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Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
 

Die Schere öffnet sich - Hintergründe und Konsequenzen demografischer Entwicklungen weltweit

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Die Bevölkerungszahlen in Deutschland gehen zurück: bereits seit Anfang der 1970er Jahre verzeichnet das Land mehr Todesfälle als Geburten, seit 2003 kann dieses Geburtendefizit nicht mehr durch Zuwanderungsüberschüsse aus dem Ausland ausgeglichen werden. Nur wenige Länder weltweit stehen, wie Deutschland, einem Bevölkerungsrückgang gegenüber. Zu den zahlreichen Staaten mit schnell wachsender Bevölkerung gehören vor allem Länder des asiatischen und afrikanischen Kontinents und einige der ärmsten Nationen der Welt.

Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich immer mehr auf die globale „demografische Schere“, die im Englischen unter dem Begriff „demographic divide“ bekannt ist und die Kluft zwischen Geburten- und Sterberaten in einzelnen Ländern dieser Welt beschreibt. Auf der einen Seite stehen überwiegend arme Länder mit relativ hohen Geburtenraten und niedriger Lebenserwartung. Auf der anderen Seite stehen die größtenteils reichen Länder, in denen ein Bevölkerungsrückgang aufgrund niedriger Geburtenraten so gut wie sicher ist und in denen eine durchschnittliche Lebenserwartung von mehr als 75 Jahren den Anteil der Älteren in der Gesellschaft erhöht.


Ein einfacher Schnitt zwischen - gegenwärtig - wohlhabenden und armen Nationen lässt sich bei diesen Entwicklungen jedoch nicht ziehen. Vielmehr geht es um eine Reihe von demografischen Prozessen, die auf die wirtschaftliche, soziale und politische Situation dieser Länder Einfluss nehmen, und damit auch ihren zukünftigen Platz auf der Weltbühne mitbestimmen werden. Auch wenn die Demografie nur einer der Faktoren ist, die über die Zukunft dieser Länder entscheiden - dieser Faktor ist ausschlaggebend.


Kein weltweiter Geburtenmangel, sondern ein von Land zu Land unterschiedliches Bevölkerungswachstum


Während sich das durchschnittliche Wachstum der Weltbevölkerung im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts abgeschwächt hat, ist die Vielfalt demografischer Entwicklungen auf Länderebene tatsächlich größer geworden. In vielen Ländern, z.B. in Burkina Faso, im Tschad und im Irak, blieben die Wachstumsraten hoch, während sie in anderen Ländern, z.B. in Italien, Südkorea und Thailand, drastisch zurückgegangen sind.


Andere Länder stehen am Rande dieser Extreme: einige, darunter Deutschland und Ungarn, erwarten aufgrund sinkender Geburtenraten einen Bevölkerungsrückgang, während andere, unter anderem Kambodscha und Nicaragua, bei verbesserten Gesundheitsbedingungen und zurückgehenden Sterberaten zukünftig ein hohes Bevölkerungswachstum aufweisen könnten. Vieles hängt von der Zuwanderung ab: Sie kann diese Trends beschleunigen oder verzögern.

 

Medien berichten vom Bevölkerungsrückgang und globalen „Geburtenmangel“. Doch leben weniger als 15 Prozent der Weltbevölkerung, d.h. weniger als eine Milliarde Menschen, in jenen Ländern, für die im Zeitraum 2005 bis 2050 ein Bevölkerungsverlust erwartet wird. Bis zum Jahr 2050 werden dort weniger als 10 Prozent der Weltbevölkerung leben. Die wachsende Aufmerksamkeit und das Interesse der Medien sind darauf zurückzuführen, dass die Länder, in denen mit sinkenden Bevölkerungszahlen zu rechnen ist (u.a. Japan, Deutschland, Italien und Russland), auch zu den reichsten und einflussreichsten Nationen zählen. Unter den Kontinenten ist Europa sehr wahrscheinlich der einzige, der bis 2050 Bevölkerung verlieren wird (70 Millionen; siehe Abbildung 1).

Bild
Abb.1 - Vorhergesagter Bevölkerungszuwachs oder -rückgang nach Ländern oder Regionen, 2005-2050

In einer anderen Gruppe von Ländern (einschließlich Iran und Australien) wächst die Bevölkerung nach wie vor, allerdings sehr langsam: Für den Zeitraum 2005 bis 2050 ist ein jährliches Wachstum von ein Prozent prognostiziert. Bei einigen dieser Länder ist bis zum Jahr 2050 sogar mit einem Bevölkerungsrückgang zu rechnen. Mit 1,3 Milliarden Menschen ist China aus demografischer Sicht das interessanteste Land dieser Gruppe: Nach Jahrzehnten strenger staatlicher Geburtenkontrolle ist die Fertilitätsrate so weit zurückgegangen, dass die Sterbeziffer bis zum Jahr 2035 höher sein wird als die Geburtenziffer. Trotzdem ist davon auszugehen, dass die chinesische Bevölkerung bis dahin um weitere 130 Millionen Menschen anwachsen wird: Im Jahr 2050 werden in China voraussichtlich 1,4 Milliarden Menschen leben.


Eine dritte Ländergruppe weist zwar eine geringere Wachstumsrate auf, wird jedoch für den größten Teil des Zuwachses an der Weltbevölkerung verantwortlich sein. Zu dieser Gruppe zählen auch die USA: Das Wachstum der US-Bevölkerung wird zwischen 2005 und 2050 um 42 Prozent steigen und die Weltbevölkerung dadurch um 100 Millionen Menschen anwachsen lassen. Auch bevölkerungsreiche Nationen wie beispielsweise Bangladesch, Brasilien, Indien und Indonesien befinden sich in der Gruppe mit moderatem Wachstum. In vielen dieser Länder ist ein bemerkenswerter Rückgang der Fertilität und Mortalität zu beobachten; doch aufgrund einer jungen Bevölkerungsstruktur, einer immer noch vergleichsweise hohen Geburtenrate und - in den USA - aufgrund von Zuwanderung verfügen diese Staaten über beträchtliche Kapazitäten für künftiges Wachstum (Bevölkerungsmomentum).


Der Zusammenhang von hohem Bevölkerungswachstum und verzögerter wirtschaftlicher Entwicklung


Im Jahr 2005 lebten in den Ländern mit hohen Wachstumsraten (z.B. Madagaskar, Mali und der Jemen) lediglich acht Prozent der Weltbevölkerung. Die Bevölkerung in diesen Ländern wird sich jedoch voraussichtlich verdoppeln oder verdreifachen, bis zum Jahr 2050 werden dort bereits 20 Prozent der Weltbevölkerung leben. Selbst wenn ein Rückgang der Fertilität angenommen wird, wird die Bevölkerung dieser Länder, als Gruppe zusammengenommen, zwischen 2005 und 2050 von 0,7 auf 1,9 Milliarden steigen.


Mit Ausnahme einiger Erdöl exportierender Staaten, die in den letzten fünfzig Jahren ein beträchtliches wirtschaftliches Wachstum verzeichnen konnten, finden sich fast alle Länder mit hohem Bevölkerungswachstum auf der Liste der „Least Developed Countries“ (LDC-Länder) der Vereinten Nationen. Die Länder auf dieser Liste haben die weltweit niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen und ihre Wirtschaft basiert weniger auf Industrie oder Fertigung, sondern in erster Linie auf der Landwirtschaft.


Die wenigen LDC-Länder mit eher geringem Bevölkerungswachstum weisen eine vergleichsweise hohe Sterblichkeit auf oder deutliche Abwanderungstendenzen, da viele Einwohner auf der Suche nach Arbeit das Land verlassen. Länder mit hohen Wachstumsraten liegen zumeist in der Sub-Sahara-Region Afrikas, wo die Fertilität nach wie vor hoch und die Sterblichkeit weit genug zurückgegangen ist, um ein schnelles Bevölkerungswachstum zu fördern. Zu den nicht-afrikanischen Staaten mit schnell wachsender Bevölkerung gehören einige der ärmsten Länder der Welt: Afghanistan, Bhutan, Guatemala und Haiti.

Folgen des demografischen Entwicklungsgefälles: Japan versus Nigeria


Das Besorgniserregende am demografischen Entwicklungsgefälle sind nicht die Unterschiede zwischen den Bevölkerungswachstumsraten der Länder, sondern die damit einhergehenden Ungleichheiten beim Lebensstandard, beim gesundheitlichen und wirtschaftlichen Wohlergehen und bei den Zukunftsperspektiven.


Die Menschen auf beiden Seiten der demografischen Schere haben schon heute vollkommen andere Lebensbedingungen und schauen einer sehr unterschiedlichen Zukunft entgegen, wie ein Vergleich von Japan und Nigeria, zwei Ländern mit einer im Jahr 2005 vergleichbaren Bevölkerungsgröße, verdeutlicht (siehe Tabelle 1).

 

 Nigeria

 Japan

 1950

 2005

1950

2005 

Bevölkerung (Millionen) 

32,8 

131,5 

83,6 

127,7 

Geburten pro Frau

 6,9

 5,9

 2,8

 1,3

Geburten pro Jahr (Millionen)

 1,7

5,6

 2,1

 1,1

Todesfälle pro Jahr (Millionen)

 1,0

 2,5

0,8 

1,0 

Lebenserwartung bei der Geburt (Jahre)

 36

44

64

83

Todesfälle bei Kindern pro 1.000 Geburten

 184,1

 100,0 

 50,6 

 3,0 

Erwachsene mit HIV/AIDS, 2003 (%)

 KA

 5,4

 KA

<0,05

Prozentsatz der Bevölkerung, die von weniger als 2 US-Dollar/Tag lebt

 KA

 91

 KA

 KA 

BNE (ppp) pro Kopf

 KA

 930 US-Dollar

 KA

 30.400 US-Dollar

Tab.1 - Die zwei Seiten des demografischen Gefälles: Nigeria und Japan. KA, keine Angaben; BNE (ppp), Bruttonationaleinkommen (BNE) in Kaufkraftparität (ppp) dividiert durch Bevölkerungszahl.

Quellen: Carl Haub, 2005 World Population Data Sheet und United Nations Population Division, World Population Prospects: The 2004 Revision (2005).

Japan


Japan ist die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt mit einem hohen Pro-Kopf-Einkommen (30.040 US-Dollar im Jahr 2003). Das Bildungsniveau der japanischen Bevölkerung ist hoch: Die meisten Japaner haben eine weiterführende Schule abgeschlossen und mindestens ein Drittel von ihnen besucht ein College oder eine Universität. Die japanische Bevölkerung ist zudem gesund: Japaner haben die weltweit höchste Lebenserwartung (82 Jahre), und Japan zählt zu den Ländern mit der geringsten Kindersterblichkeit. Darüber hinaus genießen Japaner einen hohen Lebensstandard mit Zugang zu allen Errungenschaften des modernen Informationszeitalters.


Mit 1,3 Kindern pro Frau weist Japan eine der niedrigsten Geburtenraten (zusammengefasste Geburtenziffer, TFR) weltweit auf. Angesichts der geringen Sterblichkeit unter den älteren Japanern bedeutet diese TFR, dass die japanische Bevölkerung auch zu den am schnellsten alternden Bevölkerungen weltweit zählt. Japan hat seit dem zweiten Weltkrieg, nach dem die japanische Wirtschaft in Trümmern lag, beträchtliche Veränderungen durchlebt. In den 1940er Jahren lag Japans TFR über 4,0. Doch sank die zusammengefasste Geburtenziffer bis zum Jahr 1952 unter 3,0 und bis 1995 sogar unter 1,5 ab. Die Lebenserwartung ist in Japan von 64 Jahren in den 1950er Jahren auf eine bis dahin noch nicht da gewesene Lebenserwartung von 80 Jahren gegen Ende der 1990er Jahre angestiegen.


Japan hat ein eindrucksvolles wirtschaftliches Wachstum und bemerkenswerte Verbesserungen bei der Gesundheit erzielt, und doch befindet sich die Gesellschaft noch im Wandel: vom Patriarchat zu einer Gesellschaft mit mehr Gleichberechtigung. Für Japanerinnen bedeutet dies einen Spagat zwischen der traditionellen Rolle als Hausfrau und ihrem Wunsch, in vollem Umfang am wirtschaftlichen und modernen sozialen Leben teilzuhaben. Japanerinnen heiraten erst mit Ende 20, und viele von ihnen bleiben sogar Single.


Das Durchschnittsalter, in dem japanische Frauen das erste Mal heiraten, ist von 23,0 im Jahr 1950 auf 27,8 Jahre im Jahr 2004 gestiegen. Ihr erstes Kind bekommen Japanerinnen im Durchschnitt mit 28,9 Jahren. Den Demografen war bekannt, dass Japan auf einen Bevölkerungsrückgang zusteuert. Erste Berichte für das Jahr 2005 deuten nun darauf hin, dass Japan mehr Todesfälle als Geburten verzeichnete, der natürliche Bevölkerungsrückgang also offiziell eingesetzt hat - zwei Jahre früher als vorhergesagt.

Nigeria


Obwohl die Geburten- und Sterberaten seit 1950 ebenfalls zurückgegangen sind, bleibt Nigeria ein Land mit hoher Fertilität und Mortalität: Frauen haben im Durchschnitt 5,9 Kinder, und die Lebenserwartung bei Geburt beträgt lediglich 44 Jahre. Im Jahr 1950 lebten in Nigeria annähernd 33 Millionen Menschen. Seitdem ist die Bevölkerung um das Vierfache angestiegen und Nigeria war 2005 mit seinen 132 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Afrikas.


Obwohl Nigeria zu den Erdöl exportierenden Ländern zählt, beträgt das Pro-Kopf-Einkommen nur die Hälfte des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens in der Sub-Sahara-Region (930 US-Dollar im Vergleich zu einem Durchschnitt von 1.830 US-Dollar für die gesamte Region). Ungefähr 91 Prozent der Nigerianer leben von weniger als 2 US-Dollar pro Tag.


Lediglich die Hälfte der nigerianischen Frauen kann lesen und schreiben. Ungefähr fünf Prozent der Nigerianer haben eine über den High School Abschluss hinausgehende Ausbildung. Nigerianerinnen heiraten jung und bekommen früh Kinder - in der Regel vor ihrem 20. Geburtstag. Die nigerianische Bevölkerung wird bis zum Jahr 2050 voraussichtlich auf 258 Millionen anwachsen und mit einem Bevölkerungsanteil der Unter-15-Jährigen von 27 Prozent verfügt das Land auch in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts über beträchtliche Kapazitäten für ein Bevölkerungswachstum (Bevölkerunsgmomentum).


Autoren: Mary Mederios Kent (Editorin beim Population Reference Bureau) und Carl Haub (leitender Demograf und Inhaber des „Conrad Taeuber Chair of Population Information“ am Population Reference Bureau).

Quelle: Mary Mederios Kent & Carl Haub: The demographic divide: What it is and why it matters. In: Population Reference Bureau, Dezember 2005


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Die TFR für Gesamtdeutschland im Oktober 2010: 1,37

 
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