Der Einfluss früher Lebensumstände auf die Lebenserwartung
In welcher Phase des Lebens entscheidet es sich, ob man jung stirbt oder ein hohes Alter erreicht? Ist es die Zeit der Entwicklung des Fötus im Mutterleib, sind es die allerersten Lebensmonate des Neugeborenen, oder ist es der Lebensstil (wie Zigarettenkonsum, Ernährung, Alkoholkonsum, sportliche Betätigung), der soziale Status, die Arbeitsumgebung, oder die Gesundheits- und Pflegeversorgung im Laufe des Lebens eines Erwachsenen? Während der Einfluss der letztgenannten Faktoren unbestritten ist, finden Forscher immer mehr Hinweise, dass bereits die Lebensumstände in den allerersten Lebensphasen bis hin zur fötalen Entwicklung bleibenden Einfluss auf Gesundheit und Krankheit im Erwachsenenalter haben. Seit langem bekannt sind die Auswirkungen des Zigarettenkonsums Schwangerer auf die Gesundheit ihrer neugeborenen Kinder. Erst in den letzten Jahren häufen sich jedoch auch die Hinweise, dass sich Ernährung und Infektionserkrankungen der Mutter während der Schwangerschaft sowie des Neugeborenen auf das Risiko späterer chronischer Erkrankungen im Erwachsenenalter auswirkt.
Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass der Geburtsmonat mehr Licht in den Zusammenhang von frühen Lebensumständen und Gesundheit und Krankheit im Erwachsenenalter bringen kann. Der Geburtsmonat wird dabei als ein Indikator für saisonal schwankende Umweltbedingungen zum Zeitpunkt der Geburt verstanden. So ändert sich die Ernährung im Jahresverlauf, und auch das Auftreten von Infektionserkrankungen wie Schnupfen, Grippe, und Durchfallerkrankungen hängen von den Jahreszeiten ab.
Die Analyse von Millionen von Bevölkerungsdaten und Sterbeurkunden von Österreichern und Dänen im Alter von über 50 Jahren zeigt, dass im Frühjahr geborene eine niedrigere Lebenserwartung haben als im Herbst geborene. In Deutschland finden sich unter den Hundertjährigen mehr Personen, die ihren Geburtstag im Herbst feiern als im Frühling. In Australien ist der Zusammenhang um ein halbes Jahr verschoben. Da sich die Jahreszeiten auf der südlichen Erdhalbkugel um ein halbes Jahr von der nördlichen Hemisphäre unterscheiden, bedeutet dies, dass auch dort die Frühjahrskinder kürzer leben als die Herbstkinder. Die Unterschiede in der Lebenserwartung reichen dabei von knapp einem halben Jahr in Dänemark bis zu fast einem Jahr in Österreich. In Deutschland ist die Wahrscheinlichkeit ein Alter von 105 und mehr Jahren zu erreichen unter Herbstkindern um 40 Prozent höher als unter Frühjahrskindern.
Vergleicht man das Geburtsmonatsmuster in der Lebenserwartung der 50-Jährigen heute mit der Säuglingssterblichkeit nach dem Geburtsmonat zu Beginn des 20. Jahrhunderts, so findet man eine große Übereinstimmung. Vor 100 Jahren hatten im Frühjahr geborene Säuglinge ein höheres Risiko, im ersten Lebensjahr zu sterben, als im Herbst geborene. Diese Übereinstimmung ermöglicht nun Rückschlüsse auf die Ursachen.
Historisch gesehen beeinflussten vor allem saisonal auftretende Infektionserkrankungen in Zusammenhang mit Nichtstillen und Abstillen das absolute Niveau und das saisonale Muster der Säuglingssterblichkeit. So mag das Nichtstillen bzw. Abstillen im Frühjahr geborener Kinder während der heißesten Jahreszeit zu vermehrten Infektionen im Magen-Darm-Trakt geführt haben, die ein großer Teil nicht überlebte. In Österreich und den südlichen Teilen Deutschlands, wo üblicherweise nicht oder kurz gestillt wurde, starben bis zu einem Viertel aller Neugeborenen im ersten Lebensjahr, viele davon an Infektionen des Magen-Darm-Traktes. Im Herbst geborene Kinder wurden vor der heißen Jahreszeit abgestillt und waren damit einem geringeren Infektionsrisiko ausgesetzt. Jene Säuglinge, die trotz Infektionen überlebten, wurden in ihrer körperlichen Entwicklung zeitlebens geschwächt und trugen ein höheres Risiko für chronische Erkrankungen im Erwachsenenalter mit sich.
Die Unterschiede in der Lebenserwartung nach dem Monat der Geburt sind gering. Sie unterstreichen jedoch die Bedeutung der ersten Lebensjahre für die weitere gesundheitliche Entwicklung, unabhängig von sozialen Faktoren und Unterschieden im Lebensstil. Eine vermehrte Aufklärung von Schwangeren und Müttern würde dazu beitragen, dass ihre Kinder nicht nur im Kindesalter sondern auch als Erwachsene gesünder wären.
Dieser Artikel erschien im Juli 2005 in Norddeutschen Neuesten Nachrichten im Rahmen einer Serie von Expertenbeiträgen zum Demografischen Wandel.