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Das Alter beim Auszug aus dem Elternhaus ist im vergangenen Jahrhundert deutlich gesunken. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern bleibt es in Deutschland nach wie vor niedrig, so die Schlussfolgerung von Dirk Konietzka vom MPIDF und Johannes Huinink vom Institut für empirische und angewandte Soziologie der Universität Bremen. Die beiden Wissenschaftler verglichen im Rahmen einer Studie die Daten von Männern und Frauen verschiedener Geburtenjahrgänge. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts ist das durchschnittliche Alter beim Verlassen des Elternhauses merklich gefallen, und zwar bei Männern von 27 auf 23 Jahre und bei Frauen von 26 auf 21 Jahre. Das zeigt ein Vergleich der Jahrgänge 1919 bis 1921 und 1959 bis 1961. Auch bei den etwas Jüngeren sank das Auszugsalter nochmals leicht ab. Bei den Mitte der 1970er Jahre Geborenen pendelte es sich aber auf dem gleichen Niveau ein wie bei den in den 1960er Jahren Geborenen. Die Wissenschaftler konnten damit einen vielfach belegten Rückgang des Auszugsalters bei den in den 1950er Jahren Geborenen feststellen. Sie fanden allerdings keinen Hinweis für die verbreitete Annahme, dass in den jüngeren Jahrgängen das Auszugsalter wieder ansteigt.
Für die älteren Jahrgänge war der Auszug noch eng mit der Eheschließung und Familiengründung verknüpft. In den letzten 30 Jahren haben sich diese Ereignisse aber immer mehr voneinander abgekoppelt. Die Ehe wurde zumindest teilweise durch nichteheliche Lebensgemeinschaften ersetzt. Der Auszug wurde zugleich verstärkt zu einem eigenständigen Ereignis im Rahmen des Übergangs in das Erwachsenenalter, das mit spezifischen Vor- und Nachteilen verbunden ist. Durch ihn erhöhen sich in der Regel die Chancen, das eigene Leben individuell zu gestalten. Jedoch müssen die jungen Erwachsenen dafür verstärkt für ihren eigenen Lebensunterhalt aufkommen und können Dienstleistungen der Eltern nur noch beschränkt in Anspruch nehmen.
Eine Zunahme der Jugendarbeitslosigkeit und gesteigerte Wohnkosten sind nach populären Darstellungen der Grund, dass Jugendliche das „Hotel Mama“ inzwischen wieder möglichst lange in Anspruch nehmen. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern sind diese Tendenzen in Deutschland aber, wenn überhaupt, nur schwach ausgeprägt. Die Wissenschaftler halten die – mit den neuen Lebensformen des Alleinlebens, der Wohngemeinschaften und der nichtehelichen Lebensgemeinschaften verbundenen – gesunkenen Kosten für eine Haushaltsgründung für mitverantwortlich, dass das Auszugsalter hierzulande nicht wieder angestiegen ist. ks Autoren: Dirk Konietzka, Johannes Huinink Quelle: „Die De-Standardisierung einer Statuspassage? Zum Wandel des Auszugs aus dem Elternhaus und des Übergangs in das Erwachsenenalter in Westdeutschland“, Soziale Welt, 54:3, 285-311, 2003. |
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