Demografie | Politik | Studium und Schule | Zahlen und Fakten | Veranstaltungen | Publikationen |
 
Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
 

Michaela Kreyenfeld

Druckansicht

Juniorprofessorin für Ursachen und Konsequenzen des Demografischen Wandels an der Universität Rostock (seit 2005)

Stellvertretende Leiterin in der Abteilung Ökonomische und Soziale Demografie am Max-Planck-Institut für demografische Forschung (seit 2009)

M. Kreyenfeld

Forschungsgebiete

  • Lebensverlaufsforschung
  • Familiendemografie
  • Angewandte Sozialforschung

Forschungsschwerpunkte

  • Kinderbetreuung und Fertilität
  • Nichteheliche Elternschaft
  • Soziale Ungleichheit und Familie
  • Kinderlosigkeit in Ost- und Westdeutschland

Stationen

  • Geboren 1969
  • Studium der Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum (1990 – 1996)
  • Forschungsaufenthalt am “Center for Policy Research” der Syracuse University und am “European Centre for the Analysis in the Social Sciences” der University of Essex
  • Mitarbeit an Forschungsprojekten des DIW Berlin und der Ruhr-Universität Bochum
  • Doktorandenstipendium in der Forschungsgruppe „Soziale Dynamik und Fertilität“ am Max-Planck-Institut für demografische Forschung
  • Promotion in Soziologie an der Universität Rostock (2001)
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Fertilität und Familiendynamiken im heutigen Europa am Max-Planck-Institut für demografische Forschung (2002 - 2009)

Michaela Kreyenfeld:

Aufschub der Familiengründung nach der Wende

Mit den gesellschaftlichen Umbrüchen nach der Wende gingen in Ostdeutschland dramatische Veränderungen des Geburtenverhaltens einher. Unmittelbar nach der Wiedervereinigung setzte ein Einbruch der Geburtenzahlen ein, der überwiegend als „Geburtenkrise“ und „Geburtenschock“ interpretiert worden ist. Diese Diagnose wurde zum Ausgangspunkt der Frage, ob und wann der Geburtenausfall kompensiert und eine erfolgreiche Anpassung an das westdeutsche Verhalten stattfinden würde. Der Verlauf der jährlichen Geburtenziffern scheint die Hypothese zu bestätigen, dass die Entwicklung in Ostdeutschland zunächst durch eine Krise und anschließend durch eine Annäherung an das westdeutsche Verhalten bestimmt war. Lag Anfang der 1990er die Geburtenziffer in Ostdeutschland bei unter eins, hat sie sich mittlerweile an das westdeutsche Niveau von etwa 1,4 Kindern pro Frau angenähert. Die Geburtenentwicklung könnte demnach auf die Formel „erst Krise, dann Angleichung“ gebracht werden. Diese Interpretation herrscht in Politik und Medien vor. Tatsächlich beruht sie auf erheblichen Missverständnissen. Wie viele Kinder eine Frau in ihrem Leben bekommt, lässt sich erst feststellen, wenn sie ihre „reproduktive Phase“ hinter sich gelassen hat (d.h. wenn sie keine Kinder mehr bekommen kann). Die in der Öffentlichkeit verbreitete jährliche Geburtenziffer gibt nicht die tatsächliche Kinderzahl an, sondern ist ein Schätzwert für die endgültige Kinderzahl. Dieser Schätzwert ist ausgesprochen problematisch im Fall der ostdeutschen Entwicklung nach der Wende. Ein wesentlicher Grund ist der drastische Anstieg nach 1990 des Alters, mit dem Frauen Mutter werden. Um dies verständlich zu machen, lohnt sich ein Blick auf das Alter bei Familiengründung vor und nach der Wende:


• In der DDR lag das mittlere Alter bei Familiengründung (d.h. das Alter, mit dem die Hälfte der Frauen ein erstes Kind bekommen haben) bei 22 Jahren. In der ehemaligen Bundesrepublik waren Frauen dagegen fast 28 Jahre alt, als sie das erste Mal Mutter wurden.


• Mit der Wende haben ostdeutsche Frauen die Familiengründung aufgeschoben. Das lässt sich eindruckvoll am Beispiel der Frauen verdeutlichen, die 1970 geboren wurden und zum Zeitpunkt der Wende noch keine 20 Jahre alt waren. Das mittlere Alter bei Familiengründung liegt bei diesen Frauen bei 26 Jahren. Diese Frauen wurden vier Jahre später Mutter als Frauen, die noch zu DDR-Zeiten ihr erstes Kind bekommen haben.


• Was aus der DDR-Perspektive ein reifes Alter bei der Familiengründung ist, ist aus westdeutscher Perspektive eine frühe Entscheidung zur Mutterschaft. Für den Jahrgang 1970 liegt das mittlere Alter bei Erstgeburt mittlerweile bei 30 Jahren.


Die Verschiebung des Alters bei der Familiengründung wirkt sich direkt auf die Interpretation der jährlichen Geburtenziffern aus. Schieben Frauen die Familiengründung auf, führt das dazu, dass die jährlichen Geburtenziffern kurzfristig zurückgehen. Der Einbruch der Geburtenziffern nach der Wende erklärt sich weitgehend durch den Aufschub der Familiengründung. Er hat nur wenig mit einem lebenslangen Verzicht auf Kinder zu tun. Im Unterschied zur populären Vorstellung eines ostdeutschen Geburtendefizits bekommen Frauen im Osten weiterhin früher ihr erstes Kind und die Kinderlosigkeit ist immer noch niedriger als im Westen.


Die in der Öffentlichkeit vorherrschende Perspektive auf die ostdeutsche Entwicklung war und ist von der Frage dominiert, ob und wann sich das ostdeutsche Verhalten dem westdeutschen Niveau anpasst. Was im Bereich Arbeitsmarkt und ökonomischer Entwicklung sinnvoll sein mag, ist im Bereich der Familienentwicklung zweifelhaft. In Bezug auf die Familienentwicklung liegt Westdeutschland an der „Weltspitze“, und zwar sowohl hinsichtlich eines hohen Alters bei Familiengründung als auch eines hohen Anteils zeitlebens kinderloser Frauen. Die Anpassung an diesen Standard wäre alles andere als eine Erfolgsgeschichte.

Dieser Artikel erschien am 14. Juli 2005 in den Norddeutschen Neuesten Nachrichten im Rahmen einer Serie von Expertenbeiträgen zum Demografischen Wandel.


DemoData
 
  Zum Dateninformationssystem gelangen Sie hier

Geburtenmonitor
 
  Die TFR für Gesamtdeutschland im März 2010: 1,34

Weitere saisonale Daten und Ergebnisse des Geburtenmonitors
zu Fertilitätstrends finden Sie hier

Liebe kennt keine Grenzen: Deutschlandweit hat sich der Anteil binationaler Paare zwischen 1998 und 2008 von vier auf acht Prozent verdoppelt.

Wechselseitige Beziehungen zwischen Berufs- und Familienleben - Gesprächsrunde im Rahmen des EU-Projektes J.I.F.T. [...]

Über das Auf und Ab der Produktivität im Lebenslauf: Nicht alles ist dem Alter zuzuschreiben [...]


Zur Qualität von Bevölkerungsdaten und der Notwendigkeit einer klassischen Volkszählung [...]

Innovation in kleinen Schritten: Plädoyer für einen deutsch-japanischen Diskurs für Alt und Jung. [...]