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Kind ohne Trauschein – Ost-West-Unterschiede im Geburten- und Heiratsverhalten haben tiefe historische Wurzeln

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Im Osten Deutschlands werden heute deutlich mehr Kinder nichtehelich geboren als im Westen. Auf Basis historischer Statistikdaten konnten die Max-Planck Wissenschaftler Sebastian Klüsener und Joshua R. Goldstein aufzeigen, dass der Grundstein für diese regionale Differenzierung nicht erst im Rahmen der deutsch-deutschen Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt wurde. Vielmehr lassen sich Unterschiede bis weit ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen.

Etwa jedes dritte Kind in Deutschland wird heute außerhalb der Ehe geboren – Tendenz steigend. Zudem prägen regionale Unterschiede das Bild: Während in Ostdeutschland fast 60 Prozent aller Neugeborenen unverheiratete Eltern haben, sind es in Westdeutschland nur knapp ein Viertel.

 

Dass sich der Osten und der Westen Deutschlands in ihrem Anteil nichtehelicher Geburten unterscheiden, ist seit längerem bekannt. Bereits für die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zeigen Daten, dass im Osten mehr nichteheliche Kinder geboren werden als im Westen; eine Diskrepanz im Geburten- und Heiratsverhalten, die sich in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt hat.

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Abbildung 1: Der Anteil an nichtehelichen Geburten in West- und Ostdeutschland

Doch wann und wie sind diese Verhaltensmuster entstanden? Sind sie in den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen während der deutschen Teilung begründet? Ein aktuelles Forschungsprojekt der Arbeitsgruppen „Historische Demografie“ und „Bevölkerung und Politik“ am Max-Planck-Institut für demografische Forschung geht diesen Fragen nach.

 

Erste Ergebnisse lassen vermuten, dass das unterschiedliche Geburten- und Heiratsverhalten in Ost und West nicht alleiniges Erbe der deutsch-deutschen Teilung nach 1945 ist. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts bestanden zwischen den heute zu West- beziehungsweise Ostdeutschland gehörenden Gebieten deutliche Unterschiede beim Anteil nichtehelicher Geburten (Abbildung 1). Regionale Daten von 1910 zeigen detaillierter, wie das Niveau beständig von West nach Ost anwächst (Abbildung 2). Dabei ist besonders bemerkenswert, dass bereits damals entlang der späteren deutsch-deutschen Staatsgrenze ein nicht unerheblicher Niveausprung festzustellen war.

 

Diese Trennlinie lässt sich als politische Grenzlinie weit in die Geschichte zurückverfolgen. Im Norden trennte sie die lange Zeit unter dänischer Hoheit stehenden Schleswig-Holsteinischen Gebiete von den Mecklenburgischen Staaten. Im Zentrum grenzte sie das Königreich Hannover und das Kurfürstentum Hessen von der preußischen Provinz Sachsen und im Süden die Thüringischen Staaten und Sachsen von Bayern ab.

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Abbildung 2: Der Anteil an nichtehelichen Geburten in Deutschland im Jahr 1910

Die Gründe, warum sich das Geburten- und Heiratsverhalten in dieser Zeit nach Ost und West differenziert haben könnte, sind sicherlich vielschichtig. In den meisten katholischen Gebieten waren die Nichtehelichenraten geringer als in protestantischen Regionen. Dies kann aber nicht als Erklärung für die Niveauunterschiede entlang der deutsch-deutschen Grenze herangezogen werden, da diese weitestgehend keine Konfessionsgrenze war. Nichtdestotrotz könnte Religion eine Rolle gespielt haben. So deuten Daten über die Beteiligung von Protestanten an kirchlichen Aktivitäten und über Kirchenaustritte darauf hin, dass der Säkularisierungsprozess östlich der deutsch-deutschen Grenze bereits damals deutlich fortgeschrittener war als im Westen. Der geringere Einfluss der Kirche könnte dazu beigetragen haben, dass nichteheliche Geburten im Osten tendenziell einem geringerem gesellschaftlichen Makel ausgesetzt waren und dadurch häufiger auftraten.

 

Auch ökonomische Differenzen könnten von Bedeutung gewesen sein. So war in vielen ländlichen Gebieten des Ostens die Gutsherrschaft vorherrschend (Ostelbien), wobei der Großteil der Bewohner ohne größeren Landbesitz war und bei einem Gutsherrn im Dienst stand. Daneben gab es auch viele junge Saisonarbeiter, die - oft weit entfernt von ihren  Heimatdörfern – freier und unter geringeren gesellschaftlichen Zwängen lebten. Im Westen waren die Höfe dagegen deutlich kleiner und der Anteil der landlosen (Saison-)Arbeiter deutlich geringer.

 

Auch die damalige Gesetzgebung könnte mitverantwortlich sein: So bestanden bis zur Einführung des einheitlichen Bürgerlichen Gesetzbuchs im Jahr 1900 deutliche Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Gebieten bei der zivilrechtlichen Stellung der Frau und insbesondere von Müttern nichtehelicher Kinder.
ic


Autoren: Sebastian Klüsener, Joshua R.Goldstein

Quelle: Klüsener, S. and J. R. Goldstein (2009). Räumliche Analyse des Geburtenverhaltens in Deutschland in Geschichte und Gegenwart: Die Integration soziologischer, geografischer und historischer Forschungsansätze. Jahrbuch der Max-Planck-Gesellschaft 2008 M.-P.-G. Generalverwaltung. München, Max-Planck-Gesellschaft.


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