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Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
 

Ein Phänomen auf dem Prüfstand: Leben Ausländer in Deutschland länger als Einheimische?

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In der Vergangenheit haben Studien in Deutschland und Europa wiederholt ergeben, dass Menschen mit Migrationshintergrund länger leben als die einheimische Bevölkerung.  Wissenschaftler des MPIDF haben nun die Sterblichkeit von in Deutschland lebenden Ausländern anhand einer neuen Datenbasis untersucht und kamen zu dem Schluss: Ihre Lebenserwartung ist nicht höher als jene der Deutschen, sie liegt sogar etwas niedriger.  Die früheren Ergebnisse resultieren aus Fehlern im Datenmaterial.

In Deutschland haben 7,6 Prozent der über 64-Jährigen einen Migrationshintergrund und 40 Prozent unter ihnen sind Ausländer, haben also keine deutsche Staatsbürgerschaft. Lange Zeit konnte die Sterblichkeit von Ausländern nur mittels der Bevölkerungsstatistik des Statistischen Bundesamtes geschätzt werden. Diese Schätzungen zeigten, dass ihre Lebenserwartung, verglichen mit jener der deutschen Bevölkerung, sehr hoch ausfällt: Sie übersteigt sogar die der japanischen Frauen, die nachweislich die höchste Lebenserwartung der Welt aufweisen. Dieses Phänomen erklärten sich die Wissenschaftler mit Langzeitwirkungen des so genannten Healthy-Migrant-Effektes, nach dem Migranten im Durchschnitt zum Zeitpunkt der Einwanderung gesünder sind und dadurch länger leben als die einheimische Bevölkerung.

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Wissenschaftler des MPIDF weichen nun von diesem Erklärungsmuster ab. Sie vermuten  die Ursache für die niedrige Sterblichkeit der in Deutschland lebenden ausländischen Personen eher in der statistischen Datengrundlage: Wenn Migranten ihr Gastland verlassen und zurück in ihre Heimat ziehen, melden sie dies vielfach nicht - beispielsweise, weil sie einen Wohnsitz in Deutschland halten wollen, um für eine eventuelle Rückkehr vorzusorgen. Werden Wegzüge oder Todesfälle von ausländischen Bürgern, die in ihr Heimatland zurückgekehrt sind, nicht registriert, führt dies in der deutschen Bevölkerungsstatistik zu Verzerrungen: Die Zahlen der Ausländer in der Statistik sind größer als die wirkliche Zahl der hierzulande lebenden Ausländer und auch die Sterbezahlen der Ausländer fallen geringer aus. Ihre Sterbeziffern werden dadurch unterschätzt. Zusammen mit der Tatsache, dass die heutigen Bevölkerungszahlen (Westdeutschlands) auf der letzten Zählung von 1987 beruhen, scheinen diese Daten nicht verlässlich, um die Sterbeziffern der Ausländer zu berechnen.

Um zu prüfen, ob die geringere Sterblichkeit der in Deutschland lebenden Migranten ohne deutsche Staatsangehörigkeit wirklich eine statistisch verursachte Erscheinung ist, zogen die Wissenschaftler zur Schätzung der Mortalität  erstmals Daten der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV) heran. Diese liefern die gewünschten Informationen zu allen in Deutschland lebenden deutschen und ausländischen gesetzlichen Altersrentenbeziehern über 64 Jahre, die in ihrem Arbeitsleben als Gehalts- und Lohnempfänger Rentenbeiträge in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben. In den vier untersuchten Jahren (1995, 1998, 2001 und 2004) gab es im Durchschnitt 130.000 Migranten ohne deutsche Staatsangehörigkeit, die Eingang in die Analyse fanden. Diese Datengrundlage unterscheidet sich von der offiziellen Statistik dadurch, dass die Todesfälle in jedem Falle registriert werden und somit keine Verzerrungen entstehen.
Werden die Sterbe- und Bevölkerungszahlen aus den beiden Datenquellen miteinander verglichen, so ähneln sich die Ergebnisse für die deutsche Bevölkerung. Für Ausländer fallen sie dagegen sehr unterschiedlich aus: Die offizielle Statistik weist im Datensatz eine 33 Prozent höhere Anzahl an Ausländern in der Bevölkerung aus. Gleichzeitig ist sind die Sterbefälle der Ausländer in der offiziellen Bevölkerungsstatistik um 33 Prozent geringer als in den Daten der Deutschen Rentenversicherung.
Während laut offizieller Statistik die verbliebene Lebenserwartung von Ausländern im Alter 65 im Durchschnitt über den Beobachtungszeitraum hinweg bei 30,2 Jahren liegt, fällt sie laut Daten der DRV deutlich geringer aus. Sie beträgt 15 Jahre und liegt damit sogar unter der Lebenserwartung der Deutschen (15,6 Jahre).
Diese Zahlen zeigen: Bei der bislang beobachteten, extrem niedrigen Sterblichkeit von Ausländern im Rentenalter handelt es sich tatsächlich um ein statistisches Phänomen. Ihre Sterblichkeit liegt nach der neuen Analyse sogar über der der Deutschen. Dafür könnten verschiedene Gründe sprechen: Zum einen übernehmen Immigranten oft den weniger gesunden westlichen Lebensstil, der insbesondere das Risiko für Herz-Kreislaufkrankheiten erhöht und somit eine Gesundheitsverschlechterung mit dem Alter herbeiführen kann. Zum anderen können Entbehrungen in der Kindheit nachhaltige Wirkungen auf den Gesundheitszustand haben. Der wichtigste Faktor aber ist, so die Wissenschaftler, dass viele Immigranten den negativen Gesundheitsfolgen eines geringen sozioökonomischen Status, wie einem niedrigen  Einkommen, eingeschränkten Bildungschancen und daraus folgendem Stress gegenüberstehen. Frühere Studien zeigen, dass ein großer Teil der in Deutschland lebenden Ausländer zur unteren Gruppe der Einkommensverteilung gehören. Sie weisen  ein viel höheres Sterberisiko auf als Menschen in höheren Einkommensgruppen. Gleichzeitig gehört der größte Teil der Immigranten  im Arbeitsleben zu den physisch stark beanspruchten Arbeitern, welche ebenfalls einem höheren Sterberisiko ausgesetzt sind.
Ein Healthy-Migrant-Effekt, also die Tatsache, dass Migranten bei Einwanderung im Durchschnitt eine bessere Gesundheit aufweisen als die einheimische Bevölkerung, ist damit nicht ausgeschlossen. Langzeitwirkungen dieses Effektes sind aber eher unwahrscheinlich. Vielmehr scheint ein möglicher  Gesundheitsvorteil kurz nach der Immigration insbesondere durch sozioökonomische Nachteile und ungünstigere Lebensumstände, denen diese Bevölkerungsgruppe im Gastland ausgesetzt ist, nach und nach aufgebraucht zu werden.
js

Autoren: Eva Kibele, Rembrandt Scholz, Vladimir M. Shkolnikov


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