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Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
 

Das nichteheliche Erstgeborene erzählt Unvermutetes über den Bildungsgrad der Mutter

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Dass unverheiratete Frauen Kinder bekommen, ist heute in Europa keine Seltenheit. Hinter der Entscheidung für eine nichteheliche oder eheliche Geburt des ersten Kindes steckt jedoch anderes, als gesellschaftstheoretisch angenommen wurde. Forscher fanden in einer europäischen Studie heraus, dass Frauen mit niedrigen Bildungsabschlüssen in jüngster Zeit viel eher ein erstes Kind außerhalb der Ehe bekommen als hoch gebildete Frauen. Die Bildung scheint nicht nur der Schlüssel zu stabilen finanziellen Verhältnissen, sondern auch zu stabilen privaten Bindungen zu sein.

Zusammenleben ohne Trauschein und dann noch mit Kind – bis in die 1960er Jahre hinein war diese Lebensform kaum gesellschaftlich akzeptiert. Erst Anfang der 1970er Jahre begann die Bedeutung nichtehelichen Zusammenlebens und der Anteil nichtehelicher Geburten in vielen Regionen Europas zu steigen – jedoch in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Ausmaßen: Vorerst lebten Paare in den nordischen Ländern die neue Familienform, etwa zehn Jahre später waren auch in Mitteleuropa vermehrt nichteheliche Lebensgemeinschaften und Geburten beobachtbar. Währenddessen bekommen Frauen in Italien noch heute eher selten ein Kind, bevor sie verheiratet sind.
Der zweite demografische Übergang
Die Zunahme der Zahl nichtehelicher Geburten war Teil und Folge eines Entwicklungsprozesses, den alle europäischen Staaten durchliefen. Dieser war geprägt von veränderten Werten, Individualisierungstendenzen, verbesserten Zugängen zur Bildung, einer steigenden Frauenerwerbstätigkeit und der Etablierung neuer Lebens- und Familienformen. Der Theorie des zweiten demografischen Übergangs (ZDÜ) folgend waren es die gut gebildeten Frauen und Männer, die Wegbereiter dieses gesellschaftlichen Wandlungsprozesses waren: Sie waren es, die als erste tradierte Rollen ablegten, neuen Idealen folgten und nach innovativen Lebensentwürfen lebten.

Daraus würde man folgern, dass auch unverheiratete Elternschaft eher eine Domäne von gut gebildeten, innovationsfreudigen Frauen ist, während Frauen mit geringeren Bildungsabschlüssen weiterhin die Eheschließung vor der Elternschaft präferieren.

 

Bildungsgrad bestimmt Lebensform – aber anders als vermutet
Wissenschaftler und Gastwissenschaftler des MPIDF hinterfragen diesen Zusammenhang in einer Studie, in der sie Daten zum Geburtenverhalten aus den vergangenen 40 Jahren für acht europäische Staaten untersuchen. Im Zentrum stehen die Unterschiede zwischen ehelichen Erstgeburten und Geburten, die in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft stattfinden. 

Die Ergebnisse zeigen, dass der Zusammenhang zwischen Bildung und nichtehelicher Geburt in den meisten Ländern tendenziell negativ ist. Dies gilt für Länder wie Norwegen, Großbritannien und Russland. In Italien allerdings zeigt sich ein positiver Zusammenhang, d.h. dort sind es die hoch qualifizierten Frauen, die bei Geburt eines Kindes häufiger in einer nichtehelichen als in einer ehelichen Lebensgemeinschaft leben. In den anderen Ländern, darunter auch Westdeutschland, konnten keine Zusammenhänge zwischen Bildungsniveau und ehelicher bzw. nichtehelicher Geburt nachgewiesen werden (siehe Abbildung 1).
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Abbildung 1: Odds Ratio – Eheliche versus nichteheliche Erstgeburt in Abhängigkeit vom Bildungsgrad; Referenzkategorie ist das mittlere Bildungsniveau; Pfeile stellen das Bildungsgefälle dar; Signifikante Werte: *<0,05; ** <0,01; ***<0,001.

Bildung scheint wertvoller Schlüssel für allgemeine Stabilität zu sein
Die Herangehensweise der Theorie des ZDÜ scheint also zu kurz gefasst, da sie das Bildungsgefälle nichtehelicher Geburten nicht erklären kann.
Eine neue Interpretation findet ihren Grundgedanken darin, dass Bildung in einer industrialisierten Welt ein zunehmend bedeutsamer Schlüssel für den Sozialen Status aber auch für stabile Lebensverhältnisse im Allgemeinen ist. Bleibt Stabilität aus – weil Menschen aufgrund geringer Bildungsabschlüsse starken Unsicherheiten ausgesetzt sind – geben sie sich auch nicht in die Verbindlichkeiten einer Ehe. Solange drohender Arbeitsplatzverlust, Arbeitslosigkeit, lange Bildungszeiten oder der Karriereaufbau zu bewältigen sind, leben die Menschen auch eher die temporäre und umkehrbare Lebensform der nichtehelichen Partnerschaft.

Die Ehe wird dabei nicht gemieden. Sie scheint in den meisten Fällen aber aufgeschoben zu werden; wenigstens solange Unsicherheit und Geldmangel den Alltag bestimmen. Instabile finanzielle Lebenslagen sind somit, so vermuten die Wissenschaftler, stark verknüpft mit instabilen partnerschaftlichen Bindungen; auch weil die finanziellen Mittel für eine festere Bindung – wie zum Beispiel durch eine feierliche Eheschließung - fehlen. So kann ein Bildungsgefälle der nichtehelichen Geburten entstehen.
Dass die Frauen trotz der prekären Lebensumstände ein Kind bekommen, liegt wohl, so glauben die Wissenschaftler, an den sinnstiftenden Eigenschaften, die ein Kind und auch das Mutterdasein mitbringen – insbesondere, wenn Karrierechancen aufgrund fehlender Bildungsabschlüsse eher gering sind.
js

Autoren: Brienna Perelli-Harris, Wendy Sigle-Rushton, Michaela Kreyenfeld, Trude Lappegaard, Renske Keizer, Caroline Berghammer

Quelle: Perelli-Harris, B., Sigle-Rushton, W., Kreyenfeld, M., Lappegaard, T., Keizer, R., Berghammer, C. (2010): The Educational Gradient of Childbearing in Europe, in: Population and Development Review, 36, 4: 775-801.


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