|
||||||||||||||||||||||
|
Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung
Forschungsgebiete
Forschungsschwerpunkte
Stationen
Steigende Lebenserwartung: „Kein Ende in Sicht“
Interview mit James W. Vaupel, Direktor des MPIDF.
Vaupel: Zumindest das Geldgeschenk von 150 € wurde ja schon gestrichen. Seit 2003 schickt das Bundespräsidialamt nur noch ein Gratulationsschreiben. Immerhin gab es im Jahr 2000 in Westdeutschland im Vergleich zu 1980 mehr als siebenmal so viele Menschen im Alter von 100 Jahren und mehr, seit den 1960er Jahren hat sich ihre Zahl sogar verfünfzigfacht! Wer im 21ten Jahrhundert geboren wird, hat eine Chance von über 50 Prozent, den 100sten Geburtstag zu feiern. Vaupel: Absolut. Schaut man sich an, wie sich die Lebenserwartung seit Mitte des 19ten Jahrhunderts in den einzelnen Ländern entwickelt hat, zeigt sich ein stabiler linearer Trend. 1840 führten die Schwedinnen mit 45 Jahren, heute liegen Japanerinnen mit 86 Jahren an der Spitze. Pro Jahrzehnt nimmt die Rekordlebenserwartung um 2,5 Jahre zu. In rund 60 Jahren könnten also die ersten Länder die 100er-Marke knacken.
Vaupel: Im Gegensatz zum Statistischen Bundesamt gehen wir nicht von vorsichtigen und konservativen Annahmen zum Anstieg der Lebenserwartung, sondern von einem ungebrochenen linearen Trend aus. Das Potenzial zur Senkung der Sterblichkeit betrachten wir noch keineswegs als ausgeschöpft. Wir stützen uns auf Zeitreihenanalysen, die einen linearen Anstieg der Lebenserwartung seit den 1960er Jahren belegen. Schreibt man diesen Trend mittels statistischer Methoden in die Zukunft fort, ergibt sich für Deutschland eine Lebenserwartung von 93 bis 94 Jahren. Prognosen können aber nie die Zukunft exakt voraussagen, sie liefern nur Aussagen darüber, was wahrscheinlich eintreffen wird. Sie sind also unsicher und müssen das auch deutlich machen. Unsere so genannten stochastischen Bevölkerungsprognosen binden diese Unsicherheiten als Wahrscheinlichkeiten mit ein. Vaupel: Eine höhere durchschnittliche Lebenserwartung bedeutet eine deutliche Zunahme alter Menschen. Für Berechnungen der künftigen Einnahmen und Ausgaben in der Sozialversicherung, z.B. bei Rente, Pflege, und Gesundheit, spielt die Lebenserwartung deshalb eine entscheidende Rolle. Schon geringfügige Abweichungen können gravierende Folgen haben. Wird der Anstieg der Lebenserwartung unterschätzt, schieben Politiker zwingend notwendige, schmerzhafte Reformen der Sozialsysteme auf die lange Bank. Vaupel: Persönlich betrachte ich ein langes Leben als Geschenk. Wir erleben, wie unsere Kinder und Enkel aufwachsen und werden auch mit 70 oder 80 noch fit und gesund sein. Auf gesellschaftlicher Ebene muss es natürlich Reformen geben. Wir werden länger arbeiten und müssen finanziell für deutlich mehr Jahre vorsorgen. Trotzdem ist der Demografische Wandel keine Gefahr. Gefährlich ist nur, ihn zu ignorieren.
www.demografische-forschung.org/archiv/defo0502.pdf
|
|
||||||||||||||||||||