Mecklenburg Vorpommern muss auf junge Beschäftigte verzichten
Die Auswirkung des Demografischen Wandels auf Wachstum und Beschäftigung wird von der Bildungspolitik abhängen
Der Demografische Wandel wird entgegen mancher Hoffnung die Arbeitsmarktprobleme in Deutschland und auch in Mecklenburg-Vorpommern nicht lösen, sondern eher weiter verstärken. So ist in naher Zukunft ein Mangel an jungen, gut ausgebildeten Fachkräften zu erwarten, ohne dass ältere Beschäftigte diese Arbeitsnachfrage decken können. Nur mit großen Anstrengungen im Bildungsbereich für Alt und Jung kann dieser Entwicklung entgegengewirkt werden.
Niedrige Geburtenzahlen in Mecklenburg-Vorpommern und die anhaltende Abwanderung von jungen Menschen im Alter von 20 bis Mitte 30 aus dem Nordosten führen dazu, dass immer weniger junge Arbeitnehmer nachrücken, um die Positionen derer einzunehmen, die in den Ruhestand gehen. Einige optimistische Beobachter dieses Trends erhoffen sich davon sinkende Arbeitslosenzahlen: Je weniger junge Menschen auf der Suche nach einem Job sind, so die Erwartung, desto leichter könnte die vorhandene Arbeit unter den Arbeitssuchenden aufgeteilt werden. Doch diese Hoffnung ist trügerisch.
Die Lage auf dem Arbeitsmarkt in Mecklenburg-Vorpommern ist prekär: Im Durchschnitt ist jeder Vierte im Land arbeitslos. Die Chance auf Beschäftigung für Menschen über 50 Jahren ist dabei noch weit schlechter. Nicht einmal jeder Zweite zwischen 50 und 65 Jahren ist noch erwerbstätig. Die Mehrheit in der Altersgruppe ist arbeitslos oder mit Hilfe von Frühverrentungsprogrammen aus den Arbeitslosenstatistiken entfernt worden.
Dennoch spricht wenig dafür, dass das Ausbleiben der jungen Generation eine neue Beschäftigungschance für diese Menschen darstellen wird. Der Grund dafür ist, dass sich junge und ältere Arbeitnehmer in ihren Qualifikationen und den ihnen zugeschriebenen Fähigkeiten unterscheiden. Eine Umfrage des Landesarbeitsamtes Nord bei Betrieben in Mecklenburg-Vorpommern ergab, dass älteren Beschäftigten Erfahrung und eine große Arbeitsmoral zugesprochen werden. Jüngere dagegen weisen eine größere Lernbereitschaft und –fähigkeit auf. Trotz unterschiedlicher Stärken und Schwächen sind Ältere und Jüngere ähnlich leistungsfähig. Dennoch werden ihre vorhandenen Qualifikationen ungleich gewichtet. In einem sich schnell verändernden wirtschaftlichen und technologischen Umfeld wird Lernbereitschaft oft höher eingeschätzt als Erfahrung. Dies führt dazu, dass nicht einmal jeder Zweite Betrieb im Land bereit ist, Arbeitnehmer über 50 Jahren unter den üblichen Bedingungen einzustellen. Als Folge des Demografischen Wandels wird aber der Anteil der Erwerbspersonen über 50 Jahren stark ansteigen. Somit ist eher von einem wachsenden, statt abnehmenden Problem auf dem Arbeitsmarkt auszugehen.
Bildung ist die wirkungsvollste Möglichkeit, dieser Entwicklung entgegenzutreten. Ohne verstärkte Investitionen in die Bildung wird der Mangel an gefragten Qualifikationen der Jungen die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung einschränken. Denn Ausbildung und das Entwickeln von innovativen Produkten, Dienstleistungen und ist erwiesenermaßen die Triebkraft des Wirtschaftswachstums, das 2004 in Mecklenburg-Vorpommern mit 1,1% schon weit unter den nationalen und internationalen Vergleichswerten lag.
Dabei besitzt Mecklenburg-Vorpommern große Reserven in der Bildungspolitik, die es zu nutzen gilt. In keinem anderen Bundesland ist der Anteil der Abiturienten eines Jahrgangs kleiner als die 28% in Mecklenburg-Vorpommern. Bundesweit liegt der Wert bei 38%, in Frankreich bei 50% und in Finnland bei über 80%. Investitionen in die Bildung müssen sich dabei ebenso an die Jungen - von der Grund- bis zur Hochschule - wie an die Älteren richten, die etwa durch betriebliche Schulungen und Weiterbildungsmaßnahmen gefördert werden können.
Das Konzept des Lebenslangen Lernens bringt es auf den Punkt: Aus- und Weiterbildung muss während der gesamten Ausbildungs- und Erwerbsbiographie möglich sein. Nur so kann ein wachsender Qualifikations-Mismatch, das heißt ein Überangebot von gering qualifizierter Arbeit bei gleichzeitigem Mangel an qualifizierter Arbeit, verhindert werden.
Dieser Artikel erschien am 31.05.2005 in Norddeutschen Neuesten Nachrichten im Rahmen einer Serie von Expertenbeiträgen zum Demografischen Wandel.