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Der Blick in die Zukunft lässt uns älter aussehen als viele erwarten
Wir werden immer älter, und die Lebenserwartung in Deutschland wird sich auch in den kommenden Jahrzehnten weiter erhöhen. Setzt sich der beobachtete Trend fort, so könnte die Lebenserwartung deutlich stärker ansteigen als es die offiziellen Prognosen vermuten lassen: Im Jahr 2050 läge sie hierzulande dann über 90 Jahre. Der anhaltende Anstieg der Lebenserwartung ist vor allem der verringerten Sterblichkeit im hohen Alter zuzuschreiben. Das ist einerseits eine der großen zivilisatorischen Errungenschaften. Andererseits bedeutet der Anstieg der Lebenserwartung eine große Herausforderung für Gesundheits- und Rentensysteme. Wenn den Planungen vorsichtige Projektionen zugrunde gelegt werden, wie in Deutschland der Fall, besteht die Gefahr, sich schlecht vorbereitet in eine veränderte gesellschaftliche Situation treiben zu lassen.
Abb. 1 - Lebenserwartung der Frauen in dem jeweils rekordhaltenden Land seit 1840 und in Deutschland.
Die Zukunft ist unsicher, doch eines ist sicher: Wir erleben einen demografischen Wandel, der unsere Gesellschaft tiefgreifend verändert, der das Verhältnis von Jungen zu Alten und von Erwerbstätigen zu Rentnern verschieben wird – zu Gunsten der letzteren. Dass auch Prognosen mit Unsicherheiten behaftet sind, macht sie nicht unwichtiger, denn Politikstrategen und Regierungsverantwortliche müssen sich darauf einstellen, wie sich das Altern der Gesellschaft auf die sozialen Sicherungssysteme und auf das ökonomische Wachstum auswirkt. Reformen müssen den demografischen Veränderungen vorauseilen, um ihre Wirkung rechtzeitig entfalten zu können.
Die Sterblichkeit ist neben der Geburtenrate und der Migration einer der drei Faktoren, die den demografischen Wandel beeinflussen. Sterblichkeitsprojektionen werden auf der Grundlage der „Lebenserwartung bei Geburt“ angestellt, was ein Maß für die durchschnittlich gelebten Jahre eines neugeborenen Kindes ist, das in jeder Lebensphase den alterspezifischen Sterblichkeitsraten von heute ausgesetzt wäre. Aufgrund der sozioökonomischen Brisanz müssen Entscheidungsträger wissen, wie sich die Lebenserwartung entwickeln wird - und zwar nicht nur kurz - sondern auch längerfristig.
Um sich für den Blick in die Zukunft zu rüsten, betrachten wir zunächst die Vergangenheit und Gegenwart. Es zeigt sich, dass die Lebenserwartung in den Industrieländern seit 1840 stetig angestiegen ist. In den Ländern mit der jeweils weltweit höchsten Lebenserwartung der Frauen zeigt sich in den vergangenen 160 Jahren ein erstaunlich linearer Anstieg von fast drei zusätzlichen Lebensmonaten pro Jahr Stellten die Schwedinnen 1840 mit durchschnittlich 45 gelebten Jahren noch die Spitzengruppe, so sind heute die Japanerinnen mit 86 Jahren die Langlebigsten. Ein komplexes Zusammenspiel von steigendem Wohlstand, gesunder Ernährung, humanen Arbeitsbedingungen mit geringerem körperlichem Verschleiß, verbesserter Hygiene, sozialer Fürsorge und medizinischer Versorgung wird für das längere Überleben verantwortlich gemacht. Die zugrunde liegenden Mechanismen des regelmäßigen Anstiegs sind vielfältig, komplex und selbst Veränderungen unterworfen. Das Ergebnis ist jedoch ein linearer Anstieg, der bis heute kein Zeichen einer Abflachung zeigt. Auch in Deutschland steigt seit Mitte der 1950er Jahre die Lebenserwartung etwa parallel zur Linie der Rekordhalter.
Fällt schon die Analyse der Mechanismen schwer, die bisher auf die Erhöhung der Lebenserwartung Einfluss nahmen, um so schwieriger ist es, die Faktoren zu benennen, die zukünftig zum Anstieg der Lebenserwartung beitragen könnten. Wir wissen nicht, welche medizinischen Durchbrüche Fortschritte bei der Prävention, Diagnose und Behandlung von tödlichen Alterskrankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder neurogenerativen Erkrankungen bringen können. Noch sind uns bahnbrechende Innovationen aus der Krebsforschung, der Stammzellforschung oder der Nanotechnologie nicht bekannt, die dazu beitragen könnten. Doch auch vor 30 Jahren konnte man sich nicht vorstellen, dass Bypassoperationen oder Nierentransplantationen einmal medizinische Routine würden oder dass die Krebssterblichkeit sinken würde.
Diese Unsicherheit befördert Unterschätzungen. Das ist nicht neu, sondern hat Tradition: Immer wieder wurden maximale, biologisch unüberwindliche Grenzen der Lebenserwartung veröffentlicht, die wenig später von der Wirklichkeit überholt wurden. Immer wieder mussten öffentliche Prognosen der Lebenserwartung nach oben korrigiert werden. Und noch immer steigt die Lebenserwartung in den Ländern mit hohen Werten ungedrosselt an. Eine Obergrenze der Lebenserwartung ist nicht in Sichtweite.
Abb. 2 - Fortschreibung der Lebenserwartung (LE) bei Frauen in Deutschland (rot) und in rekordhaltenden Ländern (blau) bis 2050
Die Zukunft wird sich von der Gegenwart unterscheiden, doch wir wissen nicht wie. Solange wir keine tiefere Einsicht in die Mechanismen und Ursachen der zukünftig steigenden Lebenserwartung haben, können keine präzisen Annahmen für Vorhersagen gemacht werden und man ist auf Extrapolationen angewiesen. Prognosen, die den linearen Trend dieser Entwicklung der Lebenserwartung aufnehmen, stützen sich auf Zeitreihenanalysen. Diese greifen die Charakteristika der Zeitreihe bis heute auf und projizieren sie in die Zukunft. Je nach Herangehensweise (Random walk with drift oder Gap-Analyse) wäre in Deutschland im Jahr 2050 mit einer Lebenserwartung von deutlich über 90 Jahren zu rechnen (92,6 ± 3,8 Jahre bzw. 94 ± 2,8 Jahre). Demgegenüber beschreibt das Statistische Bundesamt in seinem mittleren Szenario eine Lebenserwartung von 86,6 Jahren und Eurostat von 86,9 Jahren. Die verschiedenen Prognosen unterscheiden sich um bis zu 7 Jahre. Jedoch schon geringe Abweichungen in der prognostizierten Größe der Bevölkerung jenseits des Renteneintrittsalters haben enorme Auswirkungen auf die Sozialsysteme. Berücksichtigt man die Unsicherheiten in Form der 95%-Prognoseintervalle, könnte sich die extrapolierte Lebenserwartung sogar in Richtung des weltweiten Spitzenreiters entwickeln. Von einem Verbleiben unter der 90-Jahre-Marke bis 2050 sollten wir nicht ausgehen.
Aber die Zukunft ist ungewiss. Vieles könnte in unvorhergesehener Weise die Lebenserwartung drücken: Epidemien, Terroranschläge, Naturkatastrophen – denkbar wäre einiges. Dennoch ist die Gefahr zu vorsichtiger Prognosen nicht zu unterschätzen: Sie bereiten die Gesellschaft nicht auf die deutliche Zunahme an Hochbetagten vor, deren Versorgung, Betreuung und Pflege den Einzelnen und den Staat vor große menschliche und wirtschaftliche Herausforderungen stellen wird. Sie vernachlässigt, dass ein 65-Jähriger im Vergleich immer jünger wird und dass das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentenbeziehern sich noch dramatischer gestalten könnte. Vorsichtige Prognosen erlauben Politikern, zwingend notwendige, schmerzhafte Reformen der Sozialsysteme aufzuschieben.
kgk Autoren: Sabine Schnabel, Kristín von Kistowski, James W. Vaupel Quelle: Schnabel, S., Kistowski, K., Vaupel, J., 2005: Immer neue Rekorde und kein Ende in Sicht, DFAEH 2/2005. Weitere Artikel zur Lebenserwartung:
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