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Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
 

Wechselseitige Beziehungen zwischen Berufs- und Familienleben

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Eine Zusammenfassung der Gesprächsrunde im Rahmen des EU-Projekts J.I.F.T.

 

Zu den wichtigsten Herausforderungen, denen sich die europäische Gesellschaft gegenwärtig zu stellen hat, gehören niedrige Geburtenraten und ihre sozialen und ökonomischen Konsequenzen. Im Rahmen der europäischen Forschungsstudie „Job instability and changes in family and household trends“ (J.I.F.T.) soll, basierend auf einer in vier europäischen Großstädten (Hamburg, Ljubljana, Rom und Warschau) durchgeführten Erhebung, festgestellt werden, ob und in welchem Ausmaß Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, der Gleichberechtigung der Geschlechter bei Hausarbeit und Kinderbetreuung, sowie familienpolitischen Programmen auf der einen und Entscheidungen für oder gegen die Gründung einer Familie auf der anderen Seite bestehen. Neben einer Stichprobenerhebung beinhaltet das Projekt auch jeweils eine Gesprächsrunde in den teilnehmenden Städten zum Thema der beruflichen und familiären Lebenswege junger Erwachsener.

Von deutscher Seite wird das Projekt koordiniert von Prof. Dr. Laura Bernardi, Wissenschaftlerin am MPIDF und Juniorprofessorin an der Universität Rostock. Die Zusammenfassung der am 24. November 2006 in Hamburg stattgefundenen Gesprächsrunde möchten wir Ihnen an dieser Stelle gerne vorstellen. 

Als Diskutanten nahmen Prof. Dr. Peter A. Berger von der Universität Rostock, Institut für Soziologie und Demographie, Felix Berth von der Redaktion Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung, Dr. Sigrid Betzelt vom Zentrum für Sozialpolitik in Bremen, Dr. Vera Birtsch von der Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz der Freien und Hansestadt Hamburg, Dr. Stefanie Gundert, ehemals Max-Plank-Institut für Bildungsforschung, Dr. Per Kropp vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie Susanne Siegmund-Hähner als Human Resources Manager bei der Philips GmbH teil.

Moderiert wurde die Gesprächsrunde von Dr. Kristín von Kistowski vom Rostocker Zentrum.

Nach der Begrüßung der Diskussionsteilnehmer durch Prof. Dr. Laura Bernardi führte die Moderatorin Dr. Kristín von Kistowski inhaltlich in die Veranstaltung ein, indem sie nochmals kurz einige der Ergebnisse der im Rahmen des JIFT – Projektes in Hamburg durchgeführten Befragung skizzierte. So stellt sich die Frage, ob der Trend auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich zu einer immer größeren Flexibilität geht: Immerhin 70 Prozent der befragten Personen, im Alter zwischen 25 und 44 Jahre, waren in unbefristeten Arbeitsverhältnissen beschäftigt. Dabei tritt, jedenfalls im Westen Deutschlands, immer noch das männliche Versorgermodell hervor: Viele der befragten Frauen, und hier insbesondere die Mütter, arbeiteten Teilzeit. Interessanterweise wird in den Interviews weniger die zunehmende Flexibilisierung des Arbeitsmarktes oder unsichere Beschäftigungsverhältnisse, sondern die Arbeitsbelastung dafür verantwortlich gemacht, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf so schwer gelingt.

Bereits zu Beginn der Diskussion stellte sich die Frage, warum bei der qualitativen Befragung in Deutschland die Wahl auf Hamburg fiel und ob die gewonnenen Erkenntnisse repräsentativ für das gesamte Bundesgebiet seien. Frau Dr. Birtsch lenkte den Blick auf die besondere Situation der Stadt: So sollte der Stadtstaat kaum isoliert betrachtet werden, sondern ist –zusammen mit umliegenden Kreisen der Bundesländer Schleswig-Holstein und Niedersachsen in die Metropolregion Hamburg eingebunden. Ein erklärtes Ziel der Politik in Hamburg ist seit einigen Jahren, die Stadt familien- und kinderfreundlicher zu gestalten. Damit soll der verstärkten Abwanderung von jungen Familien aus dem Stadtgebiet begegnet werden. Der Grund für die Auswahl der Stadt Hamburg lag aber weniger an den besonderen Merkmalen oder dem Engagement der Stadt sondern in den Möglichkeiten, sie anderen europäischen Metropolen gegenüberstellen zu können. Nach Aussage von Prof. Bernardi war zu Beginn der EU – Studie geplant, die Hauptstädte der vier Länder zu vergleichen: Italien/Rom, Polen/Warschau, Slowenien/Ljubljana und Deutschland/Berlin; also urbane Zentren, in denen die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes vermutlich eine große Rolle spielt. Berlin zeichnet sich jedoch durch seine geschichtliche Insellage und politische Zweiteilung aus. Da in Berlin Ost-West-Unterschiede in den Biographien möglicherweise einen zu starken Einfluss auf die Befragungsergebnisse hätten (bei einer Stichprobengröße von ungefähr 1000 Personen), entschieden sich die Wissenschaftler für Hamburg als zweitgrößte Stadt Deutschlands. Die Diskussionsteilnehmer einigten sich darauf, dass Hamburg vermutlich nicht repräsentativ für die Situation in Gesamtdeutschland, aber ein gutes Beispiel für eine westdeutsche Großstadt sei.

 

1. Bestandsanalyse: Inwiefern können in Deutschland unsichere Arbeitsverhältnisse und ein flexibler Arbeitsmarkt tatsächlich mitverantwortlich sein für Veränderungen im Fertilitäts- und Familienverhalten?

 

Frau Dr. Birtsch glaubt, dass sich junge Menschen in Deutschland nicht bewusst gegen Kinder entscheiden, sondern die meisten Frauen und Männer nach wie vor eine Familie gründen wollen. Es wird aber auch zunehmend realisiert, dass das männliche Alleinernährermodell nicht mehr funktioniert; beide Geschlechter wollen zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Ihrer Meinung nach liegt eine Ursache für die niedrigen Geburtenraten in der spezifisch deutschen Lebensverlaufsplanung. So sind die Ausbildungszeiten hierzulande immer noch sehr lang und die Lebensphase, in der Familiengründung und Berufseinstieg zusammenfallen (so genannte „Rush-Hour des Lebens“), besonders komprimiert. Frau Dr. Birtsch schließt einen direkten Zusammenhang zwischen der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und einem veränderten Geburtenverhalten nicht aus: Sehen sich junge Menschen in dieser Phase noch zusätzlich mit unsicheren Arbeitsverhältnissen konfrontiert, schieben sie ihren Kinderwunsch auf – häufig bis es zu spät ist.

 

Auch Frau Dr. Betzelt ist der Meinung, dass die jungen Menschen in Deutschland nicht mehr unbedingt dem männlichen Ernährermodell folgen wollen. Allerdings sieht sie einen großen Nachholbedarf im gesamten institutionellen Setting der Bundesrepublik, das sich in vielen Bereichen immer noch an diesem veralteten Leitbild orientiert. Zwar gibt es gute Ansätze wie das Elterngeld oder das Tagesbetreuungsausbaugesetz (was allerdings beispielsweise in Bremen durch die schlechte Finanzlage der Stadt nur sehr schleppend umgesetzt werden kann), aber die Idee der männlichen Versorgerehe ist noch in den Köpfen verankert, zieht sich durch das gesamte Institutionengefüge und gibt Handlungsspielräume vor. Ob Ehegattensplitting, Lohnungleichheiten zwischen Mann und Frau selbst bei gleicher Qualifikation oder der Begriff der „Rabenmutter“, es gibt aus Frau Dr. Betzelts Sicht in Deutschland noch genug Anreize für den Lebensentwurf „Mann verdient – Frau kümmert sich um die Kinder“.


Für Frau Siegmund-Hähner hat die zunehmende Flexibilisierung des Arbeitsmarktes nur bedingt etwas mit dem Rückgang der Geburtenraten zu tun. In ihrem Unternehmen beobachtet sie, dass in vielen Fällen ausreichend Zeit zwischen dem Berufseinstieg, der in der Tat häufig mit befristeten Arbeitsverhältnissen verbunden ist, und der Entscheidung für ein erstes Kind liegt. So steigen junge Trainees bei Philips in der Regel im Alter zwischen 26 und 28 Jahren ein. Ein Zweijahresvertrag gibt ihnen die Möglichkeit, im Beruf Fuß zu fassen und Erfahrung aufzubauen; die Übernahmequote nach den zwei Jahren liegt bei 95 Prozent. Doch selbst wenn im Anschluss noch ein Wechsel des Arbeitgebers, eventuell mit einem zweiten befristeten Vertrag erfolgt, werden diese jungen Männer und Frauen spätestens mit 32 Jahren unbefristet eingestellt. Grundsätzlich bleibt damit genug Zeit, sich für Kinder zu entscheiden – zumindestens wenn die Partnersuche bereits erfolgreich war. Dass die tradierte Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern durchaus noch in den Köpfen vorhanden ist, kann auch Frau Siegmund-Hähner bestätigen. So sieht sie persönlich Wirtschaftsunternehmen verstärkt in der Pflicht, die richtigen Antworten auf die demografischen Entwicklungen zu geben und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. Allerdings fällt es ihrer Erfahrung nach vor allem männlichen Managern und Vorgesetzten, die eventuell selbst Alleinverdiener sind oder vielleicht keine eigenen Kinder haben, schwer, Entscheidungen für eine familienfreundlichere Arbeitswelt zu fällen.


Frau Dr. Gundert gibt zu bedenken, dass bei der Frage, ob und wie sich flexible Arbeitsmarktstrukturen auf die Familienplanung auswirken, die Geschlechter doch eher getrennt voneinander betrachtet werden sollten. Nach ihren Untersuchungen besteht eine Ungleichheit in der Beschäftigungssicherheit, die sich vor allem bei den Hochqualifizierten bemerkbar macht: Sowohl bei Berufsanfängern als auch bei älteren Arbeitnehmern haben Frauen in gehobenen Positionen stets ein höheres Risiko als Männer, einen befristeten Vertrag zu erhalten. Zwei Erklärungen sind aus ihrer Sicht möglich. Zum einen könnte eine Einstellungspraxis seitens der Betriebe dahinter stehen, mit der vor allem Frauen auf die Probe gestellt werden, ob sie nach Eintritt in die Firma durch Geburten und Kinderbetreuung hohe Ausfallzeiten aufweisen. Zum anderen lässt sich auch eine Form der strukturellen Benachteilung nicht ausschließen: Während Männer in gehobenen Positionen eher in Bereichen beschäftigt sind, in denen sich beispielsweise traditionell Gewerkschaften für unbefristete Verträge stark machen, könnten Frauen demnach eher Berufe ausüben, bei denen Beschäftigungssicherheit nicht so verbreitet ist.


Prof. Berger stellt zur Diskussion, wie der Begriff „Flexibilität des Arbeitsmarktes“ überhaupt definiert ist. Geklärt werden muss, ob man darunter Arbeitsplatzunsicherheit, berufliche Mobilität oder die Lage und Länge der Arbeitszeiten versteht. Auch sollten seiner Meinung nach zwei Perspektiven, einerseits die des Arbeitnehmers und seiner Familie, andererseits die des Betriebes, klar auseinander gehalten werden. So können flexible Arbeitszeiten Eltern leichter ermöglichen, im Krankheitsfall ihr Kind zu Hause zu betreuen. Flexible Arbeitszeiten können aber aus unternehmerischer Sicht auch notwendig sein, um Maschinenlaufzeiten effizienter zu gestalten; eine Form der „Flexibilität“, die für Familien durchaus problematisch sein kann. Wichtig ist in seinen Augen auch die Frage, ob die Flexibilität des Arbeitsmarktes (im Sinne von Arbeitsplatzunsicherheit und Mobilität) überhaupt so stark zugenommen hat (seines Erachtens deuten viele Indizien auf einen Anstieg seit 1985 hin; in welchem Maße, sei allerdings schwierig festzustellen) oder ob Verunsicherungen in diesem Bereich einfach verstärkt in der Bevölkerung wahrgenommen werden.


Herr Berth ergänzt die Definitionsfrage um mögliche Geschlechterunterschiede: In einer Gesellschaft, in der das männliche Ernährermodell noch in den Köpfen haftet, könnten schwierige und unsichere Karriere- und Arbeitsbedingungen vor allem beim Mann zu einer Entscheidung gegen Kinder führen. Entschließt sich eine Frau, nach dem ersten Kind nur noch Teilzeit zu arbeiten, ließe sich dies auch so deuten, dass sie aktiv flexible Arbeitsmarktstrukturen nutzt.


Herr Kropp bestätigt aus seiner Sicht eine Zunahme der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Beispiele seien einerseits die Arbeitszeiten, die insbesondere im Dienstleistungsbereich und Einzelhandel verstärkt auch Abendstunden einbeziehen, andererseits ein Anstieg bei der Zahl der Praktikanten, sowohl gering oder gar nicht bezahlt als auch auf Selbständigen- oder Werkvertragspflichtigenbasis beschäftigt. Aber auch er hält nicht den flexibleren Arbeitsmarkt an sich für das ursächliche Problem beim Fertilitäts- und Familienverhalten, sondern eher die Unsicherheit, die dadurch in der deutschen Öffentlichkeit ausgelöst wird. Wie mit solchen Veränderungen in der Gesellschaft umgegangen wird, hat für ihn viel mit kultureller Prägung zu tun. So möchte er nicht ausschließen, dass andere Nationen sich – selbst in unsicheren ökonomischen Zeiten - optimistischer der Entscheidung für oder gegen Kinder stellen.


Auch Frau Dr. Betzelt beschäftigt sich im Abschluss nochmals mit der Frage, wie das Unsicherheitsempfinden der Deutschen zu bewerten ist. Drei Aspekte sind ihr dabei wichtig: (i) Dass Skandinavier beispielsweise positiver mit Erwerbsunsicherheiten umgehen, lässt sich auch durch strukturelle Unterschiede in der sozialen Absicherung erklären. So liegt im Norden die Lohnersatzrate für Arbeitslose bedeutend höher, das Arbeitslosengeld wird länger gezahlt, auch Fördermaßnahmen sind weit verbreitet. Hierzulande sind die sozialen Sicherungssysteme nach wie vor nach dem „Normalarbeitsmodell“ (Erwerbstätig in Vollzeit, unbefristeter Vertrag, Ernährermodell) ausgerichtet; d.h. jemand, der nicht Vollzeit arbeitet und kein unbefristetes Arbeitsverhältnis hat, muss tatsächlich relativ schnell starke Einbußen in der sozialen Absicherung hinnehmen. (ii) Ähnlich wie Herr Berth hält sie es für wichtig, zwischen den Geschlechtern zu unterscheiden. Die Verunsicherung in Deutschland besteht vor allem darin, dass sich das männliche Normalarbeitsverhältnis auflöst; Frauen haben hingegen schon immer flexibel gearbeitet, sie sind gegebenenfalls verunsichert, weil sie nicht mehr auf den männlichen Ernährer zurückgreifen können. (iii) Frau Dr. Betzelt beobachtet große Kompetenzunterschiede im Umgang mit flexiblen Arbeitsmarktstrukturen. So hat eine qualitative Studie gezeigt, dass Freiberufler in Kulturberufen (z.B. Journalisten) relativ gut mit Unsicherheiten im Erwerbsleben umgehen können; sie sehen ihre Selbstständigkeit und Unabhängigkeit eher als positiv und als Grund dafür an, dass sie Beruf und Familie vereinbaren können. Selbstständig Erwerbstätige mit geringen Qualifikationen hingegen (z.B. im Gastronomiebereich) empfinden unsichere Beschäftigungssituationen vorrangig als Belastung. Interesssanterweise zeigen Untersuchungen auch, dass vor allem Menschen, die einen sicheren Job haben, ein besonders großes Unsicherheitsempfinden haben.


 

2. Maßnahmen und Lösungsansätze – Wie kann in Zukunft sichergestellt werden, dass der wachsende Bedarf an flexiblen Arbeitsmarktstrukturen Erwerbstätige nicht in ihrer Familienplanung behindert?

 

Frau Siegmund-Hähner hält in Zeiten von Erwerbsunsicherheiten gerade die Kostenfrage für bedeutend. Sie sieht die Politik in der Verantwortung, junge Eltern dabei zu unterstützen, dass Kinder nicht als finanzielle Belastung wahrgenommen werden. So müssen Kinderbetreuungseinrichtungen nicht nur ausgebaut, sondern auch bezahlbar werden.


Frau Dr. Gundert lenkt den Blick zu den gering Qualifizierten, die noch mehr als Menschen mit akademischer Ausbildung von Erwerbsunsicherheiten betroffen sind. Maßnahmen, die wie das Elterngeld an der Höhe des vorherigen Einkommens ausgerichtet sind, bringen dieser Bevölkerungsgruppe wenig. Sie wünscht sich vor allem auf dem Bereich der Bildungspolitik neue Impulse, die garantieren, dass Kinder von Geringverdienern optimal gefördert werden.


Prof. Berger sieht die Gesellschaft in der Verantwortung, offen zu diskutieren, wie „nicht-produzierende“ und insbesondere „Care“-Tätigkeiten (Kinderbetreuung, aber auch Pflege alter und kranker Angehöriger) verteilt werden sollen. Auch bei der Finanzierung sieht er Ansatzmöglichkeiten. So könnte es in seinen Augen sinnvoll sein, im Bildungs- und Erziehungssystem einen Perspektivwechsel vorzunehmen und öffentliche Gelder vor allem an der Basis zu investieren: Kostenlose Kinderbetreuungseinrichtungen für Jedermann, aber Gebühren für die universitäre Ausbildung.


Für Frau Dr. Birtsch hat sich in Deutschland beim Ausbau der Kinderbetreuung in den vergangenen Jahren sehr viel getan. Der Staat hat einen großen Nachholbedarf, da in der Vergangenheit Geld eher in direkte Transferleistungen und zu wenig in Betreuungsleistungen investiert wurde. Die Politik geht ihrer Meinung nach die richtigen Schritte; es mag noch eine Frage der Zeit sein, dass die positiven Veränderungen auch in der Gesellschaft wahrgenommen werden. So hat sich in Hamburg der Kinder- und Jugendetat, vor allem wegen der Kindertagesbetreuung, im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt. 18 Prozent der Kosten für Kinderbetreuung werden in der Hansestadt zur Zeit noch durch Elternbeiträge gedeckt. Die kostenlose Kinderbetreuung wäre zukünftig sicherlich der Idealfall. Allerdings gibt es auch andere Projekte, denen hohe Priorität eingeräumt wird, wie beispielsweise Maßnahmen zur Verbesserung der Situation in sozialen Brennpunkten. Berufstätige haben in Hamburg einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung; auch für Kinder, die unter drei Jahren alt sind. In dieser Altersgruppe werden inzwischen 23 Prozent in einer Krippe versorgt. Der genaue Bedarf an Krippenplätzen ist schwierig vorherzusehen, und wächst vermutlich auch mit der Infrastruktur. Um die Opportunitätskosten für Kinder zu senken, hält Frau Dr. Birtsch das eingeführte Elterngeld für eine gute Maßnahme. Sie denkt dabei vor allem an Paare in der so genannten Mittelschicht, und erhofft sich eine Trendwende beim Rückgang von Mehrkindfamilien in dieser Bevölkerungsgruppe.


Grundsätzlich steht auch Herr Kropp dem Elterngeld positiv gegenüber. Er hält allerdings den Zeitraum von einem Jahr für zu starr: Einige Eltern haben vielleicht Möglichkeiten, die Kinderbetreuung anders zu organisieren und möchten sehr schnell wieder ins Berufsleben einsteigen, für andere Familien ist ein Jahr viel zu kurz. Auch für ihn sind Möglichkeiten der Kinderbetreuung ein entscheidender Punkt. Netzwerke auf lokaler/kommunaler Ebene von Babysittern, aber auch Haushaltshilfen könnten helfen, Familien in ihren Aufgaben zu unterstützen. Aber bei politischen Maßnahmen sollten nicht nur die Interessen von Eltern von Belang sein, sondern zum Beispiel auch die Frage, wie – vor allem kleinen und mittelständischen - Unternehmen geholfen werden kann, familienfreundlicher zu werden.


Ein Vergleich von Frau Dr. Betzelt zeigt nochmals eindrucksvoll, dass die Betreuungsquote von Unter-3-Jährigen in Hamburg (23 Prozent) weit über dem Bundesdurchschnitt von 8,6 Prozent liegt. Allgemein bedenklich findet sie Entwicklungen, wie Kinderbetreuung und Altenpflege in vielen Kommunen aufrechterhalten und ausgebaut wird, nämlich gerade auf der Basis prekärer Beschäftigungsverhältnisse. Bei der Umsetzung des Elterngeldes in Deutschland sieht sie es vor allem als kritisch an, wie die Kosten zwischen dem Bund und (finanzschwachen) Kommunen aufgeteilt sind. In Hinblick auf weitere politische Maßnahmen ist es in ihren Augen besonders wichtig, die Erwerbsbeteiligung von Müttern weiter zu steigern: Nur so kann auch der Nachwuchs indirekt besser abgesichert und der steigenden Kinderarmut (Armutsquote der Kinder liegt inzwischen bei 15 Prozent bei einer Armutsgrenze von 60 Prozent des Durchschnittseinkommens) begegnet werden.
Prof. Berger sieht die Politik nicht nur in der Verantwortung, die Kinderbetreuung auszubauen, sondern auch deren Qualität zu kontrollieren. So kann bürgerschaftliches Engagement beispielsweise beim Aufbau von Tagesmütter-Netzwerken eine wichtige Rolle spielen. Höchst problematisch kann es allerdings sein, wenn –wie etwa in Mecklenburg-Vorpommern schon beobachtet – Rechtsextreme versuchen, solche Netzwerke zu beeinflussen und zu kontrollieren.


In Anlehnung an Herrn Kropps Beitrag weist Frau Dr. Birtsch nochmals auf eine Besonderheit Hamburgs hin: Es gibt in der Hansestadt relativ viele kleine und mittelständische Unternehmen, für die es – im Vergleich mit großen Firmen wie beispielsweise Philips – wesentlich schwieriger ist, Maßnahmen zur Verbesserung der Familienfreundlichkeit umzusetzen. In Zusammenarbeit mit der Handelskammer und Handwerkskammer hat die Stadt eine Hotline eingerichtet, bei der Unternehmen kostenlos eine Erstberatung erhalten können. Hamburg will familienfreundlicher werden, nicht zuletzt, weil Prognosen darauf hindeuten, dass die Stadt zukünftig weniger Arbeitskräfte aus dem Umland rekrutieren wird. Maßnahmen betreffen nicht nur die Familienfreundlichkeit Hamburger Unternehmen, sondern beispielsweise auch Untersuchungen zur Wohnsituation. Die BSG (Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz) muss in Hamburg bei allen Senatsdrucksachen beteiligt werden, und kontrolliert, wie sich politische Entscheidungen auf die Familien auswirken. So redet die BSG (Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz der Freien und Hansestadt Hamburg) beispielsweise auch bei der Gebührengestaltung im Nahverkehr mit.


In Hinblick auf die Wohnsituation führt Frau Siegmund-Hähner Mehrgenerationen – Häuser als interessantes Modell an, um den Alltag von berufstätigen Eltern entscheidend erleichtern zu können. Sie würde sich zudem seitens der Presse und guter Beispiele aus der Praxis (z.B. von Frauen, die Familie und Beruf miteinander vereinbaren) eine positivere Aufklärungsarbeit zum Thema wünschen. So könnte ein Beitrag dazu geleistet werden, dass sich junge Menschen in Deutschland mutiger der Herausforderung eines gleichzeitigen Berufs- und Familienlebens stellen. Unternehmen sollten in ihren Augen noch flexibler werden, weniger auf die Erfüllung eines 40-Stunden-Vertrages achten, sondern den Arbeitnehmern mehr Freiheiten darin einräumen, wie und wann sie ihre Leistung erfüllen.
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Nähere Informationen zum EU-Projekt "Job Instability and Family Trends" (J.I.F.T.) finden Sie hier.

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  Die TFR für Gesamtdeutschland im März 2010: 1,34

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