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Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
 

Gehen uns die Akademiker aus? – Bildungspolitische Herausforderungen einer alternden Gesellschaft

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Im Jahr 2008 standen 100 Erwerbstätigen etwa 32 junge Menschen im Alter  20 Jahre und jünger gegenüber – 1970 waren es noch etwa 52 Jugendliche. Im Alltag machen sich diese Veränderungen schon seit Längerem bemerkbar: Schulen werden geschlossen, Unternehmen suchen händeringend Auszubildende und Universitäten liegen in einem immer stärker werdenden Wettbewerb um die Abiturienten. Doch wer sind eigentlich diese kleineren jungen Generationen, die bald berufstätig sind oder an den Universitäten studieren? Wie sehen sie selbst ihre Zukunft und ihre Bildungschancen? Und welche Lebensentwürfe erträumen sie sich? Das Akademikerdasein kommt in diesen Lebensläufen wohl vor. Dazu braucht es aber Anreize – auch von Seiten der Hochschulen. Vor allem Universitäten in Abwanderungsregionen stehen dabei vor einer großen Aufgabe.

Von Lebensrhythmen, Unsicherheiten und einer optimistischen Jugend  - sieben Thesen zu bildungspolitischen Herausforderungen im alternden Deutschland


Vortrag von Klaus Hurrelmann

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Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter, Rentenzeit – der Mensch durchläuft in seiner länger werdenden Lebenszeit anhaltend die gleichen Lebensphasen. Doch der Rhythmus in diesem Lebenslauf verändert sich. So hat sich in den vergangenen zwei Jahrhunderten die Jugendphase um bis zu sechs Jahre vorverlagert und damit die Zeit der Kindheit verkürzt. Zudem sind die Ausbildungszeiten länger geworden und der Übergang in das Erwachsenenalter mit dem Berufseinstieg und der Familiengründung findet später statt. Das Seniorenalter hat mit einer zeitlichen Länge von heute rund 30 Jahren am stärksten vom Anstieg der Lebenszeit profitiert.

These 1
Eine frühe Ernsthaftigkeit prägt das Leben von Kindern und Jugendlichen heute. Ihre Berufslaufbahn beginnt am ersten Schultag: Der Leistungs- und Erwartungsdruck, der auf den Kindern lastet, ist immens. Doch sie wissen, sie müssen gut sein, denn im Jugendalter erwartet sie Ungewissheit und Unsicherheit. Heutige Jugendliche sind Experten im Aushalten dieser Unsicherheit. “Wie geht es mit mir und meinem Leben weiter?“ ist die dominierende Frage, die die jungen Menschen bewegt und die wie ein Angstgespenst in ihren Köpfen spukt.

These 2
Trotz dieser Ängste wittern die Jugendlichen jedoch ihre Chance. Sie bemerken eine verbesserte Chancenstruktur und blicken optimistisch in die Zukunft - der Druck, der in der Vergangenheit noch auf dem Arbeitsmarkt ihrer Eltern lastete, sinkt. In die Grundhaltung fließt der Gedanke: Wir sind nicht mehr die Generation der Überflüssigen, sondern können die Generation der Umworbenen sein. Realistisch schätzen sie die Chancenlage als angespannt ein. Trotzdem vertrauen sie darauf: Mit Engagement und verstärkten Bildungsinvestitionen können sie die Zukunft gut meistern.

These 3
Gebrochene Chancenstrukturen der Eltern setzen sich in der nachkommenden Generation weiter durch. Schon in der Grundschule zeigen sich abhängig vom sozialen Status des Elternhauses deutlich unterschiedlich gesetzte Bildungsziele. Vor allem die Selbsteinschätzung der erreichbaren Ziele ist dabei durch soziale Charakteristika des Elternhauses geprägt. Auch zwischen den Geschlechtern sind die Unterschiede gewachsen: Junge Frauen haben eine aktivere Herangehensweise an ihr Leben als Jungen. Sie wollen Kinder, Küche, Kirche plus Karriere miteinander verbinden und sehen in Bildungsinvestitionen den geeigneten Schlüssel, dies zu erreichen. Jungen sind zögerlicher, sie klammern sich hilfesuchend an die traditionelle Männerrolle und vergeben sich so viele Chancen für ihre spätere Entwicklung. Jungen sind die zukünftig intensiver zu beobachtenden Sorgenkinder.

These 4
All diese Entwicklungen müssen konsequente und radikale Umbrüche im Bildungssystem nach sich ziehen. Vor allem ein Miteinander und nicht ein Nebeneinander von Familien- und Bildungspolitik braucht es, um auf die Nebeneffekte der demografischen Entwicklung zu reagieren. Dazu gehört, dass schon in frühen Jahren mögliche Chancenungleichheiten minimiert werden, indem Bildungs- und Familienpolitik zusammen Lösungen und Strategien für den Vorschulbereich erarbeiten. Aber auch der Ganztagsbereich braucht weiteren Ausbau, um Jugendlichen den Raum zu geben, ihre Leistungspotenziale abschöpfen.
Zudem ist der heute in den meisten Bundesländern praktizierte Vorentscheid fürs Bildungsleben gleich im Anschluss an die Grundschulzeit kein Modell mehr für die heutige und morgige Wirklichkeit der Kinder und Jugendlichen. Dazu gehört auch, dass die Trennung von Hochschulausbildung und dualem Ausbildungssystem überholt ist und Verzahnungen und Fusionen nötig, um die Bildungsbereiche zu vereinen.

These 5
Der Lebensrhythmus muss sich entsprechend diesen Entwicklungen erneuern. Das alte Lebensrhythmusmodell auf heute zu übertragen, hieße: 30 Jahre Ausbildung zur Vorbereitung auf einen Beruf, der dann 30 Jahre ausgeübt wird, um das restliche Drittel im Ruhestand zu verbringen. Das ist ein in sich nicht stimmiger – und zudem unbezahlbarer – Lebensrhythmus. Das Nacheinander von Ausbildung, Berufseinstieg und Familiegründung ist kein lebbares Konzept mehr. Sinnvolle Lebensgestaltung braucht ein Miteinander von Leben, Lernen, Arbeiten, Reproduzieren und Produzieren.

These 6
Und wer glaubt, in einer alternden Gesellschaft braucht es weniger Ausgaben für die Bildung, ist auf dem Holzweg: Denn bis heute rangiert das deutsche Bildungssystem im internationalen Wettbewerb auf den hinteren Rängen. Gerade in der nahen Zukunft, wenn zahlenmäßig kleinere Generationen ihr Kapital auf dem Arbeitsmarkt anbieten, braucht der Aufbau von Humankapital erhöhte Investitionen in Vorschul-, Ganztagsschul- und Hochschulbereich.

These 7
Der deutsche Föderalismus ist für die unterschiedlichen Ausgangslagen der Kinder- und Jugendbildung in Deutschland ein Geschenk. Die Unterschiede zwischen den Regionen, den Bundesländer, den urbanen und ländlich geprägten Regionen oder auch den Metropolen können durch ihn aufgefangen und ihnen kann mit bedarfsorientierten, regional individuellen Ansätzen begegnet werden. Diese Ansätze brauchen jedoch eine bundesweite übergeordnete Reaktion und Dachstruktur, in die die Neuerungen eingebettet sind.

Ausgewählte Publikationen von und mit Klaus Hurrelmann

Hurrelmann, K. (2010): Lebensphase Jugend (Adolescence as a Phase of Life). Weinheim: Juventa, 10. Auflage.
Richter, M. Hurrelmann, K., Klocke, A., Melzer, W., Ravens-Sieberer, U. (Hrsg.) (2008): Gesundheit, Ungleichheit und jugendliche Lebenswelten. (Health, Inequality and Adolescent Lifeworlds). Weinheim: Juventa.
Shell Deutschland (Hg.) 2002: 14. Shell Jugendstudie. Koordination  Hurrelmann, K., Albert, M., u.a. Frankfurt: S. Fischer.

Shell Deutschland (Hg.) 2006: 15. Shell Jugendstudie. Koordination Koordination  Hurrelmann, K., Albert, M., u.a. Frankfurt: S. Fischer.

Shell Deutschland (Hg.) 2010: 16. Shell Jugendstudie. Koordination  Hurrelmann, K., Albert, M., Quenzel, K. u.a. Frankfurt: S. Fischer.

Hurrelmann, K. (2009) Sozialisation, Bildung, Gesundheit. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation 29, 228-244.
Quenzel, G., Hurrelmann, K. (2009): Geschlecht und Schulerfolg. Ein soziales Stratifikationsmuster kehrt sich um. Kölner Zeitschrift für Sozialpsychologie und Soziologie 62, 61 - 91.


Ein Studierendenmangel ist abwendbar – Mögliche Strategien der Hochschulen, um wettbewerbsfähig zu bleiben

Vortrag von Wolfgang Schareck

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Auf lange Sicht werden die deutschen Hochschulen aufgrund der demografischen Entwicklungen um jeden Studierenden ringen müssen. Schon heute nimmt die Zahl der Abiturienten ab und sie wird bis ins Jahr 2025 hinein in einigen Regionen – wie Mecklenburg-Vorpommern – noch drastischer zurückgehen. Die Hochschulen sind einem stärker werdenden Wettbewerb um die klugen jungen Köpfe ausgesetzt und müssen versuchen, durch attraktive Angebote, die weniger werdenden jungen Generationen in der Hochschulregion zu halten und aus anderen Regionen anzulocken. Was können oder müssen die Hochschulen tun, um konkurrenzfähig zu bleiben?

Strategiepunkt 1
Zum Zeitpunkt des Übergangs von der Schule zur Berufsausbildung müssen junge Menschen eine der bedeutsamsten Entscheidungen ihres Lebens treffen. Diese Entscheidungen fallen jedoch immer schwerer, denn der Möglichkeitsrahmen für einen Beruf und eine Ausbildungsart wird immer größer. Holen die Hochschulen die jungen Menschen jedoch schon während der Schulzeit durch Angebote, wie ein Juniorstudium oder propädeutische Kurse, aber auch einfach durch Beratungs- und Betreuungsangebote ab, können mögliche spätere Enttäuschungen verhindert und Entscheidungen erleichtert werden. Wichtig in diesem Kontext ist zudem die Lehrerbildung: Denn, wenn nicht die Lehrer, wer denn dann, können Interessen beeinflussen, für Themen begeistern und den jungen Menschen in der Welt der Wissenschaft Orientierung geben?

Strategiepunkt 2
Noch mehr als schon heute wird in Zukunft die mögliche Gleichzeitigkeit von Studium und Familie an Bedeutung zunehmen. Hochschulen müssen die Bedürfnisse der jungen Menschen wahrnehmen und ihnen Möglichkeiten bieten, entsprechend diesen zu leben.
Der Markt wird Akademiker brauchen, die schneller als noch heute verfügbar sind. Doch wann sollen die jungen Menschen dann ihre privaten Wünsche ausleben? Vereinbarkeit ist hier das Stichwort.

Strategiepunkt 3
Anreize zum Studieren müssen auch und vor allem auf finanzieller Ebene gesetzt werden. Monetäre Sicherheit ist ein Grundpfeiler, um schnell und gut studieren zu können. Heute geschieht eine solche Unterstützung bereits durch nationale Stipendiensysteme, wie das Deutschlandstipendium, und auch staatliche Hilfen, wie den BaFöG-Zahlungen. Zukünftig könnten zusätzlich verstärkt regionale Stipendienmodelle, an denen sich private oder öffentliche Finanziers beteiligen, noch weiter ausgebaut werden.

Strategiepunkt 4
Jede Universität hat, oft auch geprägt durch regionale Charakteristika, besondere Stärken. Darauf aufbauend kann eine weitergehende Profilbildung vorangetrieben werden: Sowohl in den Forschungsaktivitäten sowie im Angebot und der Gestaltung der Studienfächer können die Hochschulen einen Fokus setzen und ein eigenes spezifisches Profil, wenn möglich mit Alleinstellungsmerkmalen, bilden, um die Studierenden konkret bei ihren Interessen und Studienwünschen abzuholen.

Strategiepunkt 5
Dabei sollte jedoch immer eine gute Balance zwischen guter Lehre und starken Forschungsanstrengungen gehalten werden. Denn das eine befruchtet das andere und macht es erst möglich, dass Lehre zeitgemäß ist, Studierende begeistert werden können und eine Hochschule wettbewerbsfähig bleibt.

Strategiepunkt 6
Auch gibt es immer mögliche Schnittmengen zwischen der Hochschule und außeruniversitären Einrichtungen oder auch zwischen verschiedenen Disziplinen, die die Entwicklung einzigartiger Angebote durch Kombinationen von Disziplinen oder Themen für eine Hochschule ermöglichen. So können beispielsweise unterschiedliche Fächerkombinationen, ohne dass Fächer thematisch im eigentlichen Sinne verschränkt sind, für Studierende attraktiv sein.

Strategiepunkt 7
Ein weiterhin ausbaufähiger Punkt ist in vielen Hochschulen die Internationalisierung. Interessante Studienangebote und attraktive Rahmenbedingungen für ausländische Studierende müssen geschaffen werden, beispielsweise durch den Ausbau englischsprachiger Studiengänge und den Ausbau von Partnerschaften mit ausländischen Universitäten – im Falle der Universität Rostock beispielsweise im Ostseeraum.

Strategiepunkt 8
Zudem ist es für die Studierenden sowie für die Volkswirtschaft wichtig, dass Studienangebote auch am Marktgeschehen orientiert werden. Es wird schon in naher Zukunft veränderte Bedarfe auf dem Arbeitsmarkt geben und der Fortschritt wird neue Berufsbilder entstehen lassen – diesem Geschehen müssen auch die Hochschulen Rechnung tragen.


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