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Seit Mitte der 1970er Jahre ist der steile Anstieg der Lebenserwartung insbesondere auf die rückläufige Sterblichkeit im hohen Alter zurückzuführen. Alte Menschen scheinen besonders stark von lebensverlängernden kulturellen Faktoren wie medizinischer Versorgung, Einkommen oder Bildung zu profitieren. Dies steht im Widerspruch zu klassischen evolutionsbiologischen Erklärungsansätzen. Heiner Maier und James W. Vaupel vom MPIDF interpretieren wichtige Forschungsergebnisse.
Mit zunehmendem Alter sinken körperliche und geistige Anpassungsfähigkeit und damit die Überlebenschancen. In verschiedensten Epochen und auf der ganzen Welt ist deshalb ein universeller Anstieg der Sterblichkeit mit fortschreitendem Alter zu beobachten. Die Evolutionstheorie liefert dafür einen plausiblen Erklärungsansatz. Denn die Evolution maximiert nicht etwa das lange Leben sondern die Fitness, das heißt die Zahl der überlebenden Nachkommen. Ist die Fortpflanzungsphase erst einmal abgeschlossen, kann die natürliche Selektion keinen Druck mehr auf schädliche Mutationen ausüben. So muss der Evolutionstheorie zufolge der Alterungsprozess nach der Fortpflanzungsphase ungehindert einsetzen und seinen Lauf nehmen – bis zum unausweichlichen Tod.
Tatsächlich steigt das altersspezifische Sterberisiko im Erwachsenenalter ab ca. 30 Jahren exponentiell an – in Deutschland und vielen anderen industrialisierten Ländern. Etwa ab 85 Jahren verlangsamt sich der Anstieg allerdings wieder. Jüngste Studien lassen den Schluss zu, dass die Sterblichkeit heute im sehr hohen Alter auf dem erreichten Niveau verharrt oder sogar wieder abnimmt. Der Alterungsprozess erweist sich somit nicht als unausweichlich und offenbar als formbar (plastisch). Kulturelle Faktoren wie z.B. bessere medizinische Versorgung, Umstellung der Lebensgewohnheiten, materieller Wohlstand, körperliches und mentales Training, entfalten kurzfristig und auch im fortgeschrittenen Alter noch eine deutliche lebensverlängernde Wirkung.
Der Alterungsprozess, einhergehend mit schwindender Gesundheit und Funktion, ist im Sinne der klassischen Evolutionstheorie erklärbar – bei der gewaltigen Zunahme der Lebenserwartung im 20. Jahrhundert ist die Evolution jedoch nicht im Spiel. Für grundlegende Veränderungen im menschlichen Genpool wären 100 Jahre viel zu kurz. Vielmehr müssen kulturelle Faktoren verantwortlich sein. Die Tatsache, dass kulturelle Faktoren sich offenbar ausgerechnet im hohen Alter als besonders wirksam erweisen, steht interessanterweise im Widerspruch zu den Erkenntnissen anderer Disziplinen. Beispielsweise belegen psychologische und medizinische Studien, dass Ältere trotz Training nicht die gleichen sportlichen Spitzenleistungen wie Jüngere erreichen können oder für ein bestimmtes Lernziel deutlich länger brauchen. Wenn dennoch wesentliche Fortschritte bei den Überlebenschancen im hohen Alter erzielt werden, deutet dies möglicherweise darauf hin, dass hier überproportional viele Ressourcen investiert werden, beispielsweise durch das Gesundheitswesen oder das Rentensystem. Festzuhalten bleibt, dass empirisch viel dafür spricht, dass die Langlebigkeit plastisch ist und dass eine weitere Erhöhung der Lebenserwartung möglich ist. Dabei spielen kulturelle Faktoren eine zentrale Rolle.
KvE Autoren: Heiner Maier und James W. Vaupel Quelle: Maier, H., Vaupel, J.W., 2003: Age Differences in Cultural Efficiency: Secular Trends in Lon-gevity, in Staudinger, U.M.; Lindenberger, U. Understanding Human Development, Kluwer Academic Publishers, S. 59 – 78. Weitere Artikel zur Lebenserwartung:
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