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Unternehmen sehen den Demografischen Wandel als Standortrisiko. Tatsächlich kann die demografische Entwicklung eine gegenwärtig günstige Standortsituation schon bald ins Gegenteil umkehren. Betroffen sind demografiesensible Standortfaktoren wie Arbeitsangebot, Verfügbarkeit von Humankapital, Arbeitsproduktivität und die Leistungsfähigkeit im Bereich Forschung und Entwicklung. Wissenschaftler des Rostocker Zentrums verglichen die demografischen Entwicklungen auf regionaler Ebene und erarbeiteten ein Risikomaß, das die Abschätzung demografischer Standortrisiken für die EU-Regionen ermöglicht. Der Demografische Wandel findet in Europa allerorts, doch mit großen regionalen Unterschie-den statt. So wird die Bevölkerung in allen 264 NUTS-Regionen der EU-27 Staaten zwischen 2004 und 2030 altern. Das Durchschnittsalter in der EU erhöht sich in diesem Zeitraum insgesamt von 40,1 auf 45,1 Jahre. Ein einheitliches Muster der regionalen Alterung ist jedoch nicht zu erkennen. Es gibt Regionen, die 2004 bereits vergleichsweise alt waren und dennoch bis 2030 weiter stark altern werden, beispielsweise Mecklenburg-Vorpommern oder Galicien im Nordwesten Spaniens. Andere waren und bleiben relativ jung, etwa Utrecht in den Niederlanden, die West Midlands mit der Stadt Birmingham in Großbritannien oder Hauptstadtregionen wie Brüssel, die inneren Stadtbezirke von London und der Großraum Paris. In rund der Hälfte der 264 Regionen erhöht sich das Tempo der Alterung gegenüber 1990-2004: Der maximale Abstand im Durchschnittsalter zwischen der jüngsten und der ältesten Region steigt dabei von heute 12,8 auf 16,7 Jahre in 2030. Die Einteilung in Wachstums- oder Schrumpfungsregionen ist relativ stabil. Nur 43 der 264 Regionen verlieren nach einer Periode des Bevölkerungswachstums zwischen 1990 und 2004 zukünftig an Einwohnern und, umgekehrt, in nur zehn Regionen wird sich ein zwischen 1990-2004 erfahrener Bevölkerungsschwund in Wachstum umkehren. Ersteres wird beispielsweise in Oberfranken, Kärnten, der Nördlichen Ägäis oder Zentralportugal der Fall sein, letzteres unter anderem im Oberen Nordschweden und Mittelungarn erwartet. Insgesamt erfährt die EU-27 einen Bevölkerungszuwachs von 2,5 Prozent. In 112 der Regionen werden die Einwohnerzahlen abnehmen, dies jedoch in unterschiedlichem Maße. Um diese unterschiedlichen demografischen Entwicklungen zwischen einzelnen Regionen und Zeiträumen vergleichen zu können, entwickelten die Rostocker Wissenschaftler in der vorliegenden Studie zunächst einen Index des Demografischen Wandels. Er zeigt auf einer Skala zwischen Null (schwächste Ausprägung des Demografischen Wandels) und Eins (stärkste Ausprägung), wie sich Alterung und Schrumpfung in einer Region im Vergleich zu allen Regionen in der EU zwischen 1990 und 2030 darstellen (Abbildung 1, links für Zeitraum 2004-2030). Unternehmen sind allerdings selten an der Bevölkerungsentwicklung an sich interessiert. Für sie ist insbesondere von Bedeutung, wie sich demografische Alterungs- und Schrumpfungsprozesse in der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (hier die Altersgruppe 20-64 Jahre) niederschlagen. Aus dieser rekrutieren sie ihre Arbeits- und Fachkräfte, mit denen sie die Produktivitätsfortschritte und Leistungen im Bereich Forschung und Entwicklung erbringen. Ganz allgemein zeigt sich, dass die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter europaweit bis 2030 in weitaus geringerem Maße altert als die Gesamtbevölkerung, dafür aber vielerorts drastisch schrumpft (bis zu 50 Prozent). Auch geht sie in der Regel selbst dort zurück, wo noch ein allgemeines Bevölkerungswachstum zu verzeichnen ist. Von den 41 deutschen Regionen erwarten beispielsweise 18 eine Bevölkerungszunahme bis 2030, jedoch nur eine einzige (Oberbayern) auch einen Anstieg in der Altersgruppe 20-64 Jahre; und dieser fällt mit 0,5 Prozent recht niedrig aus. Wie also können demografische und wirtschaftliche Faktoren zusammengebracht werden, um das Standortrisiko einer Region zu beurteilen? In der Analyse wählten die Wissenschaftler dazu vier Standortindikatoren aus, die die Themenfelder Arbeitsangebot, die Verfügbarkeit von Humankapital, die Arbeitsproduktivität und die Leistungsfähigkeit im Bereich Forschung und Entwicklung beschreiben. Sie verknüpften diese jeweils mit einem demografischen, für diesen Bereich spezifischen Alterungs- und Schrumpfungsindikator: Für das Arbeitsangebot etwa bedeutet dies konkret, dass ein Maß für die Erwerbsbeteiligung in verschiedenen Altersklassen (Standortindikator) mit Angaben zur Alterung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (demografischer Indikator) multipliziert wurde (Abbildung 2).
Abb 2: Beispiel, wie sich Standortrisiken jeweils aus Standortindikatoren, demografischen Indikatoren sowie Kontextfaktoren berechnen
Darüber hinaus fanden bei der Risikoeinschätzung jeweils drei Kontextfaktoren Berücksichti-gung, die Einstellungen in der Bevölkerung und ökonomische Rahmenbedingungen erfassen. Beim Arbeitsangebot sind dies die Teilzeitbeschäftigung von Frauen (deren Ausweitung auf eine Vollzeitbeschäftigung das Arbeitsangebot erhöhen könnte), die Arbeitslosigkeit von Frauen und Älteren (die auf Integrationsprobleme dieser Gruppen auf dem Arbeitsmarkt hindeutet) und eine Größe, die über die verkehrsmäßige Erreichbarkeit eines Standorts Auskunft gibt (und damit auch die Anziehungskraft eines Standorts für Arbeitskräfte aus anderen Regionen widerspiegelt). Werden alle vier Felder im so genannten demografischen Standortrisiko zusammengefasst (siehe Abbildung 1, rechts), gehören Stockholm, Südost-Irland und einige Regionen in den Beneluxstaaten, Frankreich und Großbritannien zu den Spitzenreitern. Differenziert man die Ergebnisse stärker, zeigt sich, dass nur wenige Regionen in allen betrachteten Bereichen gleichermaßen demografische Standortrisiken oder -chancen aufweisen (Abbildung 3). In den meisten Regionen gibt es Stärken und Schwächen. So weisen viele Regionen in Großbritannien und den Niederlanden eine vergleichsweise positive Situation im Arbeitskräftebereich auf. Französische, niederländische, belgische und italienische Regionen nehmen Spitzenpositionen beim Standortfaktor Arbeitsproduktivität ein. Hohe demografische Standortvorteile hinsichtlich des Humankapitals bieten finnische, spanische und französische Regionen sowie Dänemark, Zypern, Litauen und viele Regionen in Großbritannien. Bei Forschung und Entwicklung brillieren deutsche, österreichische, niederländische und viele schwedische und britische Regionen sowie Dänemark. Autoren: Thusnelda Tivig, Katharina Frosch, Stephan Kühntopf Quellen: Frosch, Katharina; Kühntopf, Stephan; Tivig, Thusnelda (2007): Beschäftigung im Demografischen Wandel: Eine regionale Perspektive, WiPol Blätter 04/07, S. 669-691. Frosch, Katharina; Kühntopf, Stephan; Tivig, Thusnelda (2008): Mapping regional demographic change and regional demographic location risk in Europe, (erscheint im Herbst als Band 2 der econsense-Schriftenreihe zu Nachhaltigkeit und CSR). Die Ergebnisse zum Index des Demografischen Wandels und zum Demografischen Standortrisiko für die 264 Regionen der Europäischen Union sind in kompakter Form unter www.demographic-risk-map.eu abrufbar.
Am 10. August 2009 ist der Demographic Risk Atlas als Printausgabe erschienen. Weitere Informationen dazu finden Sie hier Weitere Artikel zur Europäischen Union:
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