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Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
 

Räumliche Ungleichheit nimmt zu - nicht nur zwischen Ost und West

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Räumliche Ungleichheiten innerhalb Deutschlands gewinnen in der politischen Debatte zunehmend an Gewicht: Boomende Regionen um Ballungsräume werden dabei strukturschwachen, ländlichen Räumen – vor allem im Osten des Landes – gegenübergestellt. Claudia Neu und Eva Barlösius verdeutlichen in ihren Analysen, dass diese grobe Teilung in West und Ost oder in urbane und ländliche Räume heute jedoch nur bedingt taugt, um die divergierenden Prozesse im Land zu erfassen. Entscheidend sind die gesellschaftlichen Folgen der demografischen und ökonomischen Veränderungen – zukünftige Teilhabechancen und Lebensbedingungen hängen zunehmend vom Wohnort, von institutionellen Rahmenbedingungen und individuellen Mobilisierungskräften ab.

Im Westdeutschland der 1980er Jahre wurden räumliche Ungleichheiten in der Politik als auch in den Wissenschaften selten thematisiert, galten sie doch als weitgehend überwunden. Die Bildungsexpansion, der steigende Mobilisierungsgrad, die Ausweitung der Telekommunikation sowie der allgemeine Anstieg des Wohlstands in der Nachkriegszeit führten dazu, dass regional unterschiedliche Zugangschancen zu Arbeitsplätzen, Gesundheit oder Bildung keine entscheidende Rolle mehr spielten. Erst in Verbindung mit der Wiedervereinigung beziehungsweise mit den ungleichen Lebensverhältnissen in Ost und West wurde dem Anwachsen räumlicher Differenzierungen in Deutschland wieder mehr Beachtung geschenkt.

Abwanderungs- und Alterungsprozesse sind in Teilen Ostdeutschlands, insbesondere in der ländlichen Peripherie, weit fortgeschritten: Junge Menschen finden keine Arbeit und verlassen ihre Heimatdörfer und -städte – zumeist in Richtung Westen. Da mehr Frauen als Männer abwandern, verschiebt sich das Geschlechterverhältnis, und die Anzahl potenzieller Mütter nimmt ab. Vielerorts schließen Schulen und Kindergärten. Fachärzte geben ihre Praxen auf, da ihnen die Patienten fehlen. Einige Regionen sind zwar für Senioren ein attraktiver Wohnort geworden; allerdings führt dies – da wenig junge Menschen hinzukommen – zu einer beschleunigten Alterung dieser Ortschaften. Doch eines zeigt die genaue Betrachtung der räumlichen Ungleichheiten in Deutschland deutlich: Nicht alle aktuellen Entwicklungen sind mit Ost- West-Unterschieden, die in Folge der gesellschaftlichen Umbrüche nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern entstanden sind, zu erklären.

Insgesamt nimmt die Vielfalt des Nebeneinanders von prosperierenden und eher strukturschwachen Regionen innerhalb Deutschlands zu. In welchem Ausmaß sich räumliche Ungleichheiten ausbilden, hängt von vielen –  demografischen, wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen – Faktoren ab, deren Wechselwirkungen zudem sehr komplex sein können (Abbildung 1). Das Bild ist vielschichtiger, als einfache Erklärungen in der politischen Debatte oft glauben machen möchten.

Bild
Abbildung 1: Demografische, wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Einflussgrößen auf räumliche Ungleichheiten; Quelle: Demografische Forschung aus Erster Hand 3/2007.

Ebenso wenig wie die Trennlinie zwischen Ost und West taugt auch die traditionelle Vorstellung von städtischer Moderne und ländlicher Rückständigkeit nur noch bedingt, um die sich verfestigenden räumlichen Ungleichheiten zu beschreiben. Da gibt es ostdeutsche Städte wie Potsdam und Leipzig, die von großer Dynamik gekennzeichnet  sind und Zuzug melden. Einige Innenstadtviertel großer Metropolen im Westen sind dagegen von Armut gezeichnet. Und in manchen Regionen  Westdeutschlands, so in der Eifel oder im Saarland, werden ebenso händeringend Ärzte gesucht wie in östlichen Landstrichen Mecklenburg-Vorpommerns oder Brandenburgs. Gleichwohl ähneln sich die Anzeichen des Niedergangs in den so genannten abgehängten Regionen – mögen sie im Osten oder Westen des Landes liegen: Geringes Wirtschaftswachstum, Arbeitsplatzmangel, eine beschleunigte Alterung, da Jüngere fortziehen und Ältere zurückbleiben, leere Gemeindekassen mit der Folge eines Abbaus von technischer und sozialer Infrastruktur sind wiederkehrende Charakteristika. Ein eingeschränktes Angebot im öffentlichen Nahverkehr, geschlossene Schulen, ein reduziertes Freizeitangebot oder der Verlust des Hausarztes bedeuten für die Bewohner dieser abgekoppelten Regionen, dass sich ihre Zugangschancen zu Arbeitsplätzen, Gesundheit oder Bildung und somit auch ihre Teilhabechancen am gesellschaftlichen Leben verringern. Persönliche Handlungsspielräume verengen sich für viele auf ein Einrichten im Mangel.

Umgekehrt gilt: Wer in einer bevorzugten Wohngegend aufwächst, hat deutlich bessere Möglichkeiten, eine gute Schule oder einen Facharzt zu besuchen. In einer globalisierten Welt scheinen sich einerseits für Menschen im „Zentrum des Geschehens" größere Handlungsspielräume zu eröffnen – dank internationaler Waren-, Kapital-, Verkehrs- und Informationsströme. Andererseits finden sich zunehmend Regionen oder Stadtteile, in denen ein Mangel an Arbeitsplätzen, Schulen, Freizeitprogramm und Gesundheitsversorgung mit der Anwesenheit von Personen zusammenfällt, die keinen oder kaum Zugang zu diesen Angeboten haben.

Wir werden in Deutschland in Zukunft nicht mehr Gleichheit, sondern mehr Verschiedenartigkeit der Lebensverhältnisse vorfinden. Dabei wird in den unterschiedlichen Regionen zu beobachten sein, wie die Bürger darauf reagieren, wie die unterschiedlichen Entwicklungen von der Politik begleitet werden und welche Kosten daraus entstehen. Auf der Suche nach Lösungen könnte auch ein Blick über die Landesgrenzen hinweg weiter helfen, denn räumliche Differenzierungen sind keineswegs ein deutsches Phänomen: So sind die US-amerikanischen "rural ghettos" (ländliche Ghettos) nicht weniger verödet als "le désert français" (die französische "Wüste" im Zentrum Frankreichs) oder der Landkreis Demmin in Mecklenburg-Vorpommern.
kgk


Autoren: Claudia Neu und Eva Barlösius

Quelle: Neu, C. (2006): Territoriale Ungleichheit: eine Erkundung. Aus Politik und Zeitgeschichte 37: 8-15.

 

Barlösius, E. und  Neu, C. (2007): „Gleichwertigkeit - Ade?“ Die Demographisierung und Peripherisierung entlegener ländlicher Räume. Prokla 36. 1: 77-92.

 

Neu, C. (2007): Räumliche Ungleichheit nimmt zu, DFAEH 3/2007.


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