Aufschub der Familiengründung nach der Wende
Mit den gesellschaftlichen Umbrüchen nach der Wende gingen in Ostdeutschland dramatische Veränderungen des Geburtenverhaltens einher. Unmittelbar nach der Wiedervereinigung setzte ein Einbruch der Geburtenzahlen ein, der überwiegend als „Geburtenkrise“ und „Geburtenschock“ interpretiert worden ist. Diese Diagnose wurde zum Ausgangspunkt der Frage, ob und wann der Geburtenausfall kompensiert und eine erfolgreiche Anpassung an das westdeutsche Verhalten stattfinden würde. Der Verlauf der jährlichen Geburtenziffern scheint die Hypothese zu bestätigen, dass die Entwicklung in Ostdeutschland zunächst durch eine Krise und anschließend durch eine Annäherung an das westdeutsche Verhalten bestimmt war. Lag Anfang der 1990er die Geburtenziffer in Ostdeutschland bei unter eins, hat sie sich mittlerweile an das westdeutsche Niveau von etwa 1,4 Kindern pro Frau angenähert. Die Geburtenentwicklung könnte demnach auf die Formel „erst Krise, dann Angleichung“ gebracht werden. Diese Interpretation herrscht in Politik und Medien vor. Tatsächlich beruht sie auf erheblichen Missverständnissen. Wie viele Kinder eine Frau in ihrem Leben bekommt, lässt sich erst feststellen, wenn sie ihre „reproduktive Phase“ hinter sich gelassen hat (d.h. wenn sie keine Kinder mehr bekommen kann). Die in der Öffentlichkeit verbreitete jährliche Geburtenziffer gibt nicht die tatsächliche Kinderzahl an, sondern ist ein Schätzwert für die endgültige Kinderzahl. Dieser Schätzwert ist ausgesprochen problematisch im Fall der ostdeutschen Entwicklung nach der Wende. Ein wesentlicher Grund ist der drastische Anstieg nach 1990 des Alters, mit dem Frauen Mutter werden. Um dies verständlich zu machen, lohnt sich ein Blick auf das Alter bei Familiengründung vor und nach der Wende:
• In der DDR lag das mittlere Alter bei Familiengründung (d.h. das Alter, mit dem die Hälfte der Frauen ein erstes Kind bekommen haben) bei 22 Jahren. In der ehemaligen Bundesrepublik waren Frauen dagegen fast 28 Jahre alt, als sie das erste Mal Mutter wurden.
• Mit der Wende haben ostdeutsche Frauen die Familiengründung aufgeschoben. Das lässt sich eindruckvoll am Beispiel der Frauen verdeutlichen, die 1970 geboren wurden und zum Zeitpunkt der Wende noch keine 20 Jahre alt waren. Das mittlere Alter bei Familiengründung liegt bei diesen Frauen bei 26 Jahren. Diese Frauen wurden vier Jahre später Mutter als Frauen, die noch zu DDR-Zeiten ihr erstes Kind bekommen haben.
• Was aus der DDR-Perspektive ein reifes Alter bei der Familiengründung ist, ist aus westdeutscher Perspektive eine frühe Entscheidung zur Mutterschaft. Für den Jahrgang 1970 liegt das mittlere Alter bei Erstgeburt mittlerweile bei 30 Jahren.
Die Verschiebung des Alters bei der Familiengründung wirkt sich direkt auf die Interpretation der jährlichen Geburtenziffern aus. Schieben Frauen die Familiengründung auf, führt das dazu, dass die jährlichen Geburtenziffern kurzfristig zurückgehen. Der Einbruch der Geburtenziffern nach der Wende erklärt sich weitgehend durch den Aufschub der Familiengründung. Er hat nur wenig mit einem lebenslangen Verzicht auf Kinder zu tun. Im Unterschied zur populären Vorstellung eines ostdeutschen Geburtendefizits bekommen Frauen im Osten weiterhin früher ihr erstes Kind und die Kinderlosigkeit ist immer noch niedriger als im Westen.
Die in der Öffentlichkeit vorherrschende Perspektive auf die ostdeutsche Entwicklung war und ist von der Frage dominiert, ob und wann sich das ostdeutsche Verhalten dem westdeutschen Niveau anpasst. Was im Bereich Arbeitsmarkt und ökonomischer Entwicklung sinnvoll sein mag, ist im Bereich der Familienentwicklung zweifelhaft. In Bezug auf die Familienentwicklung liegt Westdeutschland an der „Weltspitze“, und zwar sowohl hinsichtlich eines hohen Alters bei Familiengründung als auch eines hohen Anteils zeitlebens kinderloser Frauen. Die Anpassung an diesen Standard wäre alles andere als eine Erfolgsgeschichte.
Dieser Artikel erschien am 14. Juli 2005 in den Norddeutschen Neuesten Nachrichten im Rahmen einer Serie von Expertenbeiträgen zum Demografischen Wandel.