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Die öffentliche Diskussion um eine mangelnde Integrationsfähigkeit von Jugendlichen mit muslimischem Glauben hat erhebliche Defizite aufgedeckt – dies auf Seiten der Zuwanderer wie der Deutschen. Wie stellen sich die Lebenswelten junger Muslime in Deutschland dar? Worin liegen Ursachen für niedrige Bildungsabschlüsse, Marginalisierung und Gewaltbereitschaft? Wie können Bildungsangebote junge Menschen aus bildungsfernen Kreisen besser erreichen? Diese und weitere Themen wurden in der zweiten Denkwerkstatt Demografie am 5. April 2011 diskutiert. Geladene Referenten waren Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut in Hannover und Hans-Jürgen von Wensierski, Professor für Jugendbildung an der Universität Rostock. Ihre Vorträge sind hier zusammengefasst. Integration heißt, kulturelle Unterschiede zu erleben und akzeptieren zu lernen
Vortrag von Christian Pfeiffer Deutschland kann ein Beispiel für gelungene Integration vorweisen: die Aussiedler. Innerhalb der letzten beiden Jahrzehnte haben sie etwa in der Bildungsbeteiligung stark aufgeholt und sind nicht mehr die führende Gruppe in der Jugendgewalt. Heute treten die meisten Probleme bei der Gruppe junger Menschen mit muslimischem Hintergrund auf. Junge Muslime scheinen von allen Migranten am wenigsten integriert: Sie streben in geringem Ausmaß ein Abitur an, haben am wenigsten deutsche Jugendliche unter ihren besten Freunden und nur wenige muslimische Jugendliche definieren sich als Deutsche. Sie sind auch die Migrantengruppe, die von den Deutschen die stärkste Ablehnung erfährt, während sie selbst sehr wohl an einem Austausch mit deutschen Jugendlichen interessiert wären: Deutsche Jugendliche würden beispielsweise Türken als ein Vertreter des islamischen Glaubens am wenigsten gern zum Nachbarn haben. Türken wiederum wünschen sich nach einem Türken an zweiter Stelle am liebsten einen Deutschen zum Nachbarn.
Birgt die Machokultur Gewalt?
Die Ablehnung auf Seiten der Deutschen resultiert häufig daraus, dass sich beide Gruppen im Alltag gar nicht treffen oder nicht treffen wollen – meist aus Unsicherheit, aber auch weil männliche Jugendliche aus muslimischen Kreisen oft eine Art Machokultur leben, die Vorurteilsstrukturen bedient und gegenseitige Toleranz verhindert. Diese Machokultur ist eng mit der islamischen Religion verbunden: Die Zustimmung zu Gewalt legitimierenden Männlichkeitsnormen nimmt unter muslimischen Jugendlichen mit steigender Religiosität zu – vor allem wenn Anerkennung im Alltag fehlen und das Männlichkeitsbild Verstärkung braucht. Jedoch kann daraus nicht geschlossen werden, dass der Islam für die Gewaltproblematik direkt verantwortlich ist – der Einfluss anderer Faktoren muss weiter analysiert werden. Gemeinsames Lernen ist der Schlüssel zum Erfolg
Aber nicht nur in der Schule wird gelernt. In Moscheen lernen junge Muslime von ausländischen Imamen, den Koran zu lesen und den Islam zu leben. Bis heute kommen die Imame immer nur kurzfristig nach Deutschland und kaum mit der deutschen Kultur in Berührung, so dass der Islam vollständig getrennt von der deutschen Kultur gelehrt wird. Würden Imame in Deutschland ausgebildet, würde Integration weitergehend gelebt und befördert. Eine detaillierte Darstellung der Vortragsinhalte finden Sie hier.
Ausgewählte Publikationen von und mit Christian Pfeiffer
Baier, D., Pfeiffer, C., Rabold, S., Simonson, J. & Kappes,C.(2010): Kinder und Jugendliche in Deutschland : Gewalterfahrungen, Integration, Medienkonsum: Zweiter Bericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des KFN (KFN-Forschungsbericht; Nr.: 109). Hannover: KFN.
Baier, D., Pfeiffer, C., Simonson, J., Rabold, S. (2009): Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt : Erster Forschungsbericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des KFN (KFN-Forschungsbericht; Nr.: 107). Hannover: KFN.
Pfeiffer, C., Baier, D. (2010). Christentum und Islam als Einflussfaktor der Integration und des abweichenden Verhaltens Jugendlicher. In: Huinink, J., Windzio, M. (Hrsg.), Migration und regionale Entwicklung. Oldenburg: Universitätsverlag Isensee, S. 67-90. Die Jugendphase junger Muslime - Aus Tradition und Moderne entsteht Vielfalt
Vortrag von Hans-Jürgen von Wensierski
Junge Muslime in Deutschland stehen vor der Aufgabe, ihre Lebensentwürfe im Spannungsfeld zwischen ihrer Herkunftskultur und der deutschen Gesellschaft zu entwickeln. Dabei ist die Jugendphase der deutschen Gesellschaft heute durch lange Bildungszeiten, Prozesse der Individualisierung und der Ablösung von der Familie geprägt. Zudem unterliegt sie eher weltlichen, kommerziellen und kulturellen Interessen. Diese Lebenswelt teilen auch die muslimischen Jugendlichen in Deutschland. Ihre Jugendphase zeigt daher auch viele Parallelen zu der der Deutschen – aber es gibt auch Unterschiede. Junge Muslime leben in einer komplexen Landschaft aus Jugendszenen, die global-islamisch, westlich, traditionell, modern, religiös und auch weltlich beeinflusst sind. Auffällig verschieden zur deutschen Jugendphase ist vor allem der Umgang mit der Sexualität, die Entwicklung eigener geschlechtlicher Beziehungen oder Lebensformen und das Verhalten innerhalb von Familienstrukturen.
Sexualmoral, Familienmoral, Doppelmoral – Spezifika der muslimischen Jugendphase Eine Verbotsmoral bestimmt die sexuelle Entwicklung muslimischer Jugendlicher. Das Thema Sexualität wird in der Familie nicht besprochen, vor- und außereheliche Sexualität ist verboten und das Gebot der Jungfräulichkeit gilt für alle Mädchen. So kommt der Sexualität nur eine religiös definierte Funktion zu: Die islamische Familie und ihre patriarchalische Sozialordnung sollen reproduziert werden. Aus der verbotsorientierten Sexualmoral folgt, dass es kaum Raum für junge Menschen gibt, geschlechtliche Beziehungen zu erproben. Zudem sind sexuelle Erlebnisse nur innerhalb des Idealbildes einer Ehe mit einem Angehörigen aus der eigenen religiös-ethnischen Gruppierung erlaubt. Die muslimischen Jugendlichen brechen jedoch bei der Gretchenfrage verstärkt aus diesem Korsett der Normen aus.
Während westlich-modern erzogene Jugendliche in den Jahren zwischen Kindheit und Erwachsensein lernen, selbstbestimmt und selbstverantwortlich den eigenen Weg zu gehen, ist die Verselbständigung muslimischer Jugendlicher im Familienverband verbindlich vorstrukturiert und mit Regeln besetzt: Traditionelle und patriarchalische Familienstrukturen begrenzen und erschweren die Abnabelung der jungen Muslime. Dies ist auch nicht erwünscht. Denn das Ziel der Jugendphase ist eher der Statuswechsel innerhalb der Generationenfolge. Wollen muslimische Jugendliche eigene Wege gehen, kann dies zur Ausgrenzung aus der Familie führen. Diese harte Strafe wird als bedrohlich wahrgenommen und mindert die Wahrscheinlichkeit, dass muslimische Jugendliche unabhängige Lebenswege einschlagen. Bei all dem gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen Jungen und Mädchen.
Es gibt keinen stereotypen, jungen Muslimen Die muslimischen Jugendlichen wachsen unter gleichen äußeren Bedingungen wie deutsche Jugendliche auf, erleben aber vieles anders, nicht zur gleichen Zeit oder unter der Bedingung immer wieder moralische Konflikte mit sich und dem Elternhaus auszutragen. Das Ergebnis ist eine als islamisch-selektiv modernisiert bezeichnete Jugendphase: Eine Vielfalt verschiedener Lebensstile und Biographien wird von den jungen Muslimen gelebt. Man kann also schließen: Es gibt keine stereotype muslimische Jugendbiographie, das Kopftuch der streng religiösen Neo-Muslima sagt nichts über deren individuellen, karriereorientierten Lebensentwurf aus und der Minirock sowie das stylische Outfit der jungen Alevitin machen sie noch nicht zur emanzipierten Frau. Die Analyse der muslimischen Jugendphase und Jugendszenen weist daraufhin, dass Integration keine Frage des kulturellen Lebensstils ist, sondern der Teilhabe an Bildung, an ökonomischem Wohlstand und an sozialen Positionen in der Gesellschaft. Dazu gehört für junge Muslime allerdings auch die gesellschaftliche Anerkennung ihrer Religiosität, wie sie etwa durch islamischen Religionsunterricht, einen islamischen Wohlfahrtsverband und die Ausbildung von Imamen in Deutschland dokumentiert werden könnte. Eine detaillierte Darstellung des Vortrags finden Sie hier.
Ausgewählte Publikationen von und mit Hans-Jürgen von Wensierski
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