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Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
 

Jan Hoem

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Leiter der Forschungsabteilung Fertilität und Familiendynamik des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (seit 1999; kommissarisch seit Mitte 2007)

 

Direktor emeritus des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung (seit 2008)

 

Honorarprofessor für statistische Demografie der Universität Rostock, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät (seit 2002)

 

Vorsitzender des Zentrumsrats des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels (seit 2006)

Jan Hoem

Forschungsgebiete

  • Bestimmungsfaktoren der Fertilität und Familiendynamik im heutigen Europa
  • Ausbildung und Fertilität

 

Forschungsschwerpunkte

  • Methoden zur Erforschung von parallelen Prozessen mit gegenseitigem Einfluss im individuellen Lebenslauf

 

Stationen

  • Geboren in Kristiansund N/ Norwegen (1939)
  • Master of Science für Versicherungsmathematik an der Universität Oslo (1964)
  • Master of Science für mathematische Statistik an der Universität Oslo (1968)
  • Promotion in mathematischer Statistik, Universität Oslo (1969)
  • Direktor der soziodemografischen Forschungseinheit, Statistics Norway (1970 - 1974)
  • Professor für Versicherungsmathematik an der Universität Kopenhagen (1974 – 1981)
  • Professor für Demometrie an der Universität Stockholm ( 1981 – 2001)
  • Chefredakteur der elektronischen Zeitschrift "Demographic Research" (1999 - 2006)
  • Verantwortlicher Redakteur (V.i.S.d.P.) des Informationsorgans "Demografische Forschung aus erster Hand" (2004 - 2006)
  • Direktor (Division 2) des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (1999 - Mitte 2007)

Warum bekommen die Schweden mehr Kinder als die Deutschen?

Reflexionen von Jan M. Hoem
Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock, Deutschland

Gemessen an gegenwärtigen europäischen Standards hat Schweden in den vergangenen Jahrzehnten eine vergleichsweise hohe Fertilität vorzuweisen. Während der 1980er und 1990er Jahre schwankte die zusammengefasste Geburtenziffer (TFR) deutlich, hielt sich aber auf einem Niveau etwas unterhalb von 1,8. Dies liegt etwas unterhalb des Geburtenniveaus in Frankreich, aber deutlich oberhalb des Niveaus in Westdeutschland. 2004 erreichte die zusammengefasste Geburtenziffer einen Wert von 1,76 – Tendenz steigend. Betrachtet man hingegen die endgültige Zahl der Kinder pro Frau nach Geburtsjahrgängen (Kohortenfertilität), so zeigen sich über den gleichen Zeitraum recht konstante Werte um 2 Kinder pro Frau. In Frankreich lag die Kohortenfertilität bei 2,1, in Westdeutschland dagegen deutlich niedriger, und sie hat dort kontinuierlich bis auf 1,6 Kinder pro Frau abgenommen. Was steckt hinter diesen unterschiedlichen Entwicklungen, und wie erklären sich die für das schwedische Bild typischen Schwankungen der Geburtenziffer?

1. Die blanken Tatsachen

Wie allgemein bekannt, gehört Schweden zu den Ländern, die gemessen an europäischen Standards eine recht hohe Fertilität aufweisen, vor allem verglichen mit Deutschland. Die Abbildung 1 zeigt, wie sich dies seit 1980 in der zusammengefassten Geburtenziffer widerspiegelt. Zwei Dinge springen dem Betrachter sofort ins Auge: Erstens liegt die deutsche Kurve deutlich unterhalb der anderen und zweitens verläuft die schwedische Kurve stark wellenförmig, mit einem Höchststand von 2,13 im Jahr 1990 und einem deutlichen Tiefpunkt von 1,5 in den Jahren 1998 und 1999. Die Kurven der anderen Länder verlaufen gleichmäßiger. So zeigt weder Finnland noch ein anderes nordisches Land eine so ausgeprägte Wellenform wie Schweden. Der Verlauf der schwedischen Fertilitätskurve gleicht einer Achterbahnfahrt, was in der Fachliteratur zu dem Begriff „roller coaster“ geführt hat. Was dahinter steckt, wird gleich zu erläutern sein. Doch schon hier sei angemerkt, dass sich hinter der vermeintlich stabilen Entwicklung in Deutschland in Wirklichkeit dramatische Trends in Ostdeutschland verbergen, die mit dem Zusammenbruch des Kommunismus und der folgenden Wiedervereinigung zusammenhängen (siehe Abbildung 2). Gravierende politische oder ökonomische Ereignisse können die zusammengefasste Geburtenziffer stark beeinflussen.



Abbildung 1 

Quelle: Demographic Research 2005, Volume 13, Article 22, p.5.

 

Abbildung 2

Quelle: Demographic Research 2005, Volume 13, Article 22, p.5.


Dabei ist wichtig zu betonen, dass derartige Wirkungen häufig in erster Linie über Tempoeffekte erzielt werden. Erste und auch folgende Geburten werden aufgeschoben. Der Effekt auf die endgültige Kinderzahl einer Frau (die Zahl ihrer Kinder am Ende ihrer reproduktiven Phase) kann dabei viel geringer ausfallen. Sogar die auffälligen Wellen in der schwedischen Periodenfertilität (TFR) werden geglättet, wenn die entsprechende durchschnittliche Zahl der Kinder betrachtet wird, die schließlich tatsächlich von den Frauen geboren wurden. Die Kurve der schwedischen Kohortenfertilität (CFR) in Abbildung 3 verläuft bemerkenswert stabil. Zudem liegt sie deutlich oberhalb der Kurven von Ost- und Westdeutschland, welche wiederum beide über die 25 Jahrgänge deutlich absinken. Die Frauen des Geburtsjahrgangs 1965, welche heute 40 Jahre alt sind und somit die reproduktive Phase weitgehend abgeschlossen haben, bekamen in Schweden durchschnittlich 1,98 Kinder, während in Ostdeutschland endgültig durchschnittlich 1,57 und in Westdeutschland 1,48 Kinder geboren wurden.

Abbildung 3

Quelle: Demographic Research 2005, Volume 13, Article 22, p.6.

 

Abbildung 4

Quelle: Demographic Research 2005, Volume 13, Article 22, p.9.


Der Anstieg der zusammengefassten Geburtenziffer in den 1980er Jahren in Schweden ist sehr wahrscheinlich zwei Entwicklungen zuzuschreiben, die sich in ihren Wirkungen ergänzt haben. Zum einen war die wirtschaftliche Lage in diesen Jahren gut und verbesserte sich zunehmend, so dass schwedische Familien sich immer leichter ein Kind (oder weitere Kinder) leisten konnten. Zum zweiten ermutigten Änderungen in der schwedischen Familienpolitik die Schweden dazu, ihre Kinder in kürzeren Abständen zu bekommen. Dies geschah folgendermaßen:

Im Falle des einkommensabhängigen Elterngeldes, wie es in Schweden existiert, wird Eltern ein Anreiz gegeben, die Zeit vor der Geburt eines Kindes zu nutzen, um die Gesamteinnahmen durch Einkommen und Leistungen zu maximieren. Wenn das Recht auf diese Lohnersatzleistungen erst nach einer Phase des Beziehens eines eigenen Einkommens erworben werden kann, dann werden junge Menschen dazu ermutigt, die Geburt eines ersten Kindes bis zu diesem Zeitpunkt aufzuschieben, da auch sie die Rechte auf angemessene Leistungen erworben haben. Ein weiteres Element des Elterngeldsystems, die „Geschwindigkeitsprämie“, sollte sicherstellen, dass Eltern, deren Kinder in einem kurzen Abstand geboren werden, nicht etwa dafür „bestraft“ werden, dass sie in dem kurzen Intervall zwischen den beiden Geburten weniger verdient haben. Denn viele Frauen reduzieren nach der Geburt eines ersten Kindes ihre Arbeitsstunden und nehmen damit Gehaltseinschränkungen in Kauf, so dass das Elterngeld nach einem zweiten Kind entsprechend niedriger ausfiele. In Schweden reagierte man auf diese Schwäche des Systems und knüpfte das Leistungsniveau des Elterngeldes nach der Geburt eines zweiten, dritten oder weiteren Kindes an das Gehalt vor der Geburt des vorhergehenden Kindes. Dies galt und gilt unter der Voraussetzung, dass das Gehalt vor der Geburt des vorangegangenen Kindes höher ausfällt als in dem Intervall zwischen der Geburt des weiteren Kindes und dass das Intervall zwischen den beiden Kindern nicht zu lang ist. In Analogie zu bestimmten Verkaufstricks von Post-Bestelldiensten, vor allem im Bereich des Bücherversands, haben wir dieses familienpolitische Instrument „Geschwindigkeitsprämie“ genannt. Die „Geschwindigkeitsprämie“ wurde 1980 per Gesetz eingeführt und der Geburtenabstand zwischen den aufeinander folgenden Kindern bei 24 Monaten festgeschrieben. Dieses Intervall erwies sich allerdings als etwas zu eng gesteckt, so dass im Jahr 1986 der Geburtenabstand, innerhalb dessen die Aufrechterhaltung des Elterngeldes auf dem vorangegangenen Niveau möglich ist, auf realistischere 30 Monate gestreckt wurde. Dass diese Geschwindigkeitsprämie tatsächlich eine entsprechende Beschleunigung bei den Geburten nachfolgender Kinder auslöste, wurde besonders überzeugend von Gunnar Andersson (1999, 2004) sowie von Andersson, Hoem und Duvander (2005) demonstriert.

In den 1990er Jahren erlebte Schweden wirtschaftlich schwierige Jahre, und die Familieneinkommen sanken. Einkommensabhängige Leistungen wie das Elterngeld gingen dementsprechend auch zurück. Eine Stimmung machte sich unter Familien breit, dass man sich (weitere) Kinder einfach nicht mehr leicht „leisten“ konnte. Als Antwort auf die steigende Arbeitslosigkeit sowie die Förderung der Weiterbildungsprogramme und Umschulungsmaßnahmen sattelten viele Frauen und Männer auf Weiterbildung um oder verlängerten diese, sofern sie sich noch in der Ausbildung oder im Studium befanden. Während der Ausbildung bekommen Frauen jedoch weniger Kinder als in anderen Lebensphasen. Die jährlichen zusammengefasste Geburtenziffern fielen in diesem Zeitraum im Zuge dieser Entwicklungen ab. Das Tal der niedrigen Geburtenziffern war durchschritten, wie in der Abbildung 1 deutlich wird, als die Beschäftigungsquote und die Einkommen nach den schwierigen 1990er Jahren wieder anstiegen – damit stiegen auch die Geburtenziffern. Da die Kohortenfertilität in diesem Zeitraum jedoch stabil blieb (siehe Abbildung 3), muss die wellenförmige Bewegung der zusammengefassten Geburtenziffer mit Verschiebungen des Alters der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes und mit der zeitlichen Staffelung der aufeinander folgenden Geburten zu begründen sein.

Den Anstoß zu der steigenden Fertilität in den 1980er Jahren gaben zwei zusammen wirkende Gründe, nämlich die „Geschwindigkeitsprämie“ (die zu einer rascheren Aufeinanderfolge der zweiten und dritten Kinder führte) sowie günstige ökonomische Entwicklungen (die grundsätzlich zu einem Anstieg der Geburtenraten führten). Die „Geschwindigkeitsprämie“ entfaltete ihre Wirkung kontinuierlich über das gesamte Jahrzehnt der 1990er Jahre und bis heute. Doch da diese familienpolitische Maßnahme seit 1986 nicht geändert wurde, kann sie zu dem Aufschwung der zusammengefassten Geburtenziffer in den späteren Jahren nicht beigetragen haben. Vielmehr muss dieser letzte Aufschwung durch die sich verbessernden ökonomischen Bedingungen im Land und durch ein Wechselspiel zwischen bestimmten anderen familienpolitischen Maßnahmen in Schweden verursacht worden sein.

Die Familienpolitiken der anderen nordischen Länder unterscheiden sich in Details. In Finnland wurde 1985 das so genannte Kinderbetreuungsgeld eingeführt und das familienpolitische Programm bis Anfang der 1990er Jahre weiter entwickelt, als die ökonomische Krise auch in Finnland spürbar wurde. Das Kinderbetreuungsgeld beinhaltete eine monatliche Unterstützungsleistung für Eltern, die keine öffentliche Kinderbetreuung in Anspruch nahmen und ihre Kinder selbst zu Hause versorgten. Das bedeutete für Frauen, die arbeitslos wurden und mit ihrem Kind oder ihren Kindern zu Hause blieben, eine großzügige staatliche Unterstützung, die ihnen ermöglichte, schwierigere Zeiten zu überdauern bis sie in den Arbeitsmarkt zurückkehren konnten. Offensichtlich führte dieses System zu einem gleichmäßigeren Familieneinkommen und zu einem entsprechend glatteren Verlauf der zusammengefassten Geburtenziffern ohne wellenförmige Bewegungen. In Schweden hingegen ließ sich das Kinderbetreuungsgeld politisch nicht durchsetzen, so dass hier die Fertilität mit den Wirtschaftszyklen schwankte. Im Gegensatz dazu bewirkte das finnische System, dass sich die Fertilität unabhängig zu den Wirtschaftszyklen entwickelte. Man beachte, dass die Erwerbsbeteiligung der schwedischen und finnischen Frauen sehr hoch ist und dass die staatliche Kinderbetreuung gut ausgebaut ist, so dass es nicht sehr problematisch ist, einen guten Betreuungsplatz für ein Kind zu finden, wenn sich für die Mutter neue Erwerbsmöglichkeiten bieten.

2. Die Wirkung der Bildung

Die Erkenntnis, dass das Ausmaß der Kinderlosigkeit unter hoch qualifizierten Frauen in Deutschland wesentlich höher ist als bei anderen Frauen, hat viel Aufmerksamkeit erregt. Die Abbildung 4 macht deutlich, dass höher qualifizierte Frauen in Schweden, Frankreich und Westdeutschland tatsächlich durchschnittlich weniger Kinder haben. Zwei wesentliche Beobachtungen seien an dieser Stelle genannt:

  1. Hoch qualifizierte Frauen aus Frankreich und Schweden haben durchschnittlich eine höhere endgültige Zahl an Kindern als hoch qualifizierte Frauen aus Westdeutschland.
  2. Die beiden Kurven für die unterschiedlichen Bildungshintergründe liegen für schwedische Frauen viel dichter beieinander als die korrespondierenden Kurven der anderen Länder. Offensichtlich spielt der Bildungshintergrund der Frauen für die endgültige Kinderzahl in Schweden eine wesentlich geringere Rolle als in Frankreich oder in Westdeutschland.

Dies lässt die Interpretation zu, dass die schwedische Familienpolitik im Gegensatz zu Frankreich und Westdeutschland die Vereinbarkeit von Familie und (sogar eine karriereorientierte) Beteiligung am Arbeitsmarkt erleichtert. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheint besonders in Deutschland schwer zu verwirklichen zu sein.

3. Schwedische Familienpolitik und ihr deutsches Pendant

Eine ausführliche Übersicht über die Elemente der schwedischen Familienpolitik haben wir bereits an anderer Stelle gegeben (Hoem und Hoem 1996). Tatsächlich beinhaltet die schwedische Familienpolitik eine ganze Batterie einzelner Maßnahmen, deren wesentliche Charakteristika in der Tabelle 1 zusammengefasst sind. Diese Charakteristika werden in der zweiten Spalte der Tabelle denen der deutschen Familienpolitik gegenübergestellt.

Tabelle 1: Carakteristika der schwedischen und der deutschen Familienpolitik bis 2005


 

Die schwedische Familienpolitik ist gekennzeichnet durch…

Die deutsche Familienpolitik ist gekennzeichnet durch… 

  • Ausgewiesene Großzügigkeit
  •  Ausgewiesene Großzügigkeit
  •  Hohe Flexibilität
  • Einige Flexibilität
  •  Einen allgemeingültigen Ansatz: Die gleichen Bestimmungen gelten überall und für jeden in Schweden – Regelungen und Leistungen sind unabhängig vom sozialen Status, vom Familienstand und anderem
  • Eine Ausrichtung auf Familien: Ansprüche und Leistungen hängen vom Familienstand ab, und Leistungen werden an Familien - und nicht an Individuen - gerichtet.
  • Koordination mit einem flexiblen Bildungssystem und einer flexiblen Arbeitsmarktpolitik
  •  Wenig Koordination
  •  Generelle Förderung von Frauen (Gleichstellungspolitik)
  • Wenig Förderung von Frauen

Das schwedische System zeichnet sich durch eine beachtliche Großzügigkeit aus, und das gilt gleichermaßen für das deutsche System, nicht zuletzt aufgrund der Steuervergünstigungen für Familieneinheiten und der Steuerfreibeträge für Kinder und Ehen. Letztere Elemente sind schon lange aus dem schwedischen System vollständig verschwunden. Die Koordination der Familienpolitik mit anderen Politikbereichen ist in Deutschland viel weniger konsequent verwirklicht als in Schweden. Darüber hinaus konnte ich in Deutschland wenig Nachdruck bei der Gleichstellung und Frauenförderung feststellen, die ein solch hervorstechendes Merkmal des schwedischen Lebens ist. Stattdessen liegt der Akzent in Deutschland auf der Förderung und dem Schutz der auf die Ehe gegründeten Familie. Die Umsetzung der Versorgung und der Wohlfahrt wird weitgehend den Familien überlassen (eine Anwendung des Subsidiaritätsprinzips).

Detailliertere Kennzeichen der beiden Systeme sind der Tabelle 2 zu entnehmen:

 

Tabelle 2: Kennzeichen der schwedischen und deutschen Familienpolitik

 

Schwedisches System

Deutsches System 

Elternzeit, gegenwärtig mit einer Lohnersatzzahlung von 80% des letzten Einkommens bis zu einer Grenze von 2500 € für 13 Monate. Dabei sind 2 Monate für den Vater reserviert und 2 weitere für die Mutter. Die verbleibende Zeit kann einer der beiden Eltern in Anspruch nehmen. Darüber hinaus gibt es eine niedrigere, lohnunabhängige Unterstützung für weitere 3 Monate.

Elternzeit von drei Jahren, davon gegenwärtig mit einem einkommensabhängigen Erziehungsgeld bis maximal 300 € monatlich bis zu 2 Jahren. Eine Verkürzung der Bezugsdauer auf ein Jahr bei erhöhter Zahlung von 460 € monatlich ist ggf. möglich. Die weiteren 12 Monate Elternzeit ohne finanzielle Unterstützung.

  • Hohe Flexibilität durch Teilzeitnutzung und veränderliche Bezüge im Laufe der Zeit;
  • Recht auf Teilzeitarbeit ohne Bedingungen;
  • Recht auf Rückkehr zum Arbeitsplatz nach Beendigung der Elternzeit.
  • Hohe Flexibilität durch Teilzeitnutzung und veränderliche Bezüge im Laufe der Zeit;
  • Kein Recht auf Teilzeitarbeit;
  • Recht auf Rückkehr zum Arbeitsplatz nach Beendigung der Elternzeit.

„Geschwindigkeitsprämie“, wenn der Abstand zwischen den Kindern 30 Monate nicht überschreitet (siehe Text)

Keine „Geschwindigkeitsprämie“

„Vaterurlaub“: Dem Vater stehen nach der Geburt jedes Kindes 10 freie, bezahlte Tage zu.

Kein „Vaterurlaub“

Freistellung bei Krankheit des Kindes, gegenwärtig bis zu 120 bezahlten Tagen pro Jahr und Kind, was auch die Krankheit der Betreuungsperson beinhaltet.

Freistellung bei Krankheit des Kindes, gegenwärtig 10 bis 20 bezahlte Tage pro Jahr und Kind, was die Krankheit der Betreuungsperson, etwa der Tagesmutter, nicht beinhaltet.

Kindergeld, gegenwärtig etwa 900 € pro Jahr pro Jahr pro Kind. Darüber hinaus Mietbeihilfe, wenn erforderlich.

Kindergeld, gegenwärtig etwa 1850-2150 € pro Jahr pro Kind. Darüber hinaus Mietbeihilfe, wenn erforderlich.
Ganztagskinderbetreuung und Ganztagsschulen und dies bei hoher Qualität und niedrigen Kosten für alle Altersgruppen. Kinderbetreuung: Sehr eingeschränkt in Deutschland verglichen mit Schweden.

Beide Länder haben (etwa im Vergleich zu Ländern wie den USA) gemeinsam,

  • dass die Kinderbetreuung durch Elterninitiativen, gemeinnützige Einrichtungen und andere private Betreuungsformen wie durch Tagesmütter einer sorgfältigen öffentlichen Überwachung unterliegen,
  • dass in Gebäude und die Einrichtung von Betreuungseinrichtungen und Schulen investiert wird,
  • dass es staatliche Programme für die Ausbildung von qualifiziertem Personal gibt und
  • dass großes Gewicht auf den Symbolwert öffentlicher Äußerungen über die Systeme gelegt wird.

Inhalt und Ton dieser öffentlichen Äußerungen unterscheiden sich in den beiden Ländern jedoch deutlich. Es gibt nicht nur die faktischen Unterschiede zwischen den Instrumenten und Maßnahmen der beiden familienpolitischen Systeme; diese Unterschiede reflektieren auch die unterschiedlichen Mentalitäten und politischen Ziele. In Schweden (wo das staatliche Engagement in der Familienpolitik viel stärker scheint) gibt es einen entschlossenen egalitären Anspruch, und eine öffentlich finanzierte Kampagne beeinflusst die öffentliche Haltung zur Bedeutung der Gleichstellung der Geschlechter. Über die grundsätzlichen Ziele herrscht in Schweden ein breiter politischer Konsens. Im Gegensatz dazu gibt es zwischen den Parteien und Interessengruppen in Deutschland deutliche Unterschiede in den politischen Positionen. In Schweden gab es seit den 1960er Jahren anhaltende Bemühungen, das System weiter auszubauen. Auch während der ökonomisch schwierigen 1990er Jahre wurden Anstrengungen unternommen, die erreichten Standards aufrechtzuerhalten (und nicht etwa zu reduzieren oder abzuschaffen). In Deutschland scheint das Bemühen eher zu sein, den Status quo aufrechtzuerhalten und nicht, das System zu verbessern oder durch Innovationen zu beleben. Tatsächlich erinnert die gegenwärtige Auseinandersetzung in Deutschland an die schwedischen Verhältnisse von vor 40 Jahren, insbesondere was die Auseinandersetzung um die Notwendigkeit der Änderung der Mentalität betrifft.

4. Die frauenfreundliche politische Kultur Schwedens

Es ist wichtig zu verstehen, dass weder einzelne noch mehrere Maßnahmen aus dem gesamten Strauß familienpolitischer Maßnahmen zu den Unterschieden in der Geburtenrate führen. Die schwedische Situation ist von einer gänzlich anderen politischen Kultur geprägt als die deutsche, vor allem die westdeutsche. Ich nenne hier einige Merkmale, die es gerechtfertigt scheinen lassen, die politische Kultur Schwedens als wesentlich frauenfreundlicher einzustufen als die politische Kultur in Deutschland.

  • Wie bereits erwähnt, richten sich die Maßnahmen und Leistungen in Schweden an das Individuum und nicht wie in Deutschland an das verheiratete Paar. Besonders deutlich wird dies bei den kontrastierenden Systemen der Einkommenssteuer und der Sozialversicherung. In Schweden wird jedes Individuum einzeln besteuert und zahlt seine eigenen Beiträge für die Systeme der sozialen Sicherung. In Deutschland können Ehepaare bei der Steuer gemeinsam veranlagt werden, und bei der Sozialversicherung werden Ehepaare Unverheirateten gegenüber bevorzugt. 
  • In Schweden wird die Gleichstellung der Geschlechter in allen Bereichen des privaten und öffentlichen Lebens, darunter auch der Bildungsbereich und der Arbeitsmarkt, mit großer Kraft unterstützt. In Deutschland ist ein entsprechendes Interesse in dieser Richtung schwer auszumachen. Demgegenüber waren Gleichstellung und soziale Gerechtigkeit Leitgedanken bei der Reform der Familienpolitik und anderer Politikbereiche. Diese Reformen waren in Schweden nicht pronatalistisch konzipiert (das heißt nicht darauf angelegt, die Geburtenrate zu steigern) – vielmehr zielten sie darauf ab, allen zu ermöglichen, die Zahl an Kindern zu haben, die sie sich wünschen.
  • Schweden verfügt über ein entschieden flexibleres Bildungssystem (für Erwachsene). Frauen (und Männer) können in das Bildungssystem nach einer Unterbrechung, etwa durch die Geburt eines Kindes, wieder einsteigen. Das wiederum bedeutet, dass die Geburt eines Kindes nicht das Ende eines Ausbildungsweges markiert. In einem weniger flexiblen System können junge Frauen davon abgeschreckt sein, Mutter zu werden, da sie befürchten müssen, ihre Ausbildung oder ihr Studium nach einer Unterbrechung nicht fortsetzen zu können. 
  • Das schwedische System zeichnet sich durch eine kinderorientierte Perspektive aus. Es ist kinderfreundlich, indem es frauenfreundlich ist. Es betont das „gleiche Recht von berufstätigen Frauen, auch Kinder haben zu dürfen“ statt des „Rechts von Müttern, auch arbeiten zu dürfen“, wie es die schwedische Friedensnobelpreisträgerin und Sozialreformerin Alva Myrdal formuliert hat. Das System ist nicht darauf ausgerichtet, Mütter dazu zu bringen, zu Hause zu bleiben und dort die Kinder zu betreuen; ganz im Gegenteil ermutigt das System Frauen, berufstätig zu sein und diesen Beruf beizubehalten („arbetslinjen“). 
  • Im schwedischen System wird großes Gewicht auf den fördernden pädagogischen Auftrag bei der Kindertagesbetreuung gelegt. Das Betreuungssystem wird als Mittel gesehen, um Chancengleichheit bei Kindern zu schaffen und nicht um lediglich die Kinder zu versorgen, während ihre Mütter arbeiten. Versuche, das Betreuungsangebot aufgrund von Sparzwängen einzuschränken, haben zu erbittertem Widerstand in der Bevölkerung geführt. (So gab es den Vorschlag, die älteren Geschwister von Babys, die im Rahmen der Elternzeit noch von ihren Eltern zu Hause versorgt wurden, vorübergehend aus der Kinderbetreuung nehmen zu wollen. Dies wurde jedoch als Verletzung der Rechte der Kinder auf frühkindliche Förderung gewertet.)
  • Die schwedische Familienpolitik ermuntert beide Eltern, sich an der Kinderbetreuung zu beteiligen. Beispielsweise muss jeder der beiden Eltern zwei der 13 bezahlten Monate der Elternzeit wahrnehmen. Die deutlichste vernehmbare Kritik in Schweden bezieht sich auf die Tatsache, dass Männer sich nicht ausreichend an der Familienarbeit beteiligen.

5. Reflexionen

Wie aus meinen Darstellungen deutlich wird, spiegeln die Familienpolitiken Deutschlands und Schwedens recht unterschiedliche Prioritäten wider. In Schweden liegen die Schwerpunkte erstens auf der Gleichstellung der Geschlechter, und zweitens auf Anreizen für Frauen (und natürlich für Männer), einer Erwerbstätigkeit nachzugehen und – um dieses Ziel zu erreichen – die flexiblen Bildungsangebote und den flexiblen Arbeitsmarkt zu nutzen. Als Konsequenz dieser Schwerpunktsetzung wird auch die Vereinbarkeit von Elternschaft und Beteiligung am Arbeitsmarkt gefördert. Drittens wird den professionellen pädagogischen Angeboten für Kinder hohe Bedeutung beigemessen, die von Familien geschätzt und angenommen werden, und das auch für sehr kleine Kinder. In Deutschland wird hingegen die klassische Familie mit einem alleinverdienenden Vater gefördert und somit die Frauen ermuntert, zu Hause zu bleiben (Hausfrauenehe). Deutschland hat mit den Konsequenzen dieser Prioritäten zu kämpfen. Gegenwärtig entscheiden sich höher qualifizierte Frauen offensichtlich eher dafür, die Anzahl ihrer Kinder gering zu halten oder auf Kinder gänzlich zu verzichten, als dass sie ihren Job aufs Spiel setzen; ein Trend, der sich auch bei anderen Frauen durchsetzen könnte. Wenn die Geburtenrate in Deutschland nicht weiter absinken soll und sie sogar in eine Aufwärtsrichtung bewegt werden soll, dann werden die Meinungsbildner in Deutschland von ihrer starren legalistischen Argumentationsgrundlage des im Grundgesetz verankerten Schutzes der Familie und der Ehe abrücken müssen. Ein wirtschaftlicher Aufschwung würde sicher helfen, doch kann damit nicht gerechnet werden. Wenn mehr Kinder in Deutschland gewünscht sind, müssen die grundsätzlichen Prioritäten in der Familienpolitik geändert werden. (Vielleicht würde eine neue Interpretation des Grundgesetzes helfen.) Unabhängig von den Überlegungen zur Geburtenentwicklung sind die Themen der Erhöhung der Erwerbstätigenquote von Frauen und die Gleichstellung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt auch in anderem Zusammenhang wichtig, da im Zuge des Alterungsprozesses der Gesellschaft das Potenzial der Erwerbsfähigen schrumpft. Bei der Suche nach Lösungen im Rahmen dieses Wandlungsprozesses mögen die Erfahrungen der nordischen Länder inspirierend sein.

Auch in der schwedischen Familienpolitik ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Schwankungen in den jährlichen Geburtenziffern (TFR) sind wegen der engen Verknüpfung von Elterngeld und dem vorangegangen Einkommen der Mutter aus ihrer Erwerbsarbeit zu einem großen Teil selbst induziert. Diese Schwankungen in der Zahl der Geburten spiegeln sich dann auch in Schrumpfungen und Ausweitungen der Betreuungsinfrastruktur und des Bildungssystems wider, die sich beide auf die wechselnden Größen der Jahrgänge einstellen müssen. Die finnische Lösung des Kinderbetreuungsgeldes ließ sich in Schweden politisch nicht durchsetzen. Die vorsichtige Einführung vor einem Jahrzehnt wurde bekämpft und schnell abgelehnt, vor allem mit dem Argument, dass das Kinderbetreuungsgeld für Frauen eine Falle darstellen würde, indem es sie in der Küche und fern vom Arbeitsmarkt hielte. Dieses Argument wurde in Finnland nicht in dieser Weise in die politische Diskussion eingebracht. Die Frage ist, welche Bilanz eine Gesellschaft zieht, wenn es Frauenförderung und stabile Geburtenniveaus vor dem Hintergrund einer umfassenden und hochwertigen Kinderbetreuung und eine relativ fortgeschrittene Gleichstellung der Geschlechter gegeneinander abwägt.

KvK

Diese Reflexionen sind von Jan Hoem auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Demografie im März 2005 in Potsdam vorgetragen worden und sind in Demographic Research 2005, Volume 13, Article 22, Seite 559-572 mit Anmerkungen und Referenzen erschienen.
http://www.demographic-research.org

Weitere Literaturhinweise:


“Childlessness and educational attainment among Swedish women born in 1955-59” und

“Educational attainment and ultimate fertility among Swedish women born in 1955-59” von Jan M. Hoem, Gerda Neyer, and Gunnar Andersson, beide in Kürze veröffentlicht in Demographic Research.


“Why does Sweden have such high fertility?” Demographic Research 13, pp. 559-572.


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