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Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
 

Berufliche Unsicherheit und Familienplanung: Zukunftsmodell Ost?

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Ungewisse berufliche Perspektiven behindern die Familiengründung im Westen offenbar stärker als im Osten. Der schwierigen Arbeitsmarktlage zum Trotz bleiben junge Ostdeutsche seltener kinderlos und sind bei Geburt ihres ersten Kindes immer noch etwas jünger als ihre westdeutschen Altersgenossen. In qualitativen Interviews mit jungen Menschen in Rostock und Lübeck kamen Forscher des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung um Prof. Laura Bernardi signifikant unterschiedlichen Strategien zur Risikobewältigung in Ost und West auf die Spur.

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Dass die bewusste Gründung einer eigenen Familie ein gewisses Maß an wirtschaftlicher Sicherheit, wie etwa ein festes Einkommen, voraussetzt, ist in der sozialwissenschaftlichen Literatur unumstritten. Ein negativer Einfluss instabiler Beschäftigungs-verhältnisse auf die Geburtenrate liegt somit auf der Hand. Die niedrigen Geburtenzahlen in Westdeutschland werden unter anderem auf die verschärfte Arbeitsmarktsituation zurückgeführt, die von einer starken Zunahme befristeter Beschäftigungsverhältnisse, Mobilitätszwang und Arbeitsplatzabbau gekennzeichnet ist. Auch der dramatische Einbruch der Geburtenzahlen in Ostdeutschland kurz nach der Wende scheint diesen Zusammenhang eindrucksvoll zu bestätigen.


Allerdings überrascht die Tatsache, dass sich die Geburtenrate (TFR) in den neuen Bundesländern bereits seit den frühen 90er-Jahren wieder dem Westniveau angleicht, obwohl sich die sozioökonomischen Rahmenbedingungen in weiten Teilen Ostdeutschlands noch immer wesentlich ungünstiger als in vielen westdeutschen Regionen darstellen. Insgesamt bleiben in Ostdeutschland sogar weniger Paare kinderlos als im Westen (dort haben Eltern dafür häufiger zwei oder mehr Kinder). Die Geburt des ersten Kindes fällt im Osten zudem oft in einen etwas früheren Lebensabschnitt, in dem die berufliche Existenz keineswegs als gesichert angesehen werden kann.

  Westdeutschland Ostdeutschland 
Durchschnittliches Alter bei Geburt
29,5 Jahre
 27,5 Jahre
Anteil dauerhaft kinderloser Frauen (Jahrgang 1965)
27% 14%
Anteil außerehelicher Geburten (2003)
32%  64%
Anteil von Zweitgeburten innerhalb der ersten fünf Jahre nach einer Erstgeburt (1991 bis 1996)  55% 30%
Arbeitslosenquote 9,9%  18,8%

Tab. 1: Ausgewählte sozio-demografische Unterschiede zwischen Ost-und Westdeutschland. Quellen: Economic Coucil of Europe 2003, Kreyenfeld 2005, Statistisches Bundesamt 2006

Warum wagen junge Menschen in Ostdeutschland trotz der höheren sozio-ökonomischen Risiken, wie eine ungünstige Arbeitsmarktsituation überhaupt den Schritt in die Elternschaft und das auch noch früher als ihre westdeutschen Altersgenossen? Diese offene Frage nahmen die Rostocker Forscher zum Anlass, persönliche Strategien im Umgang mit Arbeitsmarktrisiken und daraus resultierender biografischer Unsicherheit in Ost und West auf der Basis von qualitativen Interviews mit jungen Erwachsenen aus Rostock und Lübeck gezielt zu untersuchen. Zwar empfinden alle Befragten ungewisse berufliche Perspektiven und instabile Beschäftigungsverhältnisse als Risikofaktor und als Quelle biografischer Unsicherheit. Doch die persönliche Antwort darauf fällt unterschiedlich aus. Für westdeutsche Studienteilnehmer hat die berufliche Absicherung erste Priorität. Dem Ziel, eine sichere, gut bezahlte Position zu erreichen, wird die Familiengründung rigoros untergeordnet: Sämtliche Energien werden zunächst auf ein Ziel (berufliche Stabilität) konzentriert, und zusätzliche Risikofaktoren (die Geburt eines Kindes) solange bewusst vermieden, bis ein als sicher empfundener Zustand erreicht ist.


Im Gegensatz zu diesem sequentiellen Lebensentwurf investieren Ostdeutsche parallel in berufliche und private Lebensträume: die Balance zwischen beiden Bereichen ist oberstes Ziel. Kinder gehören dabei genauso selbstverständlich zu einem erfüllten Leben wie der Beruf. Der Kinderwunsch wird deshalb nicht in gleicher Weise wie im Westen des Landes zugunsten der Karriere vertagt oder aufgegeben. Ein Job, der übermäßige einseitige Opfer im privaten Bereich (familienunfreundliche Arbeitszeiten, Fernbeziehung) erfordert, gefährdet ein erfülltes Familienleben und gilt – ungeachtet vom Verdienst - als nicht erstrebenswert. Favorisiert wird stattdessen ein Familienmodell, in dem beide Partner sich Broterwerb und familiäre Aufgaben gleichberechtigt teilen. Im Westen führt die Geburt eines Kindes dagegen häufiger und nahezu zwangsläufig zu einer „arbeitsteiligen“ Partnerschaft, in der einer (zumeist der Mann) sämtliche Ressourcen auf den Beruf konzentriert, während der andere überwiegend für den familiären Bereich zuständig ist.


Als mögliche Erklärung führen die Rostocker Wissenschaftler die Prägung durch unterschiedliche gesellschaftliche Systeme an: Während in der ehemaligen DDR die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Mann und Frau ein verfassungsmäßig festgeschriebenes Ziel war, sind jüngere Westdeutsche durch ein Familienmodell geprägt, in dem allein der Vater die Rolle des Ernährers trägt. Wie lange sich die unterschiedlichen biografischen Modelle und kulturell geprägten Rollenbilder in kommenden Generationen fortsetzen, ist eine interessante und offene Frage. Fern davon, auf einem überkommenen Gesellschaftsbild zu beruhen, könnte der im Osten praktizierte flexible Umgang mit beruflicher und biografischer Unsicherheit aber auch das erste Anzeichen für eine post-moderne Orientierung sein, die dem sequentiellen westdeutschen Modell angesichts wachsender Unsicherheiten überlegen sein könnte.

KvE


Autoren: Laura Bernardi, Andreas Klärner, Holger von der Lippe

Quellen: Bernardi, L., Klärner, A., von der Lippe, H. (forthcoming, accepted: 19 July 2007): Job Insecurity and the Timing of Parenthood: A Comparison Between Eastern and Western Germany, In: European Journal of Population.

Bernardi, L., von der Lippe, H. (2006): Zwei deutsche Ansichten über Kinder und Karriere, DFAEH 3/2006.



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