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Die Lebenserwartung ist in den vergangenen 50 Jahren weltweit gestiegen, in manchen Ländern sogar um bis zu 20 Jahre. Diese Entwicklung wird sich Prognosen zufolge in den kommenden Jahrzehnten fortsetzen. Doch keine Regel ohne Ausnahme: in den vergangenen zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts durchbrachen 42 Länder, vor allem in Afrika und in Osteuropa, mit stagnierender oder gar fallender Lebenserwartung den allgemeinen Trend. Vladimir Shkolnikov, Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für demografische Forschung, beschäftigt sich eingehend damit, wie solche Abweichungen zu erklären sind. Die Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen ging in den 1970er und 1980er Jahren davon aus, dass in Ländern mit einer Lebenserwartung unter 62 Jahren diese alle fünf Jahre um 2,5 Jahre steigen würde. Für Länder, die bereits eine höhere Lebenserwartung aufwiesen, wurde ein Anstieg von zwei Jahren innerhalb einer Fünf-Jahres-Periode prognostiziert. Seit den 1950er Jahren verringern sich die Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen hochentwickelten und weniger entwickelten Ländern (Konvergenz).
Für die meisten hochentwickelten Länder traf diese Vorhersage zu. Geringfügige Abweichungen gab es beispielsweise in Frankreich und Japan, wo die prognostizierte Steigerung der Lebenserwartung sogar übertroffen wurde. In Dänemark „entschleunigte“ sich dagegen die Entwicklung: der durchschnittliche jährliche Anstieg der Lebenserwartung fiel geringer aus als erwartet.
Ende des 20. Jahrhunderts traten jedoch vermehrt auch deutliche Abweichungen von dem allgemeinen Trend der steigenden Lebenserwartung auf. In Polen stagnierten die Werte von Mitte der 1960er Jahre bis Anfang der 1990er Jahre. Russland erlebte zwischen 1990 und 2000 sogar einen gravierenden Rückgang der Lebenserwartung um rund fünf Jahre und damit eine Umkehrung des allgemeinen Trends. Studien zeigen, dass dies nicht nur durch eine Verschlechterung der Gesundheitsbedingungen verursacht wurde. Die ehemals starken sozialen Sicherungsnetzwerke bröckeln, der Rückhalt des Einzelnen in der Gesellschaft geht mehr und mehr verloren. Außerdem sehen sich immer mehr Menschen mit Arbeitslosigkeit und wachsenden Einkommensunterschieden konfrontiert. Die Betroffenen neigen vermehrt zu psychosozialem Stress und übermäßigem Alkoholkonsum. Somit sind die Gründe für den Rückgang der Lebenserwartung in Russland auch in der allgemeinen Unsicherheit nach dem Übergang der ehemals sozialistischen Staaten in ein marktwirtschaftliches Ordnungs- und Wirtschaftssystem zu suchen. Den stärksten Einbruch der Lebenserwartung weisen jedoch einige afrikanische Länder wie Botswana, Kenia oder Zimbabwe auf. Dort führten insbesondere Epidemien wie HIV/AIDS, Malaria oder Tuberkulose dazu, dass die durchschnittliche Lebenserwartung entgegen des allgemeinen Trends innerhalb weniger Jahre um mehr als zehn Jahre fiel.
Auch in Zukunft werden politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen Einfluss auf die Entwicklung der Lebenserwartung nehmen. Es ist davon auszugehen, dass medizinische Fortschritte und Verbesserungen der Lebensbedingungen einen weiteren Anstieg der menschlichen Lebenserwartung bewirken. Für Prognosen der Lebenserwartung in spezifischen Ländern, das legen die vorgestellten Forschungsergebnisse nahe, sollten jedoch neben epidemiologischen Faktoren verstärkt Umfeldfaktoren sowie kulturelle, soziale und psychologische Aspekte einbezogen werden. Außerdem sind für eine genauere Analyse der Trendumkehrung in der Lebenserwartung in Ländern, in denen sich die gesundheitlichen Bedingungen derart stark verändert haben, detailliertere Daten wünschenswert. Dies betrifft in besonderer Weise einige afrikanische Länder. khf Autor: Vladimir Shkolnikov
Quelle: Shkolnikov, V. M., 2005. Towards the understanding of mortality divergences and reversals. Comments at the Ceremony for the IUSSP-Dogan Award for Comparative Research in Demography. XXV International Population Conference, Closing Ceremony, Tours, July 23, 2005 Weitere Artikel zur Lebenserwartung:
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