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Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
 

Thusnelda Tivig

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Professorin für Volkswirtschaftslehre (Lehrstuhl für Wachstum und Konjunktur) an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock (seit 1995)
 

Leiterin des Forschungsbereichs "Alterung des Arbeitskräftepotenzials" (Aging Labor Force) am Rostocker Zentrum zur Erforschung des Demografischen Wandels (seit 2006)

Thusnelda tivig

Forschungsgebiete

  • Bevölkerungsökonomik
  • Arbeitsökonomik
  • Wachstumstheorie und -politik

Forschungsschwerpunkte

  • Altersabhängigkeit (kreativer) Produktivität im Lebenslauf und auf Firmenebene
  • Altersabhängigkeit regionaler und sektoraler Innovationsfähigkeit
  • Wissens-Spillovers und Wirtschaftswachstum bei schrumpfender Bevölkerung
  • Renteneintritt, Lebensdauer und Kosten der Frühverrentung
  • Nachhaltigkeit der Altersvorsorge und Wirtschaftswachstum im Demografischen Wandel
  • Nachhaltigkeit der Infrastrukturplanung im Demografischen Wandel

 

Stationen

  • geboren 1954
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin/Assistentin an der Universität Konstanz (1981-1987) 
  • Promotion zum Dr. rer. pol. an der Universität Konstanz (1986) 
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin/Assistentin/Privatdozentin an der Universität Erlangen-Nürnberg (1988-1994)
  • Habilitation für das Fach Volkswirtschaftslehre an der Universität Erlangen-Nürnberg (1993)
  • Vertretung des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, Konjunktur und Wachstum, an der Universität Rostock (1994-1995)
  • Berufung auf den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, Wachstum und Kunjunktur, an der Universität Rostock (1995)
  • Prorektorin für Personalentwicklung und Internationales der Universität Rostock (2002-2004)
  • Co-Gründungsdirektorin des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels (2004-2006)

Deutschlands Erwerbs- oder Arbeitskräftepotenzial

 

In der Diskussion um die Folgen des Demografischen Wandels wird häufig die Befürchtung geäußert, Arbeitskräfte könnten in Deutschland knapp werden.

Verschiedene Sichtweisen auf das Problem des Arbeitskräftemangels als Folge demografischer Entwicklungen


 

Große Unternehmen geben stets vor, nur die Besten zu wollen. Definitionsgemäß sind diese immer knapp, unabhängig von den Auswirkungen des Demografischen Wandels. Andere Unternehmen suchen jüngere, aber schon erfahrene und unbeschränkt mobile Fachkräfte für den Einsatz im globalen Markt. Diese werden im Demografischen Wandel tatsächlich knapper, weil der Anteil Jüngerer in der Bevölkerung sinkt.


Nun könnte man vermuten, dass Kompensationsmöglichkeiten durch die steigende Bildungs- und Erwerbsbeteiligung von Frauen entstünden. Ein Blick auf die universitäre Fächerwahl von Männern und Frauen zeigt, dass die Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften bei Frauen und Männern ähnlich beliebt sind. In anderen Fächern bestehen jedoch große Unterschiede. So waren 2005 nur 30 Prozent der insgesamt 420.554 Studierenden in den Sprach- und Kulturwissenschaften Männer und nur 20 Prozent der insgesamt 326.491 Studierenden in Ingenieurwissenschaften Frauen. Auch zählt von den zehn meistgewählten Ausbildungsberufen nur der kaufmännische Bereich zu den Favoriten beider Geschlechter. Der Bildungsanstieg der Frauen und ihre erhöhte Erwerbsorientierung sind folglich nur bedingt geeignet, eine Knappheit beispielsweise von Natur- und Ingenieurwissenschaftlern oder Mechanikern zu kompensieren.


Aus Sicht der Politik ist dies ein Problem, das mit falsch gesetzten Bildungs- und Berufswahlanreizen mindestens genau so viel zu tun hat wie mit dem Demografischen Wandel. Unklar ist allerdings, ob überhaupt von Knappheit gesprochen werden kann, solange über-50-jährige Arbeitslose gerade in technischen Berufen besonders schlechte Wiedereinstiegschancen haben. Auch die rasante Zunahme der Zeitarbeit (= Leiharbeit) bei Ingenieuren und Technikern ist widersprüchlich: Wären diese Arbeitskräfte wirklich knapp, würde man versuchen, sie an die Unternehmen zu binden. Dem einfachen Bürger schließlich muss die Furcht vor einem Arbeitskräftemangel angesichts einer seit 20 Jahren hohen Arbeitslosigkeit geradezu unverständlich vorkommen.

Das Arbeitskräftepotenzial – Definitionen

In Deutschland ist es schon seit Jahrzehnten üblich, das Potenzial an Arbeitskräften zu schätzen, um rechtzeitig auf mögliche Engpässe hinweisen zu können. Diese Bemühungen gewinnen in Zeiten des Demografischen Wandels, in dem die Bevölkerung altert und tendentiell schrumpft, an Bedeutung. Was versteht man also unter dem Erwerbs- oder Arbeitskräftepotenzial eines Landes?


Zunächst stellt man sich darunter die Zahl der Personen vor, die objektiv erwerbsfähig und grundsätzlich erwerbswillig sind – unabhängig davon, ob sie einer Beschäftigung nachgehen oder nicht. Die Erwerbsfähigkeit wird durch sozioökonomische Vorgaben und rechtliche Rahmenbedingungen - etwa dem Verbot von Kinderarbeit und gesetzlichen Festlegungen zum Gesundheitszustand oder Rentenalter - bestimmt. Das Erwerbs- oder Arbeitskräftepotenzial eines Landes spiegelt somit geltende Leistungsvorstellungen für gewisse Altersgruppen wider, deren Unter- und Obergrenze bei 15-20 bzw. 60-74 Jahren liegt. Weitere Einschränkungen ergeben sich aus der räumlichen und zeitlichen Verfügbarkeit der Arbeitskraft, ihrer Ausbildung und ihren sozialen Fähigkeiten. So können Personen zwar erwerbsfähig und erwerbswillig, räumlich aber nur eingeschränkt verfügbar sein. Arbeitsämter trugen dieser Problematik Rechnung, indem sie Zumutbarkeitskriterien hinsichtlich der beruflichen und räumlichen Mobilität formulieren; in die Potenzialschätzung gehen sie jedoch nicht ein. Bei der Erwerbswilligkeit geht man davon aus, dass sie sich bei Bedarf über passende Anreize oder Regelungen immer herstellen lässt. So wird Arbeit in der Volkswirtschaftslehre zwar als leidstiftend angesehen, so dass keine Willigkeit im Sinne einer Vorliebe für Arbeit existiert. Dennoch kann jeder Konsument über seine Budgetrestriktion zu Erwerbswilligkeit bewegt werden, beispielsweise über Beschränkungen sonstiger Einnahmequellen, z.B. von Transfereinkommen.


Die Bundesagentur für Arbeit (BA) bzw. deren Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) definieren das „Totale Arbeitskräftepotenzial“ (unter Ausklammerung möglicher Erwerbsunfähigkeit) als die gesamte "Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren". Nach Abzug bestimmter Personengruppen, die dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen (wie beispielsweise Vorruheständler), gelangt man schrittweise zum “Latenten Arbeitskräftepotenzial” bzw. “Konjunkturellen Erwerbspotenzial”. Basis für die Berechnung der Erwerbslosen sind die bei den Arbeitsämtern registrierten Arbeitslosenzahlen.

Abb.1: Das BA/IAB - Konzept des Erwerbs- oder Arbeitspotenzials 

 

   Totales Arbeitskräftepotential (=Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter 15-65)

-  bestimmte Nichterwerbspersonen (z.B. im Vorruhestand)

= Latentes Arbeitskräftepotential

-  bestimmte Erwerbsbereite (z.B. gesetzlich Verhinderte, wie Asylbewerber)

= Konjunkturelles Erwerbspotenzial

-  Stille Reserve (z.B. Entmutigte oder Personen in Aus-/Weiterbildungsschleifen)

= Erwerbspersonen (15-65 Jahre)

-  Erwerbslose (wöchentliche Arbeitszeit < 15 Stunden, gemeldet und verfügbar)

= Erwerbstätige

Die einzelnen Untergruppen werden international unterschiedlich abgegrenzt. So beträgt das gesetzliche Renteneintrittsalter in Frankreich 60 Jahre und in Norwegen 67 Jahre. Aus diesem Grund kann das BA/IAB–Konzept nicht für internationale Vergleiche genutzt werden; selbst für nationale Vergleiche im Zeitablauf ist es aufgrund von Gesetzesänderungen und dem Wandel von Einstellungen und Normen wenig geeignet.


Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und die OECD nehmen daher mit dem Labour-Force-Konzept eine andere Sichtweise ein. Es gibt Erwerbspersonen und Nichterwerbspersonen. Erwerbspersonen sind Personen zwischen 15 und 74 Jahren, die in der Referenzwoche mehr als eine Stunde gearbeitet (Erwerbstätige) oder in den vorangegangenen vier Wochen aktiv eine Arbeit gesucht haben und innerhalb von zwei Wochen verfügbar wären (Erwerbslose). Alle anderen sind Nichterwerbspersonen – sei es, weil sie Kinder, Rentner oder aus verschiedensten Gründen nicht auf Arbeitssuche sind. Grundlage der von Eurostat berechneten Daten ist eine monatliche telefonische Haushaltsbefragung durch die nationalen statistischen Ämter.

Abb.2: Das Labour-Force-Konzept der ILO 

 

   Erwerbstätige

+ Erwerbslose (15-74 Jahre, wöchentliche Arbeitszeit < 1h

   oder arbeitssuchend und schnell verfügbar)

= Erwerbspersonen (15-74 Jahre)

+ Nichterwerbspersonen

= Bevölkerung

Die in beiden Konzepten enthaltenen Teilgruppen "Erwerbstätige", "Erwerbslose" und "Erwerbspersonen" sind kaum vergleichbar. Wer beispielsweise mehr als eine Stunde, aber weniger als 15 Stunden wöchentlich arbeitet, ist nach dem BA-Konzept erwerbslos, nach dem ILO-Konzept aber erwerbstätig. Die Altersgruppe der Erwerbspersonen wird von der ILO einerseits auf 74 Jahre ausgedehnt, andererseits aber in der Untergruppe der Erwerbslosen in allen Altersklassen auf diejenigen beschränkt, die gerade Arbeit suchen und praktisch sofort verfügbar sind.


Die auf Basis der unterschiedlichen Definitionen berechneten Arbeitslosenzahlen liegen daher weit auseinander; in der Regel sind die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit höher. Weitere Feinheiten, wie die Anwendung des Inländer- oder Inlandskonzepts sowie die Berücksichtigung nur abhängig beschäftigter statt aller zivilen Erwerbspersonen, führen schließlich dazu, dass selbst die von ein und derselben Behörde berechneten Zahlen unterschiedlich hoch ausfallen, wie folgendes Beispiel für Deutschland zeigt. Im Jahr 2002 betrug die von der BA gemeldete Arbeitslosenquote 10,8 bzw. 9,8 Prozent, je nachdem, ob nur abhängig beschäftigte oder alle zivilen Erwerbspersonen als Basis gelten. Die Erwerbslosenquote nach dem ILO-Konzept hingegen wurde von Eurostat und der OECD mit 8,2 Prozent, beim Statistischen Bundesamt hingegen mit nur 7,6 Prozent ausgewiesen. Grund war, dass letzteres zwischen 2002 und 2004 nur Erwerbspersonen zwischen 15 und 64 Jahren berücksichtigte, statt - und wie von der ILO Richtlinie gefordert - zwischen 15 und 74 Jahren. Der Unterschied zwischen der höchsten und niedrigsten Arbeitslosenzahl betrug auf diese Weise über drei Prozentpunkte. Würde ein Politiker behauptet haben, die Arbeitslosigkeit „halbieren“ zu wollen, so wäre das zum Teil schon durch die Verwendung eines anderen Konzepts möglich gewesen.


Das Labour-Force-Konzept ist für internationale Vergleiche gut, für eine längerfristige Potenzialschätzung aber noch weniger geeignet als das BA-Konzept. Die Gruppe der Nichterwerbspersonen ist in sich zu wenig differenziert, um abzuschätzen, unter welchen Bedingungen ihre Einbindung in den Arbeitsmarkt möglich wäre. Auch können die auf den sehr kurzen Zeithorizont von maximal 4 Wochen bezogenen Befragungsergebnisse in hohem Maße Sonderfaktoren widerspiegeln, wie die augenblickliche Konjunktur oder außergewöhnliche persönliche Lebensumstände. Schlußfolgerungen über die grundsätzliche Erwerbsfähigkeit sind daher schwierig abzuleiten. Auch das Eine-Stunde-Wochenarbeit-Kriterium für Erwerbstätigkeit birgt Probleme: 120 Personen, die eine Stunde wöchentlich arbeiten und damit als erwerbstätig gelten, bieten ein Arbeitsvolumen, das von drei Personen mit einer 40-Stunden Wochenarbeitszeit geleistet werden kann. Soll für eine Potenzialschätzung das Arbeitsangebot der 120 Personen auf jeweils 40 Stunden hochgerechnet werden?


Alterung des Arbeitskräftepotenzials – auch eine Frage des Wirtschaftszweiges


Ähnlich wie die Knappheit, kann auch die Alterung des Arbeitskräftepotenzials im Zuge des Demografischen Wandels nicht unabhängig von gesetzlichen Regelungen diskutiert werden; sie ist nicht mit der demografischen Alterung gleichzusetzen. So schlagen sich veränderte Geburtenzahlen erst mit einer zeitlichen Verzögerung von etwa 20 Jahren in der Altersstruktur der Erwerbsbevölkerung nieder. Zudem bremst ein relativ konstantes Renteneintrittsalter die Alterung der Erwerbsbevölkerung, weil die Alterung der Gesamtbevölkerung überwiegend bei den alten, nicht (mehr) erwerbstätigen Menschen stattfindet. Einige wirtschaftliche Folgen des Demografischen Wandels hängen stärker von der demografischen Alterung der Gesamtbevölkerung, andere mehr von der Alterung des Arbeitskräftepotenzials ab. Ersteres gilt beispielsweise für die Sozialversicherungssysteme, letzteres für die Beschäftigungsentwicklung oder das Wirtschaftswachstum. Unsere Untersuchungen zeigen, dass ausgewählte Gruppen (z.B. Arbeitslose oder Beschäftigte in einzelnen Wirtschaftszweigen) eine deutlich andere Altersstruktur oder -entwicklung aufweisen, als die zugrunde liegende Referenzgruppe der Gesamt- oder Erwerbsbevölkerung. Beispielsweise unterscheidet sich das Durchschnittsalter der Beschäftigten zwischen 1975 und 2001 je nach Industrie um fast zehn Jahre, das Alter der Erwerbspersonen hingegen nur um etwa fünf Jahre. Weiterhin gibt es Teilgruppen, wie Beschäftigte in der Landwirtschaft, die kaum altern, während die Gruppe der Ingenieure stark altert. Solche Unterschiede sind schon deswegen interessant, weil die einzelnen Wirtschaftszweige in sehr unterschiedlichem Maße zum Wirtschaftswachstum beitragen.


Die Knappheit und Alterung des Arbeitskräftepotenzials im Zuge des Demografischen Wandels hängt somit von Berufs- und Bildungsanreizen, gängigen Leistungsvorstellungen in der Gesellschaft, gesetzlichen Regelungen und der demografischen Alterung ab.

 

 

Quelle: Henseke, G., Hetze, P. und T. Tivig (2007). Alterung der Erwerbsbevölkerung. Working Paper in der Thuenen-Series of Applied Economic Theory, Universität Rostock.


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