|
|
Eine Informationsseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels
|
|
|
Demografische Entwicklungen in den ländlichen Regionen Amerikas sind von einer großen Vielfalt geprägt
|
|
Die Menschen in Deutschland werden zukünftig im Schnitt älter und weniger sein. Neben der Frage nach dem Ausmaß des Demografischen Wandels ist auch von besonderem Interesse, wie sich die Bevölkerung innerhalb Deutschlands auf Stadt und Land verteilen wird. Welche Regionen werden von den demografischen Entwicklungen profitieren, welche werden verlassen? Wie der vorliegende Artikel zeigt, beobachten Demografen auch in den USA, ein Land mit einer immer noch wachsenden, aber alternden Bevölkerung, große Unterschiede im Bevölkerungswandel zwischen einzelnen ländlichen Gebieten - ein Trend, der neue Lösungsansätze erfordert.
Das Scheinwerferlicht der Wissenschaft scheint immer auf die demografischen Trends in städtischen Gebieten gerichtet zu sein; ob Wanderungsbewegungen, Einkommens- und Wohn- verhältnisse oder die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung - jeder Aufwärts- oder Abwärtstrend wird von den Forschern akribisch verfolgt. Doch nachdem nun bereits mehr als die Hälfte des ersten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert verstrichen ist, ist es an der Zeit, das Augenmerk auch auf das ländliche Amerika zu richten, welches ebenfalls eine Vielzahl demografischer Veränderungen durchlebt.
Die ländlichen Regionen Amerikas umfassen über 75 Prozent der Landfläche und werden von 17 Prozent der US-Bevölkerung bewohnt. Zu Beginn und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verzeichneten die meisten ländlichen Gemeinden Bevölkerungsverluste; Millionen von Landbewohnern zogen in die florierenden Städte, in denen sie sich bessere Möglichkeiten erhofften. Die Anzahl der Landbewohner, die in die Städte abwanderten, variierte von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, ihr Ziel blieb jedoch immer das gleiche.
In den 1970er Jahren begann sich der Land-Stadt-Wanderungstrend umzukehren; das Bevölkerungswachstum in ländlichen Gebieten überstieg jenes in den Städten. Dann flaute das ländliche Bevölkerungswachstum in den 1980er Jahren zunächst ab, erholte sich in den frühen 1990er Jahren aber wieder. Ende der 1990er Jahre trat erneut ein Rückgang ein.
Seit 2001 wandern wieder mehr Menschen in ländliche Räume ein, und das Bevölkerungswachstum hat zugenommen, wenn auch in geringerem Maße als zu Beginn der 1990er Jahre.
Uneinheitliches Wachstum in ländlichen Gebieten
Der Bevölkerungswandel in ländlichen Regionen folgt erstaunlich unterschiedlichen Mustern. So lebten im Herzen der gewaltigen „Great Plains“ (ausgedehnte Prairiegebiete im Westen der USA) im Jahr 1900 in Hunderten von landwirtschaftlichen Bezirken mehr Menschen als heute. Anders sieht die Situation in ländlichen Gebieten mit Naturerholungsgebieten, Freizeiteinrichtungen oder in der Nähe von Städten aus: Hier führt das in juengster Zeit anhaltende Bevölkerungswachstum - verstärkt durch Stadt - Land -Wanderungen - zu sozialen und infrastrukturellen Belastungen der Gemeinden.
Zum Bevölkerungswachstum in einigen ländlichen Gebieten hat eine Vielzahl von Faktoren beigetragen. Durch technische Innovationen in den Bereichen Kommunikation und Transport sind die Menschen flexibler geworden und können auch außerhalb ihrer Büros arbeiten. Standortvorteile wie Größeneffekte und räumliche Nähe, die lange Zeit für eine Ansiedlung in innerstädtischen Gebieten sprachen, werden inzwischen durch Verkehrsbelastung, hohe Wohnkosten und Bevölkerungsdichte sowie durch Grundstücksknappheit und hohe Personalkosten aufgehoben. Umfragen haben zudem übereinstimmend bestätigt, dass viele Amerikaner lieber in kleineren Orten leben, die zwar in der Nähe von Städten, aber nicht direkt in städtischen Gebieten liegen.
Die räumlich unterschiedlichen Bevölkerungstrends in ländlichen Regionen werden in Amerika mit dem Begriff „selective deconcentration“ umschrieben: Es sind in jüngster Zeit vor allem die Zentren von eher geringer Bevölkerungsgröße und -dichte, die Zuläufe registrieren; unabhängig davon, ob sie zu städtischem oder ländlichem Gebiet zählen. Die höchsten Bevölkerungszuwächse verzeichnen Randgebiete von Städten sowie ländliche Regionen, die in der Nähe von Städten liegen - hierzu zählen auch Kleinstädte und ländliche Gebiete in der Umgebung von Naturerholungsgebieten und Freizeiteinrichtungen. In dicht besiedelten, großstädtischen Kernbezirken aber auch in abgelegenen und dünn besiedelten ländlichen Gebieten dagegen war der Bevölkerungszuwachs am geringsten.
Rückläufiger Zuwachs
Regionale Daten aus den Jahren 1990 bis 2000 und 2000 bis 2004 zeigen, dass die Bevölkerungswachstumsrate in allen ländlichen Regionen zurückgegangen ist (Abbildung 1). Im Nordosten waren die Unterschiede extrem gering, den dramatischsten Rückgang verzeichnete der mittlere Westen - von einem geringen Bevölkerungszuwachs in den 1990er Jahren zu minimalen Wachstumsraten im Zeitraum 2000 bis 2004. Im Süden und im Westen war der Bevölkerungszuwachs zwar größer, aber auch geringer als in den 1990er Jahren.
Abb.1 - Bevölkerungswandel nach US-Regionen, 1990-2004
Die Bevölkerungszusammensetzung des nichtstädtischen Amerikas ist weniger vielfältig als die der städtischen Gebiete. Jedoch lässt der jüngste Zuwachs an Minderheiten auf dem Land darauf schließen, dass die Bevölkerungsvielfalt auch dort zunimmt. Die lateinamerikanische Bevölkerung wächst in den ländlichen Gebieten am schnellsten. Die Wachstumsraten für die weiße, nicht-lateinamerikanische Bevölkerung sind minimal und gehen immer weiter zurück, jene für Amerikaner afrikanischer Herkunft sind ebenfalls gering. Insgesamt nimmt die Zuwanderung in die nichtstädtischen Gebiete zu und die Zuwanderer siedeln sich weiter verstreut an.
Veraltete und immer noch aktuelle Stereotypen
Gängige Bilder des ländlichen Amerikas basieren häufig auf veralteten Stereotypen, in denen Land mit Landwirtschaft gleichgesetzt wird. Obwohl die Landwirtschaft in Hunderten von Bezirken nach wie vor eine wichtige Rolle spielt, haben sich die ländlichen Regionen Amerikas mittlerweile stark gewandelt. Der Anteil der ländlichen Erwerbsbevölkerung, der in der Fertigung beschäftigt ist, ist fast doppelt so groß wie jener in der Landwirtschaft beschäftigten. Viele ländliche Gebiete entwickeln sich zu florierenden Zentren für Freizeitgestaltung und für Menschen im Ruhestand.
Leider entsprechen einige historische Bilder des ländlichen Amerikas nach wie vor der Realität. So sind die Kinderarmutraten auf dem Land höher als die der Stadtkinder, egal welcher Bevölkerungsgruppe sie angehören; in den abgelegensten ländlichen Gebieten finden sich auch die höchsten Kinderarmutsraten. Die Kluft zwischen der Kinderarmut auf dem Land und in der Stadt ist seit dem Ende der 1990er Jahre noch größer geworden.
Auch lebt in ländlichen Gebieten ein bedeutend höherer Anteil an armen Familien, in denen die Eltern verheiratet sind und beide arbeiten, die aber trotzdem nicht genug verdienen, um mit ihrer Familie der Armut zu entkommen. Darüber hinaus ist der Zugang zum Gesundheitswesen auf dem Land immer noch stärker eingeschränkt als in der Stadt. Die in ländlichen Regionen höhere Sterberaten für Kinder, junge Erwachsene, mittelalte Erwachsene sowie die höhere Anzahl an tödlichen Verkehrsunfällen lassen keinen Zweifel daran, dass die Frage, wo man lebt, manchmal tatsächlich darüber bestimmt, ob man lebt.
Was Politiker beachten sollten
Die demografischen Entwicklungen in den ländlichen Gebieten Amerikas mögen vielleicht komplex sein, doch die damit im Zusammenhang stehenden Veränderungen sind es nicht. Zu nennen ist die anhaltende Armut auf dem Lande, der Verfall und die abnehmende Handlungsfähigkeit ländlicher Gemeinden, die überlastete Infrastruktur, die Geldnot der Institutionen und die ansteigenden Wohnkosten in den wachsenden Gemeinden. Wenn die Politik nach Lösungsansätzen für diese kritischen Entwicklungen sucht, ist es entscheidend, dass auch Vertreter ländlicher Wahlkreise mit am Tisch sitzen. Armut, Gesundheitsversorgung, Zersiedelung und Umweltschutz, in all diesen Bereichen könnte die Politik von der ländlichen Sichtweise profitieren. Regelungen, die in der Stadt gut funktionieren, können für das Land ungeeignet sein. Umfassende politische Maßnahmen unter gewissenhafter Berücksichtigung der speziellen Bedürfnisse ländlicher Gemeinden könnten dazu beitragen, (i) dass die soziale, wirtschaftliche und physische Isolation, die für viele ländliche Regionen nach wie vor ein Problem darstellt, gelindert wird, (ii) dass Investitionen richtig eingesetzt werden, um ein Wachstum in prosperierenden ländlichen Gemeinden zu erleichtern, und (iii) dass die negativen Auswirkungen des Bevölkerungsrückgangs in anderen Gemeinden eingedämmt werden.
Autor: Kenneth Johnson (Professor für Soziologie an der Loyola University Chicago; Fachgebiet: demografische Entwicklungen in den Vereinigten Staaten)
Weitere Artikel zu Amerika:
|
|
Geburtenmonitor
|
|
|
|
Die TFR für Gesamtdeutschland im Oktober 2010: 1,37
|
|
|
|
Weitere saisonale Daten und Ergebnisse des Geburtenmonitors zu Fertilitätstrends finden Sie
hier
|
|