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„Seid fruchtbar und vermehret euch“ – Religiosität und Fertilität in den USA und Europa

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Die Geburtenrate amerikanischer Frauen liegt seit fast dreißig Jahren über jener der Europäerinnen. Gleichzeitig scheinen die Amerikaner auch viel religiöser zu sein als die Europäer. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Geburtenraten und der Religiosität? Dieser Frage gingen die Wissenschaftler Tomas Frejka und Charles F. Westoff nach. Ihre Daten zeigen, dass US-amerikanische Frauen zwischen 18 und 44 Jahren bedeutend religiöser als europäische Frauen sind – und je wichtiger ihnen die Religion im Alltag ist, umso höher fällt die Geburtenrate aus.

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Seit 1980 bekommen Frauen in den USA durchschnittlich mehr Kinder als in Europa. Während die zusammengefasste Geburtenziffer (TFR) für die USA 1980 bei 1,85 lag, erreichte sie in den EU-15 Staaten einen Wert von 1,82. Der Abstand nahm im Laufe der Jahre zu: Im Jahr 2002 wies die USA eine TFR in Höhe von 2.01 auf, die EU-15 nur noch eine von 1,5. Regionale Unterschiede innerhalb Europas sind bei diesem Vergleich jedoch zu beachten: So weisen viele europäische Länder tatsächlich eine deutlich niedrigere Fertilität als die USA auf, in einigen west- und nordeuropäischen Staaten jedoch liegt sie auf einem vergleichbarem Niveau. Warum die Fertilität in den USA so hoch ist, wird durch viele Faktoren bestimmt: So ist der Anteil lateinamerikanischer Immigranten, die eine sehr hohe Fertilität aufweisen, beträchtlich. Gleichzeitig zeigt sich in den hohen Geburtenraten wohl auch, dass Frauen in den USA ein hohes Maß an Gleichberechtigung auf dem (flexiblen) Arbeitsmarkt erfahren und sich die Einstellungen zugunsten einer verstärkten Müttererwerbstätigkeit gewandelt haben. Zudem ist die Anzahl ungewollter Schwangerschaften, die im Zusammenhang mit einem geringen Einkommen und geringer Bildung stehen, im Land vergleichsweise hoch. Neben diesen sozioökonomischen Gegebenheiten hat auch die Religion einen bedeutenden Einfluss.

Die verschiedenen Glaubensrichtungen auf beiden Seiten des Atlantiks lassen sich regional zuordnen: In den USA und in Nordeuropa zeigen sich die Menschen überwiegend protestantisch. West- und Südeuropa ist größtenteils von Katholiken bevölkert. Orthodoxe und Atheisten bilden den größten Teil der osteuropäischen Bevölkerung. Während in (vornehmlich West- und Ost-)Europa über 30 Prozent der Bevölkerung keiner Religion angehören, sind es in den USA nur 14 Prozent.

Diese 14 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung weisen eine wesentlich geringere Fertilität auf als religiöse Amerikanerinnen. Auch für die eher „liberalen“ Glaubensgemeinschaften, wie Presbyterianer, Methodisten oder Lutheraner, stellten die Wissenschaftler eine geringere TFR fest als für Katholiken oder fundamentalistische Protestanten. Gleichzeitig bekommen amerikanische Protestantinnen und Katholikinnen aber ähnlich viele Kinder. Innerhalb Europas liegt die Geburtenrate protestantischer Frauen höher als die von Katholikinnen. Frauen orthodoxen Glaubens und ohne religiösen Glauben weisen die niedrigste Fertilität auf.
Im Vergleich der Kontinente zeigt sich, dass katholische Amerikanerinnen eine höhere Geburtenziffer aufweisen als katholische Europäerinnen. Bei den Protestanten sind die Unterschiede nur gering.
Nordeuropäerinnen bekommen jedoch im Vergleich zu anderen Europäerinnen oder Amerikanerinnen immer die meisten Kinder – egal ob alle, nur nicht-religiöse oder aber Frauen je nach Konfessionszugehörigkeit untersucht wurden. Insgesamt konnten die Wissenschaftler feststellen: Je größer die Rolle, die Religion im Alltag der Frauen spielt, umso höher fällt die Geburtenrate aus.

Wie hoch wäre die Fertilität in Europa, wären die Europäerinnen zwischen 18 und 44 Jahren genauso religiös wie die Amerikanerinnen? Die Wissenschaftler versuchen in ihrer Untersuchung, diese interessante Frage mit einer Schätzung zu beantworten: Für Europa ergibt sich, dass die Geburtenrate theoretisch um 13 Prozent höher liegen würde, wenn die Religion für die Europäerinnen im Alltag genauso wichtig wäre, wie für die Amerikanerinnen. In Nordeuropa würde der Anstieg am geringsten ausfallen, in Westeuropa am höchsten. Diese verschieden großen Effekte in den Gebieten Europas ergeben sich aufgrund der beobachteten unterschiedlichen Religiosität und Fertilität in den Regionen und sind Ergebnis der Stärke des Zusammenhangs zwischen Religiosität und Fertilität.

js


Autoren: Tomas Frejka, Charles F. Westoff

Quelle: Frejka, Tomas, Westoff, Charles F. (2008): Religion, Religiousness and Fertility in the US and in Europe, European Journal of Population, (24): 5-31.

 

Frejka, Tomas (2004): The ‘curiously high’ fertility of the USA, Population Studies, 58(1): 88–92.

 


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Die TFR für Gesamtdeutschland im Oktober 2010: 1,37

 
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