturellen Hintergrund, die Möglichkeiten bietet, sich zu bilden und zu entwickeln, wird dann nicht nur die Zukunft dieser jungen Menschen sondern die des ganzen Landes aufs Spiel setzen. Für einige wird es schwieriger werden, finanziell etwa für alleinstehende ältere Frauen, besonders für geschiedene oder kinderlose. Ältere alleinstehende Männer könnten mehr von Isolation getroffen sein, da viele im Laufe des Lebens der Pflege sozialer Netzwerke nicht so viel Bedeutung beimessen wie Frauen.

 

Wer nun denkt, dass noch viel Zeit bliebe, bis der Demografische Wandel spürbar wird, irrt, denn er wird schon bald etwas kosten und nicht erst dann, wenn die Babyboomer in die Rente gehen. Schon bald kommen die Babyboomer in die Lebensjahre, die auf dem Arbeitsmarkt als unproduktiv, unmotiviert und teuer abgestempelt gelten. Gerade diese expandierende Altersgruppe zwischen 50 und 65 Jahre wird aber schon in 15 Jahren etwa so stark sein wie die der 30- bis 50-Jährigen. Noch schrumpft die Erwerbsbevölkerung nicht dramatisch, aber sie altert. Wenn das Potenzial dieser älteren Arbeitnehmer nicht genutzt wird, wenn die Jüngeren weiter viel und die Älteren weiter wenig arbeiten, wird das zu gesamtwirtschaftlichen Folgen führen. Berechnungen von James W. Vaupel und Elke Loichinger mit dem Rostocker Index zeigen, dass im Jahr 2025 bei unveränderter Beschäftigtenstruktur etwa acht Prozent weniger Arbeitsstunden geleistet würden als heute – ein Ausmaß, das mit der heutigen Arbeitslosigkeit zu vergleichen wäre (Vaupel, J.W. und Loichinger, E. (2006) Redistributing Work in Aging Europe. Science 312, 1911-1913). Dies wäre auch in anderen europäischen Ländern der Fall. Die Wirkung auf den Lebensstandard ließe sich durch Produktivitätssteigerungen ausgleichen. Doch mehr Menschen würden nicht arbeiten und müssten somit versorgt werden.

 

Lebenslauf ohne Korsett

 

Der Demografische Wandel verlangt Anpassungsleistungen auf vielen Gebieten. Besonders wichtig ist, wie Deutsche heute und zukünftig ihr langes Leben gestalten. Eine starre Dreiteilung klassischer Erwerbsbiografien, die die Ausbildung in der ersten Lebensphase, das Arbeiten in der Mitte des Lebens und die Erholung in immer mehr späten Jahren konzentriert, kann nicht mehr zeitgemäß sein. Stattdessen müssen wir aktiver und kreativer mit unserer Biografie umgehen, die Arbeit gleichmäßiger über den Lebenslauf verteilen und der Bildung, dem Familienleben und dem sozialen Engagement in jeder Lebensphase einen Platz einräumen. Vielleicht werden kommende Generationen kopfschüttelnd auf unseren korsettartigen Lebenslauf zurückblicken und sich fragen, warum ihre Eltern und Großeltern ihre Lebenszeit nicht ausgeglichener verlebt haben, warum sie in der Mitte des Lebens so über- und später so unterfordert waren und warum sie womöglich wegen der Arbeitsbelastung in der Phase der Familiengründung auf weitere gewünschte Kinder verzichtet haben. Wir werden immer älter und das bei besserer Gesundheit; die Widerstände, die einer verlängerten Arbeitsphase entgegenstehen, sind angesichts dieses Wissens erstaunlich.

 

Wenn ein Land altert, muss das nicht in der Katastrophe enden. Der Staat kann einiges dafür tun, um das Land auf die demografischen Veränderungen vorzubereiten. Tief greifende Reformen sind notwenig, vor allem im Hinblick auf die sozialen Sicherungssysteme, den Arbeitsmarkt und das Bildungswesen. Vieles ließe sich familienfreundlicher oder altengerechter gestalten, Regionen müssen entsprechend ihren spezifischen Entwicklungen planen. Doch auch jeder Einzelne kann sich vorbereiten. Die heutigen Mittelalten werden sich darauf einstellen müssen, länger aktiv, beweglich und einsatzbereit zu sein. Das ließe sich in der Erwerbsarbeit oder auch im gesellschaftlichen Engagement verwirklichen. Der Lebensstil von Älteren, gerade der jungen Alten, wird sich ändern müssen. Und soziale Netzwerke, Familie und Freunde, werden eine neue, existenzielle Bedeutung bekommen.

 

Quelle: von Kistowski, Kristin G. (2007): Der demografische Wandel in Zahlen und Fakten: Von Babyboomern und Hochbetagten. In: politische ökologie 104: Demografischer Wandel. Neue Spielräume für die Umweltpolitik. oekom verlag, München, S. 11 ff. ISBN 978-3-86581-065-6
Link: http://www.politische-oekologie.de 


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