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Der Demografische Wandel könnte nach Berechnungen des Rostocker Zentrums früher für erhebliche ökonomische Belastungen sorgen als allgemein erwartet. Denn schon bald erreichen die geburtenstarken Jahrgänge („Babyboomer“) eine auf dem Arbeitsmarkt kritische Altersschwelle. Sind die über 50-Jährigen auch in Zukunft in so geringem Maß am Arbeitsleben beteiligt wie heute, würde in Deutschland 2025 etwa 8 Prozent weniger gearbeitet als heute. Dies lässt sich anhand des neuen Rostocker Indikators für die ökonomischen Konsequenzen des Demografischen Wandels zeigen.
Die Zahl der Älteren nimmt zu, die der Jüngeren ab. Durch die veränderte Altersstruktur der Bevölkerung entstehen Belastungen und Kosten. Die Diskussion über die Folgen des Alterungsprozesses konzentriert sich häufig darauf, dass künftig immer mehr Rentner immer weniger Beitragszahlern gegenüberstehen werden – vor allem, wenn die geburtenstarken Jahrgänge ab 2030 im Ruhestand sind. Doch nicht nur die umlagefinanzierten sozialen Sicherungssysteme müssen sich anpassen, sondern auch die Beschäftigtenstruktur. Am Rostocker Zentrum ist ein Indikator entwickelt worden, der die gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen des Demografischen Wandels quantifiziert und Vergleiche zwischen Ländern oder Regionen ermöglicht. Der Indikator zeigt, dass Kosten schon entstehen, bevor die Babyboomer in die Rente gehen: dann, wenn sie die älteren Arbeitnehmer stellen. Vor 100 Jahren spiegelte sich die Bevölkerung noch in einer Pyramidenform wider (siehe Abbildung 1) – die vielen Jungen bildeten die Basis, die wenigen Älteren die Spitze. Heute hat sich die Pyramide zu einer zwiebelartigen Form verändert. Die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre schieben sich wulstartig Jahr für Jahr weiter nach oben. Da es gleichzeitig immer weniger Kinder gibt, verjüngt sich die ehemalige Pyramide immer weiter nach unten und gleicht einer Vase.
Abb. 1: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland in den Jahren 1890, 2003 und 2025;
Quelle: Max-Planck-Institut für Demografische Forschung / Datenbasis: Statistisches Bundesamt Deutschland (StBA) Was bedeutet dies für die wirtschaftliche Entwicklung? Herkömmliche Standardmaße wie der Abhängigkeitsquotient, der das Verhältnis der zu versorgenden Jungen (unter 20-Jährige) und Älteren (über 65-Jährige) zu der erwerbsfähigen Bevölkerung mittleren Alters (20- bis 65-Jährige) misst, gehen von einer gleichmäßigen Erwerbstätigkeit bei Menschen mittleren Alters aus. Doch die Wirklichkeit ist anders. Vor allem unter älteren Erwerbsfähigen sind die Beschäftigungsquoten in vielen Ländern, wie in Deutschland, extrem niedrig. Das resultiert unter anderem aus schwierigen Wiedereinstiegschancen für ältere Arbeitslose und der Frühverrentungspraxis. Der Rostocker Indikator verdeutlicht, wie schnell sich die insgesamt geleistete Arbeitszeit in einer alternden Gesellschaft verringert, nehmen Ältere auch in Zukunft so wenig am Erwerbsleben teil wie heute. Der Indikator geht von der durchschnittlich gearbeiteten Stundenzahl pro Kopf pro Woche in der Bevölkerung aus, also vom Säugling bis zum Greis, gleich, ob erwerbstätig oder nicht. Der Durchschnittswert liegt daher deutlich unter den knapp 40 Stunden, die in einer Vollerwerbsstelle gearbeitet werden. Im Jahr 2003 lag die durchschnittlich gearbeitete Stundenzahl in Deutschland bei 16,5. In den USA werden durchschnittlich 18,5 Stunden gearbeitet, in Frankreich 15,3. Zwei Jahre später, 2005, lag der Wert in Deutschland bei 16,3. Die Zahl der durchschnittlich und pro Kopf gearbeiteten Stunden ändert sich innerhalb einzelner Länder im Laufe der Zeit. Lag er vor 20 Jahren in Deutschland aufgrund einer höheren Beschäftigtenquote noch bei 16,9, so wird er in den kommenden 20 Jahren auf 15 sinken – und dies rein aufgrund der demografischen Entwicklung. Weniger geleistete Arbeit pro Einwohner bedeutet weniger Einkommen und geringere Verteilungsspielräume. Doch wann ist der Demografische Wandel die Hauptursache für den schrumpfenden Arbeitseinsatz? Ein Sinken der durchschnittlich gearbeiteten Stunden kann viele Gründe haben, etwa einen Anstieg der Arbeitslosigkeit, eine geringere Frauenerwerbsquote oder längere Ausbildungszeiten. Zukünftig wird jedoch allein die demografie-bedingt veränderte Beschäftigtenstruktur dazu führen, dass die geleistete Arbeitszeit zurück geht. Dabei ist das Altern, nicht das Schrumpfen der Bevölkerung entscheidend. Ein Blick auf die Entwicklung der vergangenen 20 Jahre zeigt eine positive Bilanz. Mag die Zahl der durchschnittlich geleisteten Arbeitsstunden auch um knapp eine halbe Stunde gesunken sein, an der demografischen Entwicklung lag dies nicht. Die mittlere bauchige Pyramide der Bevölkerung Deutschland im Jahr 2003 erklärt diesen Effekt (Abbildung 1): Die vielen Babyboomer, heute etwa 40 bis 50 Jahre alt, stehen für das Erwerbsleben bereit und haben – im Vergleich zu vorangegangenen Generationen – für wenige Kinder zu sorgen. Steht das Verhältnis von Erwerbstätigen zu nicht mehr erwerbsfähigen Rentnern und der noch nicht erwerbsfähigen nachwachsenden Generation im Vordergrund, so hat Deutschland gegenwärtig einen schwachen Bonus von 0,3 Prozent.
Welche Möglichkeiten zum Gegensteuern bieten sich an? Wenn es schon bald mehr ältere und weniger jüngere Erwerbsfähige gibt, kann man auf die älteren Erwerbstätigen nicht ohne Einbußen für alle verzichten. Heute arbeiten fast 90 Prozent der Männer im Alter von 30 bis 50 Jahren und 70 Prozent der Frauen in dieses Alters. Bis zum Alter von 60 Jahren fällt dieser Anteil bei Männern jedoch auf 30 und bei Frauen auf 15 Prozent. Das führt dazu, dass ein 45-Jähriger durchschnittlich 30 Stunden, hingegen ein 60-Jähriger nur acht Stunden arbeitet.
Abbildung 2: Hypothetische und tatsächliche Arbeitsstunden pro Kopf in 2025
Eine Modellrechnung (siehe Abbildung 2): Würde bis 2025 erreicht, dass die 50- bis 60-Jährigen so viele Stunden arbeiten wie die 35- bis 50-Jährigen und die 60- bis 65-Jährigen 20 Stunden, so bliebe der wirtschaftliche Arbeitseinsatz auch bei einer alternden Erwerbsbevölkerung konstant auf dem Niveau des Jahres 2005 (durchschnittliche Arbeitsstunden pro Woche: 16,3). Das Beispiel ließe sich noch radikaler gestalten: Würde bis zum Alter von 65 Jahren auf gleichbleibend hohem Zeitniveau gearbeitet und Menschen bis zum Alter von 70 Jahren zu einem gewissen Teil in das Erwerbsleben eingebunden, so ließe sich sogar Entlastung für andere Altersgruppen schaffen: Man denke an junge Erwerbtätige zwischen 20 und 40 Jahren, deren starke Arbeitsbelastung häufig mit der für eine Familiengründung notwendigen Zeit kollidiert, so dass letztere aufgeschoben wird – mitunter endgültig.
Die Modellrechnungen verdeutlichen, dass die Verteilung der Arbeit über den Lebenslauf neu überdacht werden muss und dass Anreize für eine veränderte Beschäftigtenstruktur gesetzt werden sollten, wenn das Altern der Bevölkerung nicht schon bald die wirtschaftliche Entwicklung drosseln soll. Arbeitzeit ist je nach Erwerbstätigkeit nicht gleich gestaltet, Erwerbsbiografien sind unterschiedlich, und niedrige Erwerbsquoten gehen häufig auf geringe oder veraltete Qualifikationen zurück. Bei dem Rostocker Indikator geht es nicht um Produktivität, sondern um die geleistete Erwerbsarbeit. Flexible Beschäftigungsmodelle wie in den Niederlanden zeigen, dass es Ansätze für eine neue Verteilung von Arbeit gibt. Wir müssen uns auf die alternde Gesellschaft von morgen in vielerlei Hinsicht vorbereiten - auch mit mutigen Anreizen und Möglichkeiten für ältere Erwerbstätige.
kgk, ph Autoren: James W. Vaupel, Elke Loichinger Quelle: Quelle: Vaupel, James W., Loichinger, Elke (2006): "Redistributing work in aging Europe", Science, Vol. 312, Issue 5782, page 1911-1913.
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