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Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
 

Das erste Kind von Migrantinnen der ersten und zweiten Generation in Westdeutschland

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Von Beginn der 1950er bis in die frühen 1970er Jahre hat Westdeutschland Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben, um den Arbeitskräftemangel in verschiedenen Industriezweigen vorübergehend auszugleichen. Die Mehrzahl dieser Arbeiter blieb und ließ Familienangehörige und Partner folgen, so dass nunmehr eine zweite und dritte Migrantengeneration in Deutschland aufgewachsen ist. Eine Studie des MPIDF zeigt, dass sich die Familiengründung von Immigrantinnen deutlich von jener westdeutscher Frauen unterscheidet. Jedoch sind bei Frauen der zweiten Migrantengeneration erste Tendenzen zu einem ähnlichen Verhaltensmuster wie bei Westdeutschen zu beobachten.

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Im Fokus der Untersuchung von Nadja Milewski stehen Frauen, die von 1946 bis 1983 geboren sind und ihre Wurzeln in der Türkei, im ehemaligen Jugoslawien, in Griechenland, Italien und Spanien haben. Die Frauen in der Studie, die zur ersten Wanderergeneration gehören, hatten zum Zeitpunkt der Einwanderung noch keine Kinder. Die Analyse nutzt Daten des Sozio-ökonomischen Panels des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin und untersucht den Übergang zum ersten Kind.

 

Es zeigt sich, dass sowohl die Immigrantinnen selbst als auch die in Deutschland geborenen Töchter von Migranten häufiger und früher Mutter werden als westdeutsche Frauen. Am stärksten fällt die Neigung zur Familiengründung bei Frauen der ersten Migrantengeneration aus: In den ersten beiden Jahren nach ihrer Ankunft in Deutschland ist die Wahrscheinlichkeit, ein erstes Kind zu bekommen, mehr als dreimal so hoch wie die für Frauen aus Westdeutschland. Dabei ist auffallend, dass die Übersiedlung nach Deutschland, die Hochzeit und die Geburt des ersten Kindes in vielen Fällen in kurzen Abständen aufeinander folgten.

Dies könnte mehrere Gründe haben: Zum einen könnte sich der schnell realisierte Wunsch nach Nachwuchs vor dem Hintergrund einordnen lassen, dass die Immigration oft ehemals getrennte Paare wieder zusammenführte. Die auf die Einreise folgende Geburt könnte damit als ein Zeichen für das Ende der Wanderung gesehen werden und komplettiert die Partnerschaft. Zugleich stärkt die Geburt eines Kindes vermutlich die Position der Frau, da in patriarchalisch geprägten Familienstrukturen die Mutterschaft für die Frau aufwertend ist.

Andererseits könnte die für EU- und Nicht-EU-Bürger unterschiedlich gestaltete familien- und arbeitsmarktpolitische Gesetzgebung ebenfalls die erhöhten Geburtenzahlen in den Jahren nach der Einwanderung erklären. Seit 1986 erhielten Bürger aus Nicht-EU-Staaten wie der Türkei und Jugoslawien staatliche Familienleistungen nur, wenn das Kind in Deutschland geboren wurde und aufwuchs. Dies könnte das Verschieben der Familiengründung auf einen Zeitpunkt nach der Migration mit begründen. Außerdem war es Nicht-EU-Bürgern nach 1974 nicht mehr erlaubt, zum Zwecke der Erwerbstätigkeit nach Westdeutschland zu immigrieren. Frauen aus Nicht-EU-Staaten, die zur Familienzusammenführung einwanderten, erhielten damit in den ersten Jahren ihres Aufenthalts keine Arbeitserlaubnis. Diese Tatsache spricht dafür, dass die Frauen entschieden haben könnten, diese Zeit für ein erstes Kind zu nutzen.

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung ist, dass die Erstgeburtenrate vom Wanderungsstil abhängt: Die Wahrscheinlichkeit einer Erstgeburt ist um 90 Prozent höher, wenn die Partner zeitlich getrennt voneinander nach Westdeutschland immigriert sind. Frauen, die zur Zeit der Migration unverheiratet waren, hatten hingegen eine um 70 Prozent geringere Neigung, ein erstes Kind zu bekommen, als bereits verheiratete Frauen. Das liegt vermutlich zum einen darin begründet, dass die Partnersuche in fremder Umgebung lange dauern kann. Ein anderer Grund könnte aber auch ein Selektionseffekt sein: Allein stehende Immigrantinnen kommen seltener nach Deutschland, um sich zu verheiraten und eine Familie zu gründen, sondern in erster Linie, um Ausbildungsmöglichkeiten zu nutzen.

Auch in der zweiten Migrantengeneration ist die Neigung, ein erstes Kind zu bekommen, ausgeprägter als bei westdeutschen Frauen, jedoch nur noch um 20 Prozent erhöht. Im Gegensatz zur ersten Generation existieren bei den Töchtern von Migranten Unterschiede im Erstgeburtenverhalten nach Herkunftsland – aber nur bei den türkischen Töchtern. Sie werden häufiger und früher Mutter als Frauen der zweiten Generation mit spanischen, griechischen, italienischen und jugoslawischen Wurzeln. Dieses Ergebnis kann größtenteils mit dem Bildungsabschluss erklärt werden, denn während der Bildungsgrad bei der ersten Migrantengeneration keine wesentliche Rolle spielt, hat er auf das Geburtenverhalten der zweiten Generation und der westdeutschen Frauen einen starken Einfluss: je höher der Abschluss, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit für die Geburt eines ersten Kindes.

Die Erstgeburtswahrscheinlichkeiten verheirateter Immigrantinnen der zweiten Generation und verheirateter westdeutscher Frauen ähneln sich. Daraus kann geschlussfolgert werden, dass sich die Töchter von Migranten an die dominierenden Verhaltensmuster in Deutschland angepasst haben. Unterstützt wird dieses Ergebnis noch dadurch, dass die Wahrscheinlichkeit einer ersten Schwangerschaft etwas geringer ist, wenn Migrantinnen mit westdeutschen Männern verheiratet sind.
js


Autorin der Studie: Nadja Milewski


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