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Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
 

James W. Vaupel

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Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung
Leiter der Abteilung Altern und Langlebigkeit (seit 1996)

Honorarprofessor der Universität Rostock, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät (seit 2003)

Direktor des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels (seit 2004)

James W. Vaupel

Forschungsgebiete

  • Altern und Langlebigkeit
  • Public Policy
  • Mathematische und statistische Methoden der Bevölkerungsanalyse
  • Biodemografie, Paläodemografie

Forschungsschwerpunkte

  • Alternde Gesellschaft und Demografischer Wandel
  • Evolutionäre Prozesse der Entwicklung der Lebensspanne
  • Menschliche Lebenserwartung, Determinanten der Langlebigkeit

Stationen

  • Geboren in New York (1945)
  • Studium der mathematischen Statistik, Harvard University
  • Master of Public Policy, Harvard University (1971)
  • PhD (Public Policy), Harvard University (1979)
  • Professor of Public Affairs and Planning an der University of Minnesota (1985 – 1991)
  • Professor für Demografie und Epidemiologie an der Odense University Medical School (1991 – 2002)
  • Senior Research Scientist der Duke University (seit 1992)

Steigende Lebenserwartung: „Kein Ende in Sicht“


 

Interview mit James W. Vaupel, Direktor des MPIDF.


In den letzten 160 Jahren ist die Lebenserwartung weltweit dramatisch gestiegen. Jedes zweite Baby, das heute in Deutschland geboren wird, hat gute Chancen, den 100sten Geburtstag zu erleben. Ist das Maximum bald erreicht oder werden wir immer älter? Was bedeutet ein weiterer Anstieg der Lebenserwartung für den einzelnen und für unsere Gesellschaft? Höchste Zeit darüber nachzudenken, findet James W. Vaupel, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock.

Herr Vaupel, 100-Jährige sind heute noch so selten, dass ihnen der Bundespräsident persönlich zum Geburtstag gratuliert. Bald nicht mehr?

 

Vaupel: Zumindest das Geldgeschenk von 150 € wurde ja schon gestrichen. Seit 2003 schickt das Bundespräsidialamt nur noch ein Gratulationsschreiben. Immerhin gab es im Jahr 2000 in Westdeutschland im Vergleich zu 1980 mehr als siebenmal so viele Menschen im Alter von 100 Jahren und mehr, seit den 1960er Jahren hat sich ihre Zahl sogar verfünfzigfacht! Wer im 21ten Jahrhundert geboren wird, hat eine Chance von über 50 Prozent, den 100sten Geburtstag zu feiern.

Halten Sie einen Anstieg der Lebenserwartung auf 100 Jahre für plausibel?
 

Vaupel: Absolut. Schaut man sich an, wie sich die Lebenserwartung seit Mitte des 19ten Jahrhunderts in den einzelnen Ländern entwickelt hat, zeigt sich ein stabiler linearer Trend. 1840 führten die Schwedinnen mit 45 Jahren, heute liegen Japanerinnen mit 86 Jahren an der Spitze. Pro Jahrzehnt nimmt die Rekordlebenserwartung um 2,5 Jahre zu. In rund 60 Jahren könnten also die ersten Länder die 100er-Marke knacken.

Zumindest statistisch. Was ist mit biologischen Grenzen?


Vaupel: Prognosen zur maximal möglichen Lebenserwartung werden bisher mit faszinierender Regelmäßigkeit von der Realität eingeholt. Trotzdem hält sich hartnäckig der Glaube, dass nun wohl bald ein Ende des Zuwachses erreicht sein müsse. Für diese Annahme vermisse ich fundierte wissenschaftliche Argumente. Der steile Anstieg der Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten basiert vor allem auf rückläufigen Sterberaten im hohen Alter. Natürlich sind wir nicht unsterblich, aber warum sollten sich die Überlebenschancen alter Menschen nicht noch weiter verbessern lassen?

Für Deutschland prognostiziert das Statistische Bundesamt bis 2050 einen eher gemächlichen Anstieg der Lebenserwartung für neugeborene Jungen von 75,6 auf 81,1 Jahre und für Mädchen von heute 81,6 auf knapp 87 Jahre. Ein realistisches Szenario?


Vaupel: Unterstellt man, dass uns Katastrophen wie Kriege, Terrorismus, tödliche Epidemien oder Klimaveränderungen bis dahin verschonen, halte ich einen Zuwachs für beide Geschlechter auf über 90 Jahre für wahrscheinlicher.

Rechnet das Statistische Bundesamt denn falsch? Was machen Sie anders, worin unterscheiden sich die Methoden?
 

Vaupel: Im Gegensatz zum Statistischen Bundesamt gehen wir nicht von vorsichtigen und konservativen Annahmen zum Anstieg der Lebenserwartung, sondern von einem ungebrochenen linearen Trend aus. Das Potenzial zur Senkung der Sterblichkeit betrachten wir noch keineswegs als ausgeschöpft. Wir stützen uns auf Zeitreihenanalysen, die einen linearen Anstieg der Lebenserwartung seit den 1960er Jahren belegen. Schreibt man diesen Trend mittels statistischer Methoden in die Zukunft fort, ergibt sich für Deutschland eine Lebenserwartung von 93 bis 94 Jahren. Prognosen können aber nie die Zukunft exakt voraussagen, sie liefern nur Aussagen darüber, was wahrscheinlich eintreffen wird. Sie sind also unsicher und müssen das auch deutlich machen. Unsere so genannten stochastischen Bevölkerungsprognosen binden diese Unsicherheiten als Wahrscheinlichkeiten mit ein.

Ein paar Jahre mehr oder weniger, wozu muss man das eigentlich wissen?
 

Vaupel: Eine höhere durchschnittliche Lebenserwartung bedeutet eine deutliche Zunahme alter Menschen. Für Berechnungen der künftigen Einnahmen und Ausgaben in der Sozialversicherung, z.B. bei Rente, Pflege, und Gesundheit, spielt die Lebenserwartung deshalb eine entscheidende Rolle. Schon geringfügige Abweichungen können gravierende Folgen haben. Wird der Anstieg der Lebenserwartung unterschätzt, schieben Politiker zwingend notwendige, schmerzhafte Reformen der Sozialsysteme auf die lange Bank.

Schreckensszenarien zum Demografischen Wandel haben derzeit offenbar Hochkonjunktur. Ist der Blick in die Zukunft grau?
 

Vaupel: Persönlich betrachte ich ein langes Leben als Geschenk. Wir erleben, wie unsere Kinder und Enkel aufwachsen und werden auch mit 70 oder 80 noch fit und gesund sein. Auf gesellschaftlicher Ebene muss es natürlich Reformen geben. Wir werden länger arbeiten und müssen finanziell für deutlich mehr Jahre vorsorgen. Trotzdem ist der Demografische Wandel keine Gefahr. Gefährlich ist nur, ihn zu ignorieren.


Das Gespräch führte Kirstin von Elm.


(Quelle) Weiterführende Informationen:
Oeppen, J., Vaupel, J.W: 2002, Broken Limits to Life Expectancy, Science 2002, Vol 296, S. 1029-1031. www.sciencemag.org/cgi/content/full/296/5570/1029 (Zugang kostenpflichtig!)


Schnabel, S., von Kistowski, K.G, Vaupel, J.W: 2005: Immer neue Rekorde und kein Ende in Sicht. Der Blick in die Zukunft lässt Deutschland grauer aussehen als viele erwarten. In Demografische Forschung aus Erster Hand, 2/2005, S. 3

www.demografische-forschung.org/archiv/defo0502.pdf


Vaupel, J.W., 2004: „Deutschlands größte Herausforderung. Wider die Demografische Ignoranz:...“, F.A.Z. vom 8.4.2004, Nr. 84, S. 41


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