Steigt oder sinkt die Zahl der Arbeitslosen in Zeiten des Demografischen Wandels?
Die Erwerbsbevölkerung vieler Industrienationen wird immer älter. Dadurch sinkt auch das Zahlenverhältnis von Jungen und Alten in der Gruppe der Arbeitslosen, also bei denjenigen, die eine neue Beschäftigung suchen. Von Land zu Land unterschiedlich ist jedoch, wie sich die demografische Entwicklung auf die Höhe der Arbeitslosigkeit auswirkt.
Das Alter eines Arbeitnehmers spielt aus vielerlei Gründen eine wichtige Rolle. Ältere und Jüngere verhalten sich auf dem Arbeitsmarkt anders, suchen beispielsweise unterschiedlich intensiv nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten. Unter Umständen schätzen Unternehmen die Produktivität der verschiedenen Altersgruppen unterschiedlich ein. Auch können Ältere und Jüngere unterschiedliche Kosten, zum Beispiel bei Löhnen oder Weiterbildung, verursachen. Deshalb stehen bei der Analyse der Beschäftigungseffekte des Demografischen Wandels zwei Fragen im Vordergrund: Wie wirkt sich ein steigender Anteil Älterer auf die Bereitschaft der Unternehmen aus, neue Stellen zu schaffen? Wie erfolgreich können Arbeitssuchende auf offene Stellen vermittelt werden?
Aus theoretischen Überlegungen heraus ist sowohl ein Anstieg als auch ein Sinken der Arbeitslosigkeit möglich, wenn mehr Ältere auf Jobsuche sind. Beispielsweise könnte die Stellenbesetzung insgesamt effizienter werden, weil Ältere häufiger schon den passenden Job gefunden haben und deswegen oder aus familiären Gründen seltener den Job wechseln. Dieser Effekt reduziert die Arbeitslosigkeit. Allerdings sinkt die Effizienz der Stellenvermittlung und die Arbeitslosigkeit steigt, wenn Ältere weniger mobil sind und sich beispielsweise seltener in einer anderen Stadt auf Jobs bewerben. Ein weiterer Aspekt ist das Einstellungsverhalten der Unternehmen. Schätzen Firmen die Leistungen von älteren Mitarbeitern hoch und deren Einstellungskosten niedrig ein, werden sie mehr offene Stellen schaffen, wenn mehr ältere Bewerber auf ihre Stellenangebote antworten. Die Arbeitslosigkeit sinkt dann. Ziehen Unternehmen dagegen jüngere Mitarbeiter vor, wirkt sich das negativ auf die Schaffung neuer Arbeitsplätze aus.
Die empirische Untersuchung dieser Effekte für zwölf OECD Ländern zeigt, dass tatsächlich unterschiedliche Auswirkungen der Alterung auf die Arbeitslosigkeit in den einzelnen Ländern zu finden sind. Die Abweichungen sind möglich, da die Produktivität oder das Bildungsniveau der Älteren von Land zu Land variiert. Auch Altersdiskriminierung spielt hier eine wichtige Rolle.
Wächst der Anteil älterer Arbeitsloser, ist in Australien, Frankreich, Portugal und Japan mit einer Zunahme der Arbeitslosigkeit zu rechnen, weil sowohl weniger Stellen geschaffen werden als auch der Vermittlungserfolg abnimmt. In Finnland, Schweden und Spanien ist hingegen eindeutig eine positive Beschäftigungsentwicklung zu erwarten. In Ländern wie Deutschland, Kanada, Norwegen, den Niederlanden und den USA ist ebenfalls ein Rückgang der Arbeitslosigkeit möglich, obgleich dieses Ergebnis weniger sicher ist. In diesen Staaten hat sich entweder die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen durch die Alterung erhöht oder die Kündigungswahrscheinlichkeit mit zunehmender Alterung der Belegschaft abgenommen.
Quelle: Hetze, Pascal und Carsten Ochsen (2006). Age Effects on Equilibrium Unemployment. Rostock Center – Discussion Paper No. 1, Rostocker Zentrum zur Erforschung des Demografischen Wandels.