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Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
 

Mobil oder sesshaft, gesund oder krank? – Wie Wanderungsentscheidungen die Sterblichkeit in der Region beeinflussen

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Ein Baden-Württemberger oder Bayer hat eine höhere durchschnittliche Lebenserwartung als ein Bewohner Mecklenburg-Vorpommerns oder Sachsen-Anhalts. Die genauen Gründe dieser regionalen Unterschiede in der Sterblichkeit sind jedoch höchst komplex und schwierig zu untersuchen. Eine deutsch-italienische Studie zeigt nun auf, dass auch die Binnenwanderung – insbesondere junger, gesunder Menschen – ihren Teil dazu beiträgt.

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Die Liste der Faktoren, die Sterblichkeitsunterschiede zwischen Regionen bedingen können, ist lang. Sie umfasst beispielsweise geografische und klimatische Gegebenheiten, die demografische und sozioökonomische Struktur der Bevölkerung, die medizinische Versorgung und die Arbeitsmarktsituation, aber auch die persönlichen Lebensumstände – wie individuelle Ernährungs- und Lebensgewohnheiten, die genetische Veranlagung sowie die soziale und berufliche Situation - eines jeden Menschen vor Ort.

 

Auch Wanderungsbewegungen könnten sich auswirken: So ist die Wahrscheinlichkeit, den Wohnort zu wechseln, nicht für alle Menschen gleich groß. In der Regel sind es vor allem gesunde Menschen, die sich entscheiden, ihre Heimat zu verlassen und in der Ferne neu anzufangen. Umgekehrt finden sich unter den Rückwanderern häufig ältere und erkrankte Frauen und Männer, die zurück an ihren Herkunftsort und in die Nähe ihrer Familie ziehen.

Doch sind diese Selektionseffekte bei Wanderungen stark genug, um zu regionalen Unterschieden in der Lebenserwartung zu führen? Vergleichend für Deutschland und Italien gingen die Wissenschaftler Marc Luy und Graziella Caselli dieser Frage mit Bevölkerungsdaten aus den Jahren 1997 bis 1999 nach. Beide Länder besitzen – mit dem Süden Italiens und dem Gebiet der ehemaligen DDR im Nordosten Deutschlands - geografisch klar abgegrenzte Abwanderungsregionen, die in den vergangenen Jahrzehnten viele Einwohner verloren haben. Da vor allem jüngere Erwachsene (bei Frauen die 20- bis 40-Jährigen, bei Männern die 20- bis 50-Jährigen) den Wohnortwechsel wagen, sollte sich im Falle der Existenz eines derartigen Migrationseffektes in den Abwanderungsgebieten ein Zusammenhang zwischen Altersstruktur und Sterblichkeitsniveau zeigen: Je jünger die Bevölkerung des Kreises oder der Provinz im Mittel ist, desto mehr Abwanderer gibt es in diesem Gebiet, was letztlich zu einer höheren Sterblichkeit in der vor Ort verbleibenden Bevölkerung führen sollte.

Trotz unterschiedlicher demografischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen konnte dieser Zusammenhang für beide Länder bestätigt werden. Interessant ist dabei die zeitliche Perspektive: Während in Italien die massiven Wanderungsbewegungen in Süd-Nord-Richtung bereits in den 1960er und 1970er Jahren stattfanden, startete in Deutschland die Abwanderung aus den neuen Bundesländern erst nach dem Mauerfall Anfang der 1990er Jahre. Damit übereinstimmend ist der Zusammenhang zwischen Altersstruktur und Lebenserwartung in Italien in den älteren, in Deutschland in den jüngeren Geburtsjahrgängen besonders ausgeprägt. Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass sich ungleiche Sterblichkeitsverhältnisse in einem Land auch deshalb herausbilden, weil sich Menschen entscheiden, woanders zu arbeiten und zu leben – und zwar abhängig von ihrem Alter und Gesundheitszustand. Davon profitieren die Zuwanderungsregionen, während sich in den Abwanderungsgebieten eine umgekehrte Wirkung zeigt.
ic / hs


Autoren: Marc Luy, Graziella Caselli

 

 

Quelle: Luy, M. & Caselli, G. (2007). The impact of a migration-caused

selection effect on regional mortality differences in Italy and Germany.

Genus, LXIII (no. 1-2), 33-64.
 


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